Neue Aktien sorgen immer für Feierlaune. Der Firmenchef darf im Handelssaal der Deutschen Börse dann Schampus köpfen. Und die Banker können zufrieden durchrechnen, was sie mit dem "Initial Public Offering", kurz IPO, dem ersten Angebot auf dem Aktienmarkt, verdient haben.

Zurzeit passiert das vergleichsweise oft: Siemens hat seine Medizintechnik-Sparte Healthineers an die Börse gebracht, die Deutsche Bank ihre Fondstochter DWS. Und international sorgte der Musikdienst Spotify für Aufsehen. Allein im ersten Quartal 2018 haben deutsche Unternehmen fast sieben Milliarden Euro mit Börsengängen eingesammelt – mehr als im Rest Europas. Weltweit liegt Deutschland nach den USA auf Rang zwei bei den Neu-Emissionen.

Sind die neuen Aktien für Anleger interessant? Sollte man beim nächsten IPO Wertpapiere zeichnen? Schließlich will der Verlag Springer Nature bald an die Börse, der Textildiscounter Takko Fashion und der Online-Händler Home24 des Start-up-Entwicklers Rocket Internet.

Aber Vorsicht. Es ist kein Zufall, dass die Zahl der Börsengänge steigt, wenn der Markt wie derzeit gut läuft und die Kurse sich dem Zenit nähern. So war das zur Jahrtausendwende, als Internet-Firmen zu Hunderten Geld bei Anlegern sammelten, bevor der Markt zusammenkrachte. Und auch vor der Finanzkrise, 2006 und 2007, nutzten viele deutsche Unternehmen die gute Stimmung aus. Wenn es aber schlecht läuft, halten sich Unternehmen mit Börsengängen zurück. Dabei sind Aktien dann billig und interessant für die Anleger.

Wer derzeit Geld an der Börse investieren will, sollte Neu-Emissionen mit Vorsicht begegnen. Die Beobachter der Bank of America Merrill Lynch bewerten die Stimmung als sehr optimistisch. Die Zentralbanken fahren ihre Notpolitik zurück, die Inflation hat ihren Tiefpunkt durchschritten. Alles deutet gerade darauf hin, dass am Aktienmarkt ein viel größeres Rad nicht gedreht werden kann.

Jetzt wird es speziell

Die Grafik zeigt es: Schon im ersten Jahr schneiden neue Aktien (schwarze Punkte) um einige Prozent schlechter ab als die Aktien etablierter Firmen, es gibt aber Ausreißer nach oben (rote Balken). Auf lange Sicht verfestigt sich der Trend: Die Papiere junger Unternehmen stehen durchweg schlecht da

Uni St. Gallen/FH Nordwestschweiz © ZEIT-Grafik

Das mag erklären, warum Anleger mit Neu-Emissionen statistisch meist den Kürzeren ziehen. Laut einer aktuellen Studie der Universität St. Gallen und der Fachhochschule Nordwestschweiz entwickeln sich junge Aktien im Durchschnitt im ersten Jahr um bis zu zwei Prozent schlechter als Aktien etablierter Unternehmen . Selbst auf zehn Jahre gesehen holen die jungen Aktien nicht auf.

In den vergangenen Jahren hat sich die enttäuschende Entwicklung von Emissionen noch verstärkt. Die Euphorie um das Internet, Start-ups und wertvolle Technologie-Firmen hat es Banken und Unternehmen erleichtert, Begeisterung zu schüren. Die Studie belegt das mit eindrucksvollen Zahlen: Bis zum Jahr 2000 entwickelten sich die jungen Aktien im ersten Jahr um bis zu zwei Prozent schlechter als alte. Seither fallen die jungen Aktien sogar um bis zu vier Prozent zurück. Bei Börsengängen ist also mehr Vorsicht angebracht als in den 1990ern.

Das zeigen auch die jüngsten Emissionen. Von den deutschen Unternehmen, die im ersten Quartal Aktien ausgegeben haben, läuft nur Healthineers gut. Die Papiere der Immobilienunternehmen Instone und Godewind sowie des IT-Sicherheitsspezialisten Cyan tun sich schwer. Und die Deutsche Bank hat nach dem Börsengang der DWS schon 3,5 Millionen Aktien zurückgekauft, weil die Notierung in der Verlustzone dümpelte. Blickt man weiter zurück, finden sich zwar Erfolge – aber auch hohe Kursverluste. In Deutschland etwa entwickelten sich von den Emissionen des vergangenen Jahres die Aktien des Immobilienentwicklers Noratis exzellent. Auch die Papiere des Online-Bestelldienstes Delivery Hero laufen gut. Die Anteilsscheine der Restaurantkette Vapiano kommen dagegen kaum voran; andere stehen im Minus.

Wer dennoch in Frischlinge investieren will, sollte sich vorher über die Gründe des Börsengangs informieren. Wer will Geld haben? Finanzinvestoren und Alt-Aktionäre, die wissen, dass sie aus dem Unternehmen nicht sehr viel mehr rausholen können? Oder ist das Unternehmen auf verlässlichem Wachstumspfad und möchte Investitionen finanzieren, die langfristig Gewinne versprechen? Aber selbst wenn die Gründe überzeugen, erkennen das auch andere Investoren. Das verteuert die Aktie. Einen guten Schnitt zu machen ist nicht einfach.