Bei der Affäre um das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) verhält es sich so wie beim Schälen einer Zwiebel: Schicht um Schicht dringt man von außen nach innen vor, und jede Schicht treibt einem mehr Tränen in die Augen. Das Bamf steht nicht nur im Ruf, Deutschlands derzeit gemeingefährlichste Behörde zu sein, es muss womöglich bald in "Bundesamt für Merkels Flüchtlingsproblem" umbenannt werden, weil der Skandal nun auch das Kanzleramt erreicht hat.

Offenkundig ist, dass die erste Schicht – die Ausfertigung manipulierter Asylbescheide in der Bremer Außenstelle – nur die Oberfläche ist. Einige Dutzend dubiose Antragsteller sind dabei durch die Maschen geschlüpft; man ahnt, dass mehr ans Licht kommen wird.

Die zweite, darunterliegende Schicht betrifft die Elite der deutschen Wirtschaft. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle beauftragte die Bundesregierung die Unternehmensberatungen McKinsey, Ernst & Young sowie Kienbaum damit, die Asylverfahren neu zu organisieren. Seit knapp drei Jahren sind die Controller nun am Werk, rund 55 Millionen Euro erhalten sie dafür. Das Beste, was man über sie behaupten kann, ist, dass sie ebenso überfordert wie die Beamten sind, nur viel, viel besser bezahlt.

Das Bamf war die zentrale Behörde. Dies war Angela Merkels Versprechen

Die dritte Schicht umschließt das Innenministerium, in dem es der zuständige Staatssekretär schaffte, seinem Minister Horst Seehofer einen brisanten Schadensbericht vorzuenthalten. Seehofers Leute sind für die Aufsicht über das Bamf zuständig, aber sie wirken so, als würden sie dabei nur auf Sicht fahren, ohne zu durchschauen, was in der Behörde vor sich geht.

Der Kern dieser Affäre aber betrifft das Kanzleramt. Die Bundeskanzlerin hat die kurzfristige Öffnung der Grenzen im Herbst 2015 ziemlich einsam entschieden, gefolgt vom Entschluss, ihren damaligen Kanzleramtschef Peter Altmaier zum Koordinator der Flüchtlingspolitik zu ernennen. Merkel hatte ganz zutreffend erkannt, dass das Management der Folgen über Wohl und Wehe ihrer Kanzlerschaft entscheiden kann.

Ihr berühmter Satz "Wir schaffen das" wirkte ja in zwei Richtungen. Das "Wir" richtete sich zum einen an die Gesellschaft, ein leidenschaftlicher Appell an die Deutschen, der Herausforderung gleichermaßen großherzig wie zupackend zu begegnen. Zum anderen war es aber auch eine Versicherung einer Staatschefin, die für ihren Apparat bürgte: Wir, die Regierung und ihre Behörden, schaffen das. Eine Million Migranten würde das Land an seine Leistungsgrenze treiben, aber nicht darüber hinaus. Der deutsche Verwaltungsapparat, bekannt für seine emotionsfreie Effizienz, würde ruckeln und zuckeln. Aber er würde die Lage meistern. Das Bamf war dabei nicht eine, sondern die zentrale Behörde. Dies war (und ist) Merkels Versprechen.

Jeden Tag lernt das Land derzeit ein bisschen mehr, wie schwierig und partiell schlecht die Umsetzung verlaufen ist: dass das Bamf keine gut geölte Behörde ist; dass das Innenministerium noch keinen Plan hat, sondern nur einen nationalgefühlig daherredenden Minister; dass das Kanzleramt von seiner Führungsrolle in der Flüchtlingspolitik nicht mehr viel wissen will.

Deshalb irren Teile von SPD und CDU, Grüne und Linkspartei, wenn sie meinen, man könne die Verfehlungen in ein, zwei oder drei Sondersitzungen des Innenausschusses erörtern.

Aufzuarbeiten ist die Umsetzung einer der großen politischen Entscheidungen dieser Zeit, mit einem in Teilen multiplen Versagen, das in Bremen sichtbar wurde, aber untrennbar mit dem Kanzleramt verbunden ist. Ein Untersuchungsausschuss wäre nicht dazu da, mit der Entscheidung der Kanzlerin abzurechnen, Menschen in Not ins Land zu lassen – wohl aber damit, wie die Regierung mit den Folgen umging.

Der Ausschuss müsste zugleich die Chance wahrnehmen, sich gegen die rechten Schreihälse von der AfD darüber zu verständigen, worum es eigentlich geht: wie dieses Land mit Migranten menschlich, sozial verträglich und rechtsstaatlich zugleich umgeht, ohne in Hysterie zu verfallen.

Die lustvoll zelebrierten Details, die nun Tag für Tag durchsickern, verbunden mit dem von den Rechtspopulisten genährten Gefühl, da solle etwas vertuscht werden, spielen der AfD jedenfalls mehr in die Hände als eine ehrliche Aufklärung. Die Deutschen verzeihen Merkel viel, sogar das Eingeständnis von Fehlern. Aber sie haben ein feines Gespür dafür, wann die Kanzlerin versucht, Pannen trotzig wegzuschweigen.

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