Jules erste Tote war eine Schriftstellerin, die in ihrem Brautkleid begraben werden wollte. Den glücklichsten Tag des Lebens in die Ewigkeit mitzunehmen, das war die Idee. Aber die Schriftstellerin trug bei der Hochzeit noch Kleidergröße 36. Am Ende ihres Lebens war sie eine Frau mit Größe 46, und jetzt musste Jule darüber entscheiden, was die Tote anzog, wie für einen letzten Auftritt. Am Schluss schnitt sie das Brautkleid am Rücken auf, damit es von vorne passte, zog es der Schriftstellerin an und bettete sie in den Sarg. "Von vorne perfekt", sagt Jule.

Als Jule in heiligem Ernst davon erzählt, sitzt sie in einer Kneipe in einem der alten Fachwerkhäuser in Leonberg bei Stuttgart und kann im nächsten Moment noch immer so heftig lachen, dass sich fremde Menschen nach ihr umdrehen. Unser Abiturtreffen hat begonnen, es ist der Oktober des vergangenen Jahres. Julia Fuchs, die wir früher Jule nannten, sitzt zwischen all den Ärzten, Rechtsanwälten und Werbemenschen, die aus unserer Schulklasse hervorgegangen sind, klimpert wie früher mit ihren Rehaugen und sieht sich um. Da ist die Physikerin, schwanger mit dem dritten Kind, die sich dafür rechtfertigt, dass sie nicht arbeitet. Die Meditationstrainerin, die mit ihrem Freund ein 15-Zimmer-Haus am Ammersee bewohnt und ihr Glück gern teilt. Der Gerichtsmediziner, in dessen Garage drei teure Sportwagen stehen und der sich nach jeder menschlichen Berührung am liebsten die Hände desinfizieren will.

Früher träumte sie von den ganz großen Gefühlen. Die hat sie jetzt in ihrem Beruf.

Jule, 40 Jahre alt, schiebt sich ab und zu eine Gabel mit schwäbischem Rollbraten in den Mund und hört zu. Als Jugendliche konnte Jule in den Spagat rutschen, als wären ihre Sehnen weich gekochte Nudeln, sie war gut in Kunst und hasste Französisch. Als sie unser Gymnasium verließ, träumte sie von einem Leben beim Musical, den ganz großen Gefühlen.

"Das hab ich jetzt auch", sagt sie, "die großen Gefühle, nur anders: echter." Seit elf Jahren ist Jule Bestatterin in Leonberg, Angestellte in einem Familienbetrieb mit 20 Leuten.

Jule stützt den Kopf in die Hand und lässt die langen Haare darüberfallen wie einen Vorhang. Sie könnte jetzt jammern vor den Ärzten und Anwälten, sie könnte erzählen, dass sie mal wieder neue Schuhe braucht und ihr Sohn zu schnell aus seinen Hosen herauswächst. Sie könnte berichten, dass sie mit ihrer 80-Prozent-Stelle auf fast 2.000 Euro netto im Monat kommt. Aber sie beschwert sich nicht, denn sie verfügt über etwas, das ihr weit mehr bedeutet als Geld: einen unverstellten Blick in die Wohnzimmer dieses Landes, in die Seelenlage der Hinterbliebenen. Oft wird sie bei einem Sterbefall angerufen, noch bevor der Arzt den Totenschein ausgefüllt hat.

Meistens sieht die eine Hälfte des Ehebetts unberührt aus, weil der Verstorbene schon monatelang nicht mehr zu Hause geschlafen hat. "Der Tod wird ausquartiert", sagt Jule. Sie steht dann im Schlafzimmer vor dem Einbauschrank und soll Kleidung für den Toten raussuchen.

"Wie soll da das Gehirn begreifen, dass da einer für immer weg ist?"
Julia Fuchs, Bestatterin

Jule weiß, was am Ende von den Menschen übrig bleibt. Sie weiß, dass die meisten Jungen zu weit weg wohnen, um sich um die Alten zu kümmern. Sie bringt die meisten Verstorbenen inzwischen ins Krematorium, meist weil sich die Bestattung so besser in den Terminplan der Angehörigen einpassen lässt und das Feuer günstiger ist als ein Sarg in der Erde. "Eine Urne finde ich abstrakt", sagt Jule. "Wie soll da das Gehirn begreifen, dass da einer für immer weg ist?"

Sie weiß, dass sich die Deutschen besonders gern unter Bäumen oder auf einer Wiese begraben lassen und die liebste Grabform "pflegefrei" lautet. Keiner will noch nach dem Tod die anderen Zeit kosten. "Aber oft stehen dann Hinterbliebene mit Blumen oder Kerzen auf dem Friedhof und wissen nicht, wohin mit ihrer Trauer", sagt Jule. Immer wieder fallen ihr bei Trauerfeiern die Frauen mit schwarzem Schleier auf. Sie sitzen allein in der letzten Reihe und weinen still, "wie im Film", sagt Jule. "Das sind dann die Geliebten, mit denen niemand spricht."

Während unseres Abi-Treffens schaut Jule unseren ehemaligen Mitschülern ins Gesicht. Dem chronisch müden Zahnarzt mit den drei Töchtern und dem immer zu vollen Wartezimmer. Der Freundin, die Dieseleinspritzanlagen verkauft und nicht weiß, wie sie dem Dilemma mit dem Abgasskandal entkommen soll.

"Welche Versicherungen habt ihr?", fragt Jule.