Man ist so alt, wie man sich fühlt. Ein Satz, dessen Gefahren ebenso verdrängt werden wie die Nebenwirkungen von Alkohol und anderen Muntermachern. Nicht zufällig ist der Satz genau wie diese stimmungsaufhellend gemeint, insofern er unterstellt, man fühle sich stets jünger, als man ist (nicht etwa älter), und könne deshalb, wenn die Sechzigjährigkeit nur tief genug empfunden wird, noch mit neunzig prima Auto fahren, eine Illusion, die spätestens dann verfliegt, wenn Gas und Bremse verwechselt wurden und der Wagen in einer Schaufensterscheibe landet. Was sagt man dann? Wenn die Polizei unter minutenlangem bestürztem Schweigen den Führerschein mustert, der vielleicht noch aus jenem grauen Stoff besteht, den man zu Recht einst als den Lappen bezeichnet hat, der dann abzugeben ist? Sagt man, das aufgedruckte Geburtsdatum täusche, da man ein ganz anderes Alter fühle? Nein, das sagt man dann nicht. Denn dieses ganz andere Alter, das man inmitten von Glassplittern und einer grässlich zusammengefalteten Ladeneinrichtung fühlt, geht eher auf die hundert zu. Sowieso besteht die tiefere Illusion in der Annahme, man fühle sich grundsätzlich jünger, als im Ausweis steht. Sechzehnjährige fühlen sich zum Beispiel regelmäßig wie achtzehn, wenn sie am Kiosk den Schnaps für eine Spritztour mit Papas Wagen kaufen. Ganz zu schweigen von den Ausgebrannten und Depressiven, die sich immer sterbensalt fühlen, oder von den allzu Intelligenten, allzu früh mit Einsicht Geschlagenen, die sich wie Greise unter der gleichaltrigen Jugend bewegen. Alter ist relativ, das ja, aber damit ist noch nicht gesagt, dass die Empfindung von etwas Unzeitigem auch plausibel ist. Legende ist der Ausspruch eines Mathematiklehrers, der wegen fortgesetzter Unterrichtsmängel frühpensioniert wurde und bei Gelegenheit seiner Verabschiedung bitter bemerkte, "da fühlt man sich wie auf den Topf gesetzt, obwohl man gar nicht muss". Sein gefühltes Alter war augenscheinlich das eines Dreijährigen, was wiederum zwingend bewies, dass er nicht zu früh pensioniert wurde, sondern zu früh eingestellt worden war. Schulbeamte können viel falsch machen. Aber da Intuition keine bürokratische Kategorie ist, blieb ihnen nichts anderes, als nach Aktenlage zu handeln. Der wahre Trost besteht darin, dass sie ebenso wie wir alle eines Tages den Lappen beziehungsweise den Löffel abgeben müssen und die einziehende Behörde von jener überirdischen Neutralität ist, die alle Fragen nach etwaiger Altersdiskriminierung obsolet macht.

FINIS