Ein Sonnabend im Mai, die Sonne prasselt vom Himmel, als läge Leipzig am Mittelmeer, und trotzdem weiß man gar nicht, wer mehr strahlt: die Stadt oder ihr Oberbürgermeister. Burkhard Jung ist zur Baumwollspinnerei gekommen, dem bekannten Künstler-Areal, um mit Bundesinnenminister Horst Seehofer den "Tag der Städtebauförderung" zu zelebrieren. Seehofer fällt aber gar nicht weiter auf.

"Ich werde nicht müde zu erinnern, wie das vor zehn Jahren war", sagt Burkhard Jung in seiner Rede. "Vor zehn Jahren war Leipzig um fast 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner kleiner, die Arbeitslosigkeit lag bei über 20 Prozent, die leeren Straßen waren gesäumt von Häusern, die niemand haben wollte." Jetzt sei der Ort erblüht: Die Geburtenzahlen kletterten, Gäste staunten über die Bausubstanz; aus der Ödnis sei eine Landschaft entstanden. "Ich bin so kühn und sage, ich glaube, wir haben nicht alles falsch gemacht", sagt Jung. Er könnte auch sagen: Ich habe sehr vieles richtig gemacht.

Wer ihm gegenübersteht, wer ihn so reden hört, der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser Mann das Gefühl haben muss, den schönsten Job der Welt auszuüben: Oberbürgermeister von Leipzig. Das Problem ist nur: Eigentlich will Burkhard Jung weg. Er hat angekündigt, Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands werden zu wollen – einer Art Lobby-Organisation der Sparkassen. Der Posten ist hoch dotiert, mit geschätzten 400.000 Euro im Jahr liegt das Jahreseinkommen mehr als doppelt so hoch wie das des Oberbürgermeisters.

Ist das der Grund dafür, dass er wechseln will? Oder warum sonst möchte Jung, der Schillernde, den Posten an der Spitze einer Boom-Stadt mit dem Posten an der Spitze eines Verbands tauschen?

Man kann, muss, ihn das zuerst selbst fragen. Sein Wechselwunsch, sagt er, habe "ganz offen gestanden mit dem etwas größeren Wunsch nach Privatheit" zu tun. "Es ist sehr anstrengend, ständig unter Beobachtung zu sein. Ich möchte unbeschwert mehr Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern verbringen." Außerdem habe sich die Stimmung verändert, der Ton sei ein anderer geworden. "Mittlerweile stoße ich auf Menschen, die voller Wut, Hass und Respektlosigkeit sind, das kannte ich vorher nicht; Morddrohungen sind keine Seltenheit", so Jung. Ist es eine Flucht vor der Politik, vor ihren Anstrengungen und Zumutungen?

Die Anstrengungen, mit denen es Jung seit seinem Amtsantritt 2006 zu tun hatte, sind jedenfalls enorm gewesen. Leipzig machte damals Schlagzeilen als "Armutshauptstadt Deutschlands", hoch verschuldet, mit Spitzenwerten nur in den Kriminalstatistiken. Heute ist es die am schnellsten wachsende Metropole Deutschlands. "Was wir geschafft haben, ist nicht weniger als eine Sensation", sagt er. "Wir haben ein Riesen-Standing, wir sind attraktiv und wieder ein echter Hotspot." Klar, mit der Wirtschaftskraft von Stuttgart, Frankfurt oder gar München könne er sich nicht messen. "Aber in der Wahrnehmung sind wir wieder ganz oben angekommen. Wir werden als die Großstadt Ostdeutschlands und als europäische Metropole wahrgenommen."

Interessant ist, wie Burkhard Jung sich diesen Höhenflug erklärt: nicht vordergründig mit harter Arbeit oder ausgefeilten Stadtentwicklungsplänen. Was Jung glaubt, geschaffen zu haben, das ist: eine selbsterfüllende Prophezeiung. Es gebe einen schönen Spruch, sagt er: "Keine Zähne im Mund, aber La Paloma pfeifen." So kam ihm die Stadt wohl vor. "Ich habe immer gesagt: Wir werden wachsen, wenn wir an dieses Wachstum glauben und es formulieren." Letztlich sei Leipzig auch ein Produkt, das man vermarkten müsse. Und vermarkten kann er.

Eigenlob ist ihm nicht peinlich. Im Gegenteil: Er weiß damit zu arbeiten

Burkhard Jung ist ein Typ Politiker, den es selten gibt in Ostdeutschland: ein begnadeter Verkäufer seiner Stadt und seiner selbst. Eigenlob ist ihm nicht etwa peinlich – es ist seine Methode. Und in Leipzig konnte man beobachten, was mit einer Stadt passiert, wenn ein solches Marketing-Talent sie regiert: Er kann sie in unangeahnte Höhen treiben. Aber wenn ihm die Lust vergeht, kann er sich zurückziehen wie ein Handlungsreisender, der sich eben ein neues Betätigungsfeld sucht.