Jeder Skandal hat sein Gesicht. Im Skandal um womöglich unrechtmäßig erteilte Asylbescheide ist es das Gesicht von Ulrike B., 57 Jahre alt, ehemalige Leiterin der Bremer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf).

Ulrike B. erscheint in diesem Skandal als korrupte Juristin, die zwischen 2013 und 2016 Tausende Asylverfahren aus ganz Deutschland an sich gezogen hat, um Menschen Flüchtlingsschutz zu gewähren, die eigentlich nicht hätten bleiben dürfen. Als Beamtin, der die wahre Identität der Antragsteller gleichgültig war und die so womöglich Terroristen und Kriminellen Schutz gewährte. Als Frau, die mit dubiosen Asylanwälten kungelte und mit einem von ihnen sogar liiert war.

Die Bremer Außenstelle ist zurzeit außer Betrieb, Ulrike B. suspendiert. Die Staatsanwaltschaft Bremen ermittelt gegen sie und ihre möglichen Komplizen wegen Bestechung, Bestechlichkeit und bandenmäßiger Verleitung zur missbräuchlichen Asylantragstellung. B.s Haus wurde von Polizisten durchsucht, später von Reportern belagert. Jeder, der die Zeitung aufschlägt, kann sich ein Bild von Ulrike B. machen. Die Frage ist nur, ob dieses Bild wirklich vollständig ist.

Die ZEIT hat zum Teil vertrauliche Berichte aus dem Bundesamt eingesehen und mit Beamten aus dem Bamf und dem Bundesinnenministerium gesprochen, mit Asylanwälten, Vertrauten und mit dem Strafverteidiger von Ulrike B. Sie alle erzählen eine andere Geschichte über Ulrike B. Auch der Verteidiger, der sich bislang kaum öffentlich geäußert hat.

Ulrike B. erscheint in dieser Darstellung als erfahrene Beamtin, die sich zwar über Dienstvorschriften hinweggesetzt haben mag, sich aber nicht strafbar machte. Als gewissenhafte Juristin, die wohl überschießend war in ihrem Engagement für Flüchtlinge, aber vor allem solchen Menschen einen positiven Asylbescheid verschaffte, die ihn auch anderswo mit einiger Wahrscheinlichkeit bekommen hätten. Und: Ulrike B. könnte in dieser Perspektive zugleich auch selbst Opfer sein, ein Opfer von Intrigen und Ablenkungsmanövern. Gescholten von Politikern, die die Verantwortung für den desolaten Zustand des Bamf von sich zu schieben versuchen. Angeschwärzt von einem Mitarbeiter, den ein ehemaliger Vorgesetzter als "psychisch auffällig" bezeichnet und der womöglich von Beschwerden ablenken wollte, die gegen ihn selbst gerichtet waren – er soll Mitarbeiterinnen der Bremer Bamf-Außenstelle sexuell belästigt haben.

Alle Beteiligten haben in diesem Skandal einen Ruf zu verlieren, auch Ulrike B.s Anwalt Erich Joester, einer der renommiertesten Strafverteidiger Bremens. Joester sagt, seine Mandantin habe Unterlagen, die sie entlasten würden – und für das Bamf zu einem "gewaltigen Problem" werden dürften. Aus Sorge, diese Dokumente könnten vernichtet werden, hat Joester die Staatsanwaltschaft gebeten, sämtliche E-Mails seiner Mandantin sowie einen Ordner zu sichern, in dem Ulrike B. alle Verordnungen und Anweisungen des Bamf "penibel aufbewahrt" habe.

Einer der Vorwürfe gegen Ulrike B. lautet, sie habe als Außenstellenleiterin zusammen mit zwei ebenfalls beschuldigten Rechtsanwälten massenhaft Verfahren jesidischer Asylbewerber an sich gezogen, für die die Außenstelle in Bremen eigentlich gar nicht zuständig gewesen sei. Flüchtlinge seien in Bussen nach Bremen gebracht worden, um "die Anträge im Sinne der beteiligten Rechtsanwälte positiv zu bescheiden".

Sind die Vorwürfe gegen Ulrike B. ungerechtfertigt?

Laut dem Gesetz ist grundsätzlich jene Außenstelle für das Verfahren zuständig, in deren Einzugsgebiet der Asylbewerber wohnt. Bei den Bremer Fällen, die das Bamf in einer Stichprobe nachträglich überprüft hat, war das anders: 90 Prozent der Jesiden, deren Antrag in Bremen bearbeitet wurde, wohnten in einem anderen Zuständigkeitsbereichs. Ulrike B.s Anwalt aber sagt, seine Mandantin habe deshalb noch lange nicht rechtswidrig gehandelt, sondern pragmatisch – weil die alten Regeln zur Zeit der rasant steigenden Flüchtlingszahlen in ganz Deutschland aufgeweicht worden seien.

Tatsächlich waren seit 2015 viele Außenstellen des Bundesamtes derart überlastet, dass sie Kollegen aus anderen Städten um Hilfe baten. Der Landkreis Cuxhaven etwa bestätigte dem Rechercheverbund von NDR, Radio Bremen und Süddeutscher Zeitung, dass er zumindest im Jahr 2015 Unterstützung aus Bremen in Anspruch genommen habe. Auch die niedersächsische Außenstelle Oldenburg habe sich mit der Bitte um Beistand an Bremen gewandt, erklärt Joester. Das belege ein reger E-Mail-Verkehr der beiden Außenstellen.

Vorgeworfen wird Ulrike B. auch, dass sie sich an der Nürnberger Bamf-Zentrale vorbei gezielt die Fälle von syrischen und irakischen Jesiden herausgesucht habe, also von genau jener Volksgruppe, die die ebenfalls beschuldigten Anwälte besonders häufig vertraten. Das aber habe es durchaus auch anderswo gegeben: "Dass sich eine Außenstelle auf Herkunftsregionen spezialisiert und sich auch gezielt dazu passende Fälle aus dem Pool der Bamf-Akten herausfischt, kommt immer wieder vor", sagt etwa Rolf Stahmann vom Deutschen Anwaltsverein.

Ein ehemaliger hoher Mitarbeiter des Bamf, der nicht namentlich genannt werden möchte, weist darauf hin, dass es "sehr unwahrscheinlich" sei, dass Ulrike B. die Fälle unbemerkt nach Bremen habe lenken können. Schon vor Jahren habe es im Bundesamt wöchentliche Controlling-Berichte gegeben. "Das wäre sofort aufgefallen."

Der zweite Vorwurf: Ulrike B. und ihre Kollegen hätten bei der Überprüfung der Identität der Asylbewerber geschlampt und die Anträge im Vergleich zu anderen Dienststellen unverhältnismäßig oft positiv beschieden. In Bremen hätten 96 Prozent den Flüchtlingsstatus erhalten, außerhalb Bremens nur 62 Prozent. Ulrike B.s Anwalt Erich Joester sagt dazu, zwischen 2013 und 2016 seien Tausende von syrischen und irakischen Flüchtlingen, darunter auch viele Jesiden, im Rahmen von Aufnahmeprogrammen des Bundes und der Länder nach Deutschland eingeflogen worden. Diese Flüchtlinge hätten in der Regel schon von einem deutschen Konsulat ein Visum erhalten, die Identitätsprüfung also schon hinter sich gehabt. Das bestätigt gegenüber der ZEIT auch der ehemalige ranghohe Bamf-Mitarbeiter.

Tatsächlich dürften seit 2015 immer wieder Asylbewerber durchgeschlüpft sein, die ihre wahre Herkunft verschleierten. Interne Berichte des Bamf weisen schon früh darauf hin, dass es deutschlandweit schwere Mängel bei der Identitätsüberprüfung gegeben habe. Auch der oft zitierte Vorwurf, in Bremen seien deutlich mehr Asylbewerber anerkannt worden als anderswo, will Joester nicht gelten lassen. Rechne man jene Fälle mit ein, sagt er, in denen jesidische Asylbewerber vom Bamf abgelehnt wurden, danach aber in teuren Prozessen vor Gericht gezogen seien und gegen das Bamf gewonnen hätten, steige die deutschlandweite Anerkennungsquote für Jesiden auf über 90 Prozent. "Diese Kosten hat Ulrike B. dem Staat erspart", sagt Joester.

Der dritte Vorwurf: Ulrike B. habe im Juli 2016 rechtswidrig die Abschiebung mehrerer Jesiden nach Bulgarien verhindert, die dort bereits als Flüchtlinge anerkannt worden waren. Diese Aktion hatte damals zu einem Disziplinarverfahren gegen Ulrike B. geführt – und zu ihrer Versetzung in eine andere Abteilung. Anwalt Joester sagt, Ulrike B. habe damals womöglich gegen Verfahrensregeln verstoßen. Rückblickend betrachtet, sei ihr Verhalten aber "völlig rechtmäßig" und sogar geboten gewesen.

Tatsächlich haben die Verwaltungsgerichte und zuletzt das Oberverwaltungsgericht Lüneburg Anfang 2018 entschieden, dass eine Abschiebung nach Bulgarien zurzeit gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt. Selbst anerkannte Flüchtlinge seien dort von Obdachlosigkeit und extremer Armut bedroht.

Die Gerichte und ein Untersuchungsausschuss sollen Klärung bringen

Schließlich wird Ulrike B. vorgeworfen, sie sei korrupt gewesen und trage die Verantwortung für dubiose Geldflüsse. Von einem mitbeschuldigten Rechtsanwalt habe sie sich eine Hotelübernachtung bezahlen und von jesidischen Flüchtlingen zum Neujahrsfest einladen lassen. Außerdem habe ausgerechnet ihr ehemaliger Lebensgefährte als Rechtsanwalt mehrere Asylbewerber gegenüber der Bremer Außenstelle vertreten. Strafverteidiger Joester sagt, die Hotelrechnung habe Ulrike B. schon vor langer Zeit erstattet, "darüber gibt es einen Beleg". Ulrike B. habe das Bamf sowohl über die Teilnahme am Neujahrsfest als auch über die Tätigkeit ihres Lebensgefährten schriftlich in Kenntnis gesetzt. Das Bundesamt habe keine Einwände gegen den Rechtsanwalt gehabt. Auch dafür, sagt Joester, gebe es Belege.

Und die 8,5 Millionen Euro, die die Bremer Außenstelle laut Medienberichten womöglich an ihre Komplizen überwiesen haben soll? "Absoluten Schwachsinn" nennt Erich Joester diese Behauptung. Die Ausgaben ließen sich nachvollziehen und seien belegt. Eine Million Euro seien als Prozesskosten jenen Anwälten gezahlt worden, die gegen negative Asylbescheide des Bremer Bamf geklagt und vor Gericht gewonnen hätten. Das werde vom Gesetz so verlangt – und die Summe sei im bundesweiten Vergleich eher gering. "Fast der gesamte Rest", so Joester, "wurde für Integrations- und Sprachkurse in Bremen gezahlt, für die das Bamf ebenfalls aufkommen muss." Das Bundesinnenministerium hat eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft damit beauftragt, sich die Überweisungen genauer anzuschauen.

Joester glaubt, dass seine Mandantin Opfer einer Intrige geworden sein könnte. Die bayerische Juristin Josefa Schmid, die nach Ulrike B.s Versetzung die Leitung der Außenstelle Bremen kommissarisch übernahm und ohne dazu beauftragt worden zu sein, einen hundertseitigen Bericht verfasste, in dem sie Ulrike B. schwer belastet, habe auf deren Posten geschielt, behauptet der Anwalt.

Und auch ein anderer enger Mitarbeiter von Ulrike B. gerät nun selbst ins Visier des Strafverteidigers. Dieser Beamte hatte über B. wegen angeblichen Asylmissbrauchs am 2. Juni 2017 bei der Bamf-Zentrale in Nürnberg berichtet. Die Behörde, warnte er, müsse dringend handeln. Gegen ebendiesen Beamten, sagt Anwalt Joester, habe mindestens eine Bremer Mitarbeiterin bei der Bamf-Zentrale eine disziplinarrechtliche Beschwerde eingereicht – wegen sexueller Übergriffe. Ein weiterer schwerer Vorfall, so heißt es in der Bremer Außenstelle, soll sich am 1. Juni ereignet haben, also nur einen Tag bevor sich der Beamte über seine Chefin beschwerte. Das Bamf mochte sich zu den Vorwürfen gegen den Beamten auf Anfrage der ZEIT nicht äußern.

Ulrike B. und der Strafverteidiger Erich Joester haben ihre eigene Version der Geschichte. So wie jene Beamten, die Ulrike B. schwer belasten. Und wie die Politiker, die sich nun gegenseitig die Schuld zuschieben. Welche Version stimmt, müssen die laufenden Gerichtsverfahren und womöglich auch ein Untersuchungsausschuss im Bundestag klären.

Mitarbeit: Niklas Dummer

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