Eine Überdosis Gift und Gülle auf den Äckern, das Verschwinden der Insekten und Vögel, das Leiden der Nutztiere in engen Ställen, die vielgesichtigen Folgen des Klimawandels: Europas Landwirtschaft muss umsteuern, damit sie die Ökosysteme erhält, statt sie zu zerstören. Wie gut Bauern bei dieser Herausforderung unterstützt werden, daran muss sich eines der ältesten Projekte der Europäischen Union messen lassen: die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP).

Es ist wieder so weit: Wie alle sieben Jahre wird gerade darüber entschieden, wofür die Subventionen der GAP ausgegeben werden. Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Und mit 365 Milliarden Euro kann man eine Menge bewirken. Entsprechend bedeutsam ist der Entwurf, den der zuständige Kommissar letzte Woche für die Förderperiode ab 2021 auf den Tisch gelegt hat. Stellt Phil Hogan die Weichen für die notwendige ökologische Transformation?

Was große Bauernverbände freut, ist für Umweltschützer eine Enttäuschung: Seine Prioritäten hat der Ire Hogan erst einmal anders gesetzt. Einhellige Zustimmung bekommt er zwar dafür, dass er die teils absurde Brüsseler Bürokratie abspecken will. Der Vorschriftenwirrwarr raubt Landwirten tagtäglich den letzten Nerv. Umso heftiger umstritten ist sein zweites Ziel, das System der Direktzahlungen beizubehalten. Denn diese Einkommenshilfen lässt Europa zum größten Teil ohne Gegenleistungen mit der Gießkanne auf jeden Hektar regnen. Verkauft wird das als Stütze für kleinere Höfe, doch am meisten profitiert der, der viel Fläche besitzt. Hogans drittes Ziel, deshalb einen Teil der Zuwendungen nach unten umzuverteilen, ist so seicht geplant, dass man es leicht umgehen kann.

Und der Schutz der Natur, des Klimas, der Arten? Dafür legt sich der Kommissar zwar ebenfalls ins Zeug. Zumindest blüht in seinem Entwurf üppige Nachhaltigkeitsrhetorik. Doch viele seiner konkreten Vorschläge entpuppen sich als unklar oder rückschrittlich.

Beispielsweise will Hogan die erst bei der letzten Reform eingeführten Ökovorschriften bei den Direktzahlungen wieder abschaffen. Seither müssen Landwirte für immerhin ein Drittel ihrer Zuwendungen nachweisen, dass sie auf einem Teil ihrer Flächen Fruchtfolgen erweitern oder Hecken und Blühstreifen anlegen, damit sich Böden erholen, Pflanzen- und Tierarten wieder ausbreiten können. Dieses "Greening" wurde seinerzeit dank intensiver Lobbyarbeit der Bauernverbände von Ausnahmen durchlöchert und entfaltete deshalb so gut wie keine Wirkung. Wenn er schon an den Direktzahlungen festhält, müsste Phil Hogan das Greening reparieren – und eher ausweiten.

Stattdessen plant er Europas weitgehenden Rückzug aus der konfliktreichen ökologischen Wende und delegiert sie an die Mitgliedsstaaten. In Zukunft sollen sie ihre eigenen nationalen Strategiepläne für den Umwelt- und Klimaschutz in Brüssel genehmigen lassen. Diese Strategie ist zwiespältig. Einerseits könnte sie Europa in zwei Lager teilen: in Länder, die sich engagieren, und andere, die so gut wie gar nichts tun. Im europäischen Binnenmarkt, wo viele landwirtschaftliche Erzeuger miteinander im Preiskampf stehen, erwartet der grüne EU-Abgeordnete Martin Häusling deshalb eher eine umweltpolitische Abwärtsspirale als einen Wettbewerb darum, wer es am besten macht. Der als konservativ geltende deutsche Bauernverband etwa werde bestimmt "bei jedem grünen Vorschlag auf die Barrikaden gehen", prophezeit Häusling.