Seit je dreht sich das Denken und Fühlen der Neuen Rechten um den sogenannten Schuldkult. Der Vorwurf lautet: Die Deutschen würden sich masochistisch in der NS-Schuld wälzen. Leute wie Björn Höcke verachten die Bundesrepublik dafür, dass sie auf eine negative Ursprungserzählung gegründet ist: Nie wieder Auschwitz! Und es stimmt ja: Statt an die siegreiche Schlacht bei Leuthen oder die Kaiserkrönung Karls des Großen am ersten Weihnachtsfeiertag im Jahr 800 zu erinnern, kennt der deutsche Staatskalender den 27. Januar als Gedenktag der Befreiung von Auschwitz.

Deutschland ist das erste Land, das sein Selbstverständnis nicht auf ruhmreiche Taten der Vergangenheit gründet, sondern auf ein reuevolles Schuldeingeständnis. Seit Gründung der Bundesrepublik werfen Rechtsradikale ihr deshalb vor, in Sack und Asche zu gehen. Aus ihrer Sicht haben Nationen ein Anrecht auf ein gutes Gewissen – selbst um den Preis, die geschichtliche Wahrheit zu beugen. Vor einem Jahr gab es einen Skandal um das Buch des Historikers Rolf Peter Sieferle, Finis Germania. Der blies in dasselbe Horn: Der "Auschwitz-Mythos" verdamme die Deutschen zu "absoluten Tätern".

Wie kindliche Narzissten ertragen die Rechten kein gebrochenes Selbstbild

Wollte Alexander Gauland mit seiner Bemerkung, "Hitler und die Nazis" seien nur ein "Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte", provozieren, um die AfD im Gespräch zu halten? Nein, das kam von Herzen. Beziehungsweise von jenem Ort der Psychomotorik, wo die Zwangsneurosen sitzen: Wer nämlich wirklich fixiert auf die deutsche Schuld ist, das sind die Rechten. Wie kindliche Narzissten ertragen sie kein gebrochenes Selbstbild. Das führt zu der Paradoxie, dass der Holocaust die Rechten mehr um den Schlaf zu bringen scheint als die geübten bundesrepublikanischen Vergangenheitsbewältiger, die doch einen Modus Vivendi zwischen Scham, Schreck und Weiterleben gefunden haben.

Wer sich dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse bei rechten Verlagen umschaute, um zu sehen, mit welchen frischen Reizwörtern sie sich stimulieren, durfte feststellen: Auch 70 Jahre nach dem Vernichtungskrieg im Osten geht es immer noch darum, die Wehrmacht reinzuwaschen.

Es ist offenbar unmöglich, in Deutschland eine Partei am rechten Rand zu platzieren, ohne auf die schiefe Ebene der Vergangenheitsrevision zu geraten. Doch es gibt einen Wandel: Früher leugneten die Rechten den Holocaust. Sie verteidigten Hitlers Taten nicht, sondern bestritten sie. Der Holocaust war gewissermaßen auch für ihren Geschmack zu furchtbar, um wahr zu sein. Gauland hingegen, der in seiner Rede vor der AfD-Jugend sich zur Verantwortung für den Holocaust bekannte, leugnet ihn nicht, sondern will ihn in die rechte Proportion rücken: In der Gesamtbilanz von 1.000 Jahren deutscher Geschichte bleibe unterm Strich ein Plus.

Gauland und die AfD können sich nationale Identität nur triumphalistisch vorstellen. Dabei sind es gemeinsame Erfahrungen, die Nationen zusammenhalten. Diese haben viel häufiger etwas mit Nöten, Schrecken und Traumata als mit Siegen und einer weißen Weste zu tun. Geschichte aber gibt es nur im Gesamtpaket, Rosinenpicken ist nicht erlaubt.

Gauland, der gern den Historiker heraushängen lässt, ist in Wahrheit ein ahistorischer Mensch: Für ihn gibt es ein überzeitliches Deutschland, dessen Glanz von den Menschen mit dem Schuldkult verleugnet werde. Aber nicht mal das stimmt. Gerade der Potsdamer Gauland könnte wissen, wie vergangenheitsselig unser Vaterland geworden ist. Die deutsche Repräsentationskultur ist nämlich alles andere als "links" im Sinne der Selbstverleugnung. In Potsdam wird die Garnisonkirche wiederaufgebaut, in Berlin das Stadtschloss. Kein Preußen-Freund kann sich beschweren, nicht auf seine Kosten zu kommen.

Vielleicht war es Helmut Kohl, der in seiner pragmatischen Art das beste Gespür für Kontinuität und Zivilisationsbruch hatte: Er initiierte das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas und ließ die Gebeine Friedrichs des Großen zurück nach Sanssouci holen. Das ist die Doppelhelix des modernen Deutschland.

Die AfD hatte lange Erfolg mit ihrem Spott über Gutmenschen. Mittlerweile hat sie die Lust an der Menschenfeindschaft so ausgekostet, dass jedem vor Augen stehen dürfte, wie gut aufgehoben das Staatsschiff in den Händen bedächtiger, komplexitätsfähiger Gutmenschen ist.

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