Die Deutschen haben eine außerordentliche Begabung zur Abstraktion. Philosophisch hat das viele Vorteile. Politisch eher nicht.

Im Juni 2015 zum Beispiel hat die Europäische Union, angetrieben von der deutschen Regierung, den Griechen ein rigoroses Sparprogramm aufgedrückt. Für die Deutschen war das bloß die Exekution ihrer Prinzipien, für den gesamten Süden der EU war es: deutsche Dominanz. Nur sieben Wochen später, am 4. September, beschloss die Bundesregierung über Nacht, die europäische Flüchtlingspolitik auf den Kopf zu stellen. Für die Deutschen war das angewandter Humanismus, für viele andere war es: deutsche Dominanz. Und doch gelang es der Berliner Politik und der Öffentlichkeit in jenem schicksalhaften Sommer problemlos, zu abstrahieren. Wo die anderen einen Zusammenhang sahen, erkannte man hierzulande bloß zwei disparate Krisen.

So ist es dieser Tage wieder. Kollektiv beugt man sich deutscherseits gerade über Italien. Was ist bloß los mit diesen Italienern, dass sie so wütend auf uns sind? Aber: Waren nicht soeben noch die Türken auf die Deutschen wütend? Und die Polen? Und die Ungarn? War es nicht erst vor Kurzem möglich, einen französischen Wahlkampf mit antideutschen Parolen zu bestreiten? In vielen europäischen Ländern ist der Widerstand gegen Deutschland zum politischen Programm geworden.

Nun könnte man die Wut natürlich ins Leere laufen lassen und ewig so weitermachen: 2015 fragen, was mit den Griechen nicht stimmt; 2016, was in die Franzosen gefahren ist; 2017, was die Polen neuerdings in ihre Piroggen mischen; im Januar sich darüber wundern, dass die Türken ausrasten; im Februar über die Ungarn den Kopf schütteln und ab Mai eben über die Italiener.

Man könnte aber auch mal eine ganz andere, geradezu tollkühne Frage stellen: Was macht Deutschland eigentlich falsch?

Bleiben wir dafür kurz in Italien. Angelo Bolaffi, 72, kennt Deutschland besser als die meisten seiner Landsleute. Er ist Philosoph und Germanist, früher hat er einmal das Italienische Kulturinstitut in Berlin geleitet. Bolaffi geht seit je streng mit seinem eigenen Land ins Gericht; dass viele Italiener die Schuld an ihrer Misere Deutschland in die Schuhe schieben, hält er für lächerlich. Aber auch Bolaffi beklagt die zunehmende Voreingenommenheit Deutschlands gegenüber Italien, die Selbstgerechtigkeit der deutschen Politik. Es sei eine "inakzeptable Zumutung", schrieb er in der Süddeutschen Zeitung, "dass Deutschland stets unbeugsamer Richter der Verfehlungen anderer, aber nie der eigenen ist".

Angelo Bolaffi steht nicht im Verdacht, irgendwelche Sympathien für die neue, populistische Regierung in Rom zu hegen. Doch auch er findet: Die Deutschen sind nicht schuldlos an der Wut, die ihnen nun in seiner Heimat entgegenschlägt.

Die immer schärfere Kritik an Deutschland ist auch ein Reflex auf seine veränderte Rolle in der EU. Mit der Aufnahme der mittel- und osteuropäischen Staaten ist Deutschland geografisch ins Zentrum der Union gerückt; die Zeiten, da es seine Macht hinter dem französischen Rücken verstecken konnte, sind spätestens seit der Euro-Krise vorbei. Damit geht es den Deutschen in Europa ähnlich wie den Amerikanern früher in der Welt: Je offensichtlicher ihre Macht ist, desto widersprüchlicher werden die Erwartungen und die Kritik. Die einen wünschen sich mehr, die anderen weniger deutsche Führung. Das ist nicht schön, aber auszuhalten.

Umgekehrt gilt allerdings auch, und da hinkt der Vergleich mit den USA: Kein anderes Land ist so sehr auf den Zusammenhalt der EU angewiesen wie Deutschland – wirtschaftlich als Exportnation, außenpolitisch als ein Land mit vielen Nachbarn. Was diese Nachbarn über uns denken, ist daher von vitalem deutschem Interesse.