Die Botschaft dieses Thrillers ist einfach und bestimmt begrüßenswert: Politik darf sich nicht in strategischem Kalkül erschöpfen, sondern muss Werten und Idealen verpflichtet sein. Dass diese Werte und Ideale vor allem amerikanisch sind, obwohl sie für alle zu gelten haben, versteht sich von selbst: die Gleichheit und die Freiheit, die Tapferkeit, der Aufstiegswille und die Verantwortung des Individuums, die herausgehobene Stellung der Familie als Keimzelle des Glücks und so weiter. Man kennt das Programm. Wenn alle schweren Prüfungen des amerikanischen Helden bestanden sind und einmal mehr das Böse besiegt worden ist, darf er in die Arme seiner Nächsten sinken.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton hat gemeinsam mit dem Bestsellerautor James Patterson also einen sehr klassischen Thriller geschrieben. Der Titel lautet: The President is Missing. Der Protagonist ist ein US-Präsident namens Jonathan Duncan. Duncan hat es verdammt schwer, der Job ist nämlich ziemlich aufreibend: Die Opposition möchte einen Sonderausschuss wegen Ungereimtheiten bei einem Auslandseinsatz, die Mehrheit in den Kammern wackelt, ein Amtsenthebungsverfahren droht. Keiner versteht Duncan, und zwar vor allem deshalb nicht, weil die amerikanische Politik mittlerweile so verkommen ist, jeder nur an sich selbst denkt und das große Ganze aus den Augen verloren hat. Außerdem sind die Medien heillos verrottet, weil sie Kleinigkeiten aufblasen und von Twitternachrichten getrieben werden. Zu allem Überfluss leidet Duncan unter einer Blutkrankheit mit dem schönen Namen Immunthrombozytopenie. Er fällt deshalb leicht in Ohnmacht. Außerdem ist seine Frau vor einiger Zeit an Krebs gestorben – was den Vorteil hat, dass Clintons Buch nicht als Schlüsselroman über seine Ehe gelesen werden kann. Eine Praktikantin sucht man in dem Buch auch vergeblich. Vermutlich wurde noch nie ein Thriller geschrieben, der in erotischer Hinsicht so ausgetrocknet ist wie The President is Missing. Das kann man verstehen.

Ansonsten ist The President is Missing spannend. Er handelt von einem gewaltigen Cyberangriff auf die USA. Islamistische Terroristen, die Russen, die Nordkoreaner oder die Saudis (es soll hier nicht verraten werden) haben etwas Raffiniertes ausgeheckt, nämlich ein Virus, das das gesamte Internet der USA lahmlegen kann. Die Abhängigkeit vom Netz ist ein Fluch für die Menschheit. Außerdem ist eine athletische Killerin mit Kindheitstrauma unterwegs, um Duncan abzuknallen, und im Weißen Haus gibt es einen Verräter. Es ist natürlich jemand, der dem Präsidenten sehr nahesteht. Die Tochter Duncans ist auch in Gefahr. Am Ende wird alles gut. Aber es war ganz knapp.

Ein amerikanischer Thriller allegorisiert so gut wie immer den Aufklärungsprozess: In ihm wird das ewig Dunkle und Unheilvolle durch harte, rationale und heroische Ermittlungsarbeit gebannt und Ordnung geschaffen, um den Menschen immer wieder aufs Neue die Furcht zu nehmen. Dass dabei etwas kitschig und ziemlich klischeebeladen vorgegangen wird, ist völlig unerheblich. Derartige Kriterien spielen für die Bewertung eines Thrillers keine Rolle. Entscheidend ist nur der Plot, allzu komplexe Charaktere stören da bloß. Es geht um die kunstvolle Entfaltung von Intrige und Gegenintrige, von Verrat und Vertrauen, um die möglichst störungsfreie, durchaus mechanische Erzeugung von Spannung. Auch einige Action-Szenen (Verfolgungsjagden, Attentate, Massenpaniken) schaden da nicht. In diesem Sinne ist The President is Missing sogar ein besonders gutes Buch. Man kann den Roman sofort verfilmen, und natürlich gibt es bereits entsprechende Pläne.

Am Ende hält Präsident Duncan eine Rede, in der die Werte und Ideale Amerikas in großer Ausführlichkeit erklärt werden, und dann auch noch die Wahlziele der Demokraten (die gesetzliche Krankenversicherung, Schusswaffenverbot, Bildung und so weiter). Der Leser weiß in diesem Roman ziemlich genau, welche Passagen der Bestsellerautor, welche der ehemalige Präsident geschrieben hat, wer für die Spannung zuständig war und wer für die amerikanische Moral. Dass der Roman mit diesem idealen Präsidenten den amtierenden realen Präsidenten konterkariert, ist ein strategisches Kalkül.