Ein Leben von hinten zu erzählen ist eine große Herausforderung. Eigentlich ist alles schon fertig, die Jahre sind vergangen, die großen und die kleinen Dramen haben sich alle schon zugetragen, die Spannung ist raus. Lebensrückblicke haben deshalb etwas grundsätzlich Melancholisches und Schicksalergebenes. Der offene Horizont nach vorne fehlt, die Erzählung tritt auf der Stelle wie die Trauerrede eines schlecht bezahlten Grabredners. Der Roman, dem man seinen Ursprung aus der Abenteuerfahrt, der Âventiure, bis heute anmerkt, meidet den Lebensrückblick deswegen wie der Teufel das Weihwasser. Er bevorzugt Helden, die noch ein wenig zu leben haben, die sich im Chaos ihrer Zeit noch bewähren oder zumindest interessant scheitern müssen. Die Zukunft ist der Kraftstoff, ohne den ein Roman kaum Fahrt aufnimmt.

Robert Seethaler, 52 Jahre, Bestsellerautor, Österreicher, in Berlin lebend, wagt es trotzdem. Sein neuer Roman spielt auf einem Friedhof, der so heißt wie der Roman – das Feld. Der Friedhof ist ein verwildertes Stück Land in einer beliebigen Kleinstadt, die Seethaler Paulstadt getauft hat. Hier ruhen die Paulstädter Bürger sich von ihrem Kleinstadtleben aus. Der Bürgermeister, der Polizist, der Gemüsehändler, das Ehepaar mit dem schlecht gehenden Schuhladen, die Selbstmörder, die Unfallopfer, die Büroangestellten, der verrückt gewordene Pfarrer, der Herausgeber und Chefredakteur des Paulstädter Boten, der Mitarbeiter des Garten- und Grünflächenamtes und so weiter. Alle seit Langem tot. Nur einer sitzt noch auf dem Friedhof und hört ihnen zu, wie sie aus dem Jenseits noch einmal sprechen. 29 Tote erzählen von dem, was am Ende noch zählt, von den wenigen Momenten, um derentwillen sie ihr Leben gelebt haben, vom Altwerden und vom Sterben, das angeblich gar nicht so schlimm ist, wie die Lebenden sich das vorstellen. Und von ein paar explosiven Momenten im stillen Fluss der Tage. Manche versuchen sich zu rechtfertigen. Andere haben noch ein paar Ratschläge. Die meisten finden zu einer sanften und versöhnlichen Erzählhaltung, in der sie von etwas erzählen, das sie ohnehin nicht mehr ändern können: vom Kern ihrer Existenz.

Die Idee zu diesen Totenreden aus der Provinz ähnelt einem Einfall des französischen Autors Pierre Michon, dessen von Anne Weber mit zwanzigjähriger Verspätung übersetzter Roman aus dem Jahr 1984 Leben der kleinen Toten (eines der großartigsten Bücher überhaupt) ebenfalls aus Lebensbeschreibungen verstorbener Provinzbewohner besteht, von lauter kleinen Leuten, die "näher an der Erde als andere geboren und schneller von ihr verschluckt wurden". Der Ton, in dem Seethaler die Paulstädter Toten sprechen lässt, hat jedoch nichts vom klangfarbenreichen und hochartistischen Stil, in dem der französische Autor die von der Weltgeschichte vergessenen Provinzler wiederauferstehen ließ, um sie für die Erbärmlichkeit ihres Lebens zu entschädigen. Im Gegenteil: Die Prosa der Paulstädter Toten ist von großer Einfachheit und karger Schönheit, die nur ganz selten einmal ins allzu Kulleräugige verrutscht.

In dieser Kargheit liegt die Stärke des Buches und seines Autors, dessen Schreibweise nach Art des ehrlichen deutschen Roggenbrots ohne künstliche Treibmittel und Aromastoffe auskommt. Schon die großen Erfolge der Vorgängerromane Der Trafikant und Ein ganzes Leben verdankten sich der kunstvollen Unterkomplexität ihrer Figuren, die bei Seethaler immer ausnahmslos aus dem Milieu stammen, dem die moderne Soziologie den Titel Modernisierungsverlierer verliehen hat.

Das Wort ist ungerecht, denn die kleinen Leute aus Seethalers Provinz haben erstaunliche Fähigkeiten. Das tapfere Zeitungsverkäuferlein im Trafikant und der Hilfsarbeiter in Ein ganzes Leben legen eine stolze Verachtung gegenüber ihrem Schicksal an den Tag. Ihren Stoizismus beziehen sie aus der Einfachheit des Elementaren. Gegen die Auswüchse der Moderne sind sie immun, deren Exaltationen hält ihr robuster Kleinbürgerverstand für eitle Machenschaften. Ihr innerer Anker ist der Stuhl in der Küche "mit dem Rücken zur Welt". Nur dort, heißt es im neuen Roman, lasse sich ein Gedanke in aller Ruhe "zu Ende denken".