In einem efeuberankten Landhaus haben sich die Wehrmachtsoldaten verschanzt, der Elitetrupp der U. S. Army tritt die Tür ein. Schüsse knallen, Handgranaten explodieren, ein Landser fliegt kopfüber durch die Luft, und seine Leiche hat kaum den Boden berührt, da stehen die Amerikaner schon im ersten Stockwerk. Schneiden seinem Kameraden die Kehle durch und hechten aus dem Fenster – kurz bevor anrückende Nazi-Panzer in dieser Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkriegs den Gartenzaun überrollen und V1-Raketen der Luftwaffe einschlagen.

Ende Mai hat der Videospiel-Hersteller DICE dieses Vorschauvideo zu seinem demnächst erscheinenden Shooter Battlefield V veröffentlicht, und seitdem steht der Computerspiel-Entwickler massiv in der Kritik. Nicht etwa wegen der Maschinengewehrsalven, die Köpfe zerplatzen lassen. Oder des Weltkriegs, dessen Schauplätze in Battlefield als virtueller Abenteuerspielplatz vermarktet werden – explizite Gewaltdarstellung und Kriegskulisse gehören zum Produktversprechen der gefeierten Spielereihe, deren erster Teil bereits vor über 16 Jahren erschien. Anlass der Aufregung ist vielmehr eine Neuheit, die das Video erstmals der Öffentlichkeit präsentiert: In Battlefield V kann der Spieler anders als bei den Vorgängern nicht nur hypervirile Kämpfer über das Schlachtfeld steuern, wie man sie etwa aus Kriegsfilmen mit Steve McQueen kennt. Sondern unerhörterweise: auch Frauen.

Keine Stunde nach Veröffentlichung des Videos kursierten im Internet bereits der Hashtag #notmybattlefield und eine Petition, die forderte: Entfernt die Soldatinnen aus dem Spiel! Nutzer des Internetforums reddit riefen dazu auf, das Video auf YouTube negativ zu bewerten, was allein in den ersten Tagen über 300.000 Mal geschah. In Hunderttausenden Kommentaren unter dem Video diskutieren Nutzer kontrovers über die Neuerung. Der Tenor der Kritik: Historische Genauigkeit werde im Spiel der Political Correctness geopfert. Ein User mit Trump-Profilbild schreibt: "Ihr spuckt auf die Gräber unserer Vorväter, die im Krieg gefallen sind, wenn ihr geschichtliche Tatsachen mit euren Diversity-Ideen verfälscht." Ein anderer Nutzer erhält Tausende Likes für einen Kommentar, in dem er begründet, warum "Weiber" weder etwas in Computerspielen verloren hätten noch davor an der Tastatur.

Neu ist es nicht, dass Kulturkämpfe bei Computerspielen ausbrechen. Als 2016 in der legendären Fifa-Reihe erstmals auch Frauenfußball gespielt werden konnte, wurde im Internet zum Boykott aufgerufen. Ein Jahr vorher richtete sich ein Shitstorm gegen die Entwickler des Survival-Games Rust, in dem auf einer einsamen Insel die Zivilisation neu aufgebaut werden muss, nachdem sie mit einem Update dafür gesorgt hatten, dass fortan ein Zufallsgenerator und nicht mehr der Spieler selber entscheiden konnte, ob er als Mann oder Frau Hirsche jagt und Lagerfeuer macht. Am berüchtigtsten dürfte jedoch bis heute die Kampagne sein, die 2014 mit dem Hashtag #gamergate gegen Frauen in der Videospielbranche wie die Journalistin Anita Sarkeesian geführt wurde. Nachdem sie in ihrem Videoblog Tropes vs. Women in Video Games kritisiert hatte, dass Frauen in Computerspielen häufig nur Dekoration seien und von männlichen Heroen gerettet werden müssten, veröffentlichten Unbekannte das Spiel Beat Up Anita, in dem der Spieler Sarkeesian-Porträts die Lippe blutig und Wangenknochen kaputt schlagen konnte. Nachdem Sarkeesian ungezählte Mord- und Vergewaltigungsdrohungen erhalten hatte und ihre Privatadresse im Internet veröffentlicht wurde, musste sie für längere Zeit untertauchen.

Die aktuelle Aufregung um Battlefield V zeigt, dass Frauenfeindlichkeit unter Computerspielern nach wie vor virulent ist. Und doch könnte es sich bei der Aufregung über weibliche Spielcharaktere, die anders als früher nicht mehr als einsame Prinzessin befreit werden müssen, sondern selber zur Waffe greifen, auch um das letzte Gefecht eines harten Kerns handeln, der immer kleiner wird: Laut dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware besteht die Gaming-Community in Deutschland bereits zu 47 Prozent aus Frauen und in den USA immerhin zu 41 Prozent. Angesichts dieser Zahlen überrascht es nicht, dass auf den Shitstorm gegen die Battlefield-Macher vor einigen Tagen eine Gegenbewegung folgte. Gamer verabredeten sich in Foren, das Video in einer konzertierten Aktion positiv zu bewerten, und riefen dazu auf, das Spiel bei Amazon vorzubestellen. In sozialen Netzwerken trugen Nutzer Beispiele von Frauen zusammen, die im Zweiten Weltkrieg am Scharfschützengewehr bei der Roten Armee gekämpft haben, als Spioninnen für die Briten oder in französischen Katakomben bei der Résistance. Und während vor einigen Jahren große Unternehmen wie Intel auf Druck der Gamergate-Kampagne versprachen, keine Werbung mehr auf Seiten zu schalten, die Misogynie unter Computerspielern kritisieren, verkündete der Designdirektor von DICE, Alan Kertz, vor einigen Tagen selbstbewusst, dass die weiblichen Charaktere in Battlefield V bleiben werden: "Ich will auf die Frage meiner Tochter, warum sie keinen Charakter spielen kann, der wie sie aussieht, nicht antworten müssen: 'Weil du halt nur ein Mädchen bist.'"

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio