DIE ZEIT: Herr Schleicher, vor zwanzig Jahren haben Sie für die OECD federführend den Pisa-Test entwickelt. Jetzt ziehen Sie in Ihrem Buch World Class Bilanz. Was hat Sie rückblickend am meisten überrascht?

Andreas Schleicher: Als wir das Konzept damals vorstellten, sagten die meisten Länder, man könne Schulsysteme nicht miteinander vergleichen. Diese Haltung hat sich schneller verändert, als wir für möglich hielten. Deutsche Bildungspolitiker reisen heute in andere Länder, und die britische Regierung hat Lehrkräfte aus Shanghai in englischen Schulen unterrichten lassen, um mehr über den chinesischen Mathematikunterricht zu erfahren.

ZEIT: Dass man Bildungsergebnisse messen kann, ist die Grundannahme von Pisa. Manch einer sieht schon darin einen Verrat an der Bildung.

Schleicher: Was wir nicht sichtbar machen können, das können wir nur schwer verbessern. Dass Bildungsqualität nicht messbar sei, ist eine von vielen Behauptungen, die sich in den internationalen Leistungsvergleichen als Mythos herausgestellt haben.

ZEIT: An welche anderen denken Sie?

Schleicher: Früher haben wir Bildungserfolg daran gemessen, wie viel Geld wir ausgeben. Wir dachten, dass Schüler in kleineren Klassen mehr lernen und Verschiedenheit im Klassenzimmer zu Leistungseinbußen führt. Der internationale Vergleich zeigt uns, dass erfolgreiche Systeme bessere Unterrichtsqualität und bessere Arbeitsbedingungen oft mit größeren Klassen finanzieren und dass das Land, in dem Migranten zur Schule gehen, einen viel größeren Einfluss auf ihren Bildungserfolg hat als das Land, aus dem sie kommen.

ZEIT: Sie beschreiben in Ihrem Buch, was die bei Pisa erfolgreichen Länder besser machen. Gibt es ein Merkmal, das alle verbindet?

Schleicher: Ja, hohe Anforderungen samt dem Glauben, dass sie jeder Schüler bewältigen kann. Dafür setzen diese Länder von Fall zu Fall spezielle Unterstützung und gezielte Unterrichtsmethoden ein.

ZEIT: In Deutschland nennen wir das Individualisierung des Lernens.

Schleicher: Richtig, nur habe ich den Eindruck, dass dieses Konzept oft falsch verstanden wird. Statt die Unterstützung und den Unterricht auf den Schüler anzupassen, senkt man das Niveau, nach dem Motto: Du bist nicht so begabt, du hast es schwer, deshalb machen wir es für dich leichter.

ZEIT: Wie sieht das in anderen Ländern aus?

Schleicher: In Singapur, Finnland oder Shanghai wird erwartet, dass der Lehrer mit dem Schüler einen Weg findet, wie dieser das Lernniveau erreicht. In Finnland werden die Schüler schon früh immer wieder in einer kleinen Gruppe speziell gefördert. Wichtig ist, dass sie wieder in ihre Klassen zurückgehen und nicht in eine Schulform mit niedrigeren Ansprüchen abgeschoben werden. Solche Haltungen spiegeln sich dann auch in den Einstellungen der Schüler wider.

ZEIT: Inwiefern?

Schleicher: Nehmen Sie Mathematik. Schüler in Deutschland oder Frankreich meinen in unseren Befragungen viel häufiger, dass man Mathe entweder kann oder nicht, während die Schüler in Finnland oder Singapur sagen: Wenn ich mich anstrenge und mein Lehrer mir hilft, kann ich es schaffen. Erfolgreiche Bildungssysteme fördern diesen Glauben, etwas bewirken zu können. Weniger erfolgreiche lassen den Verantwortlichen dagegen Raum, anderen die Schuld zu geben, wenn etwas schiefgeht: lernunwilligen Schülern, desinteressierten Eltern, unfähigen Lehrern oder Politikern.