Die digitale Revolution wartet hinter hundert Jahre altem rotem Mauerwerk. Herrschaftlich, ein bisschen angsteinflößend liegt das Friedrich-Gymnasium in der Frühlingssonne. Die Fenster riesig, die Eingangstür schwer. Dahinter Kinder, die Latein und Griechisch lernen, und solche, die mit Smartphones elektrische Widerstände messen und auf Tablets Musik machen. Wer wissen will, wie eine digitale Schule funktioniert, kann ins Silicon Valley fahren, wo es keine Klassenzimmer mehr braucht, weil jeder für sich an Laptop oder Smartphone lernt. Oder er fährt nach Freiburg, ans FG, das humanistische Friedrich-Gymnasium.

Wie emsige Geschäftsleute rennen die Schüler der 7a hoch konzentriert mit ihren Tablets durch die Klasse. Auf den Bildschirmen: ein Bewertungsraster, mit dem sich die Kinder gegenseitig Rückmeldung geben: Wie gut sind die Poster zur Berechnung des Erdumfangs gelungen? Wer hat richtig gerechnet, wer falsch? Um den Umfang der Erde zu ermitteln, musste in der 7a niemand mehr Stift und Lineal aus dem Rucksack holen. Patrick Bronner, Mathe- und Physiklehrer, wollte, dass seine Schüler auf drei Wegen zum Ergebnis kommen, alle digital: mit Handy und GPS auf dem Schulhof, mit Google Maps und über eine Internetrecherche. Auf YouTube hat Bronner ein zehnminütiges Video gestellt, in dem er erklärt, was zu tun ist.

Die digitale Schule. Es wird viel von ihr geredet. Von Bildung im 21. Jahrhundert und wie sie sich unterscheidet von dem, was Schüler bisher lernten. Welche Fähigkeiten braucht es in einer Welt, in der es kaum noch Gewissheiten gibt? Was ist Wissen noch wert, wenn es jederzeit abrufbar ist, auf kleinsten Geräten? Wieso also die kostbare Zeit von Kindheit und Jugend mit dem Pauken von Fakten, Formeln, Periodensystemen und Jahreszahlen vergeuden? Sollten Kinder nicht besser lernen, wie sie mithilfe der neuen technischen Möglichkeiten geschickt an Lösungen kommen – und sich damit Zeit verschaffen für Kreativität, kritisches Denken, Teamarbeit?

Was der Computer in der Schule zu suchen hat, welche Aufgabe er im Unterricht übernimmt, ob er Schüler schlauer oder dümmer macht – das beschäftigt die Menschen in diesem Land seit über 30 Jahren. Noch heute verläuft die Auseinandersetzung in oft überzogenen Debatten. Digital-Euphoriker malen Untergangsszenarien an die Wand, sollten Deutschlands Schulen den Anschluss an die Technik verpassen. Ihnen gegenüber stehen die Skeptiker und Verweigerer, die das digitale Lernen als schädlich verteufeln. Es ist ein Kulturkampf. Dabei läuft an den meisten Schulen noch nicht mal das WLAN.

Inmitten der ideologischen Fronten hat sich Deutschland längst entschieden, seine Schulen digitaler zu machen. "Bildung in der digitalen Welt" heißt die Strategie der Kultusministerkonferenz, nach der spätestens vom Jahr 2021 an die 11 Millionen Schüler an den rund 40.000 Schulen im Land jederzeit Zugriff auf eine digitale Lernumgebung und einen Internetzugang haben sollen. Auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, erst wenige Monate im Amt, hat Position bezogen: "Digitale Medien gehören an jede deutsche Schule." Nach Auffassung der Politikerin sollen sie den Unterricht besser machen, Kinder individueller fördern und auf das Leben vorbereiten: "Eine Schule muss aufgreifen, wenn sich das Leben verändert, zum Beispiel durch Digitalisierung." Fünf Milliarden Euro hatte Karliczeks Vorgängerin Johanna Wanka den Schulen für den Ausbau ihrer technischen Infrastruktur, für Breitbandkabel, verlässliches WLAN und Serverkapazitäten versprochen.

Der als Digitalpakt bekannt gewordene Geldsegen kam aber bis heute nicht. Für viele Schulen, die es satthatten, mit abstürzenden Computern und instabilem WLAN zu arbeiten, ein verheerendes Signal: Trotz aller politischen Verlautbarungen hatte man es mit der digitalen Bildung also doch nicht so eilig. Die Zukunft kann warten. Und bevor nicht das Grundgesetz geändert wird, kann eh kein Cent der 3,5 Milliarden fließen, die in dieser Legislaturperiode ausgezahlt werden sollen. Damit der Bund die Länder bei der Entwicklung ihrer Schulen offiziell unterstützen darf, soll Ende des Jahres zunächst das Kooperationsverbot gelockert werden.

Patrick Bronner, der Lehrer aus Freiburg, wollte nicht mehr warten. Es ist typisch für die deutsche Schullandschaft, dass es oft einzelne Pädagogen sind, die einfach anfangen mit dem "digitalen Wandel". Und denen es dabei so geht wie Patrick Bronner, der sagt: "Ich hatte keine Ahnung, wie." Der Weg zur digitalen Schule bleibt vielen ein Rätsel. Wie genau soll sie denn aussehen? Öfter mal YouTube-Videos in den Unterricht einbauen, ist das schon eine digitale Schule? Sind es die interaktiven Tafeln? Müssen alle Schüler Laptops haben, Tablets? VR-Brillen? Jede Schule muss auf solche Fragen selbst eine Antwort finden. Die große Angst: Sich heute für ein Modell zu entscheiden, das morgen nicht mehr zu gebrauchen ist. Geld für einen Irrtum auszugeben, in die falsche Strategie zu investieren. Die träge Dampflok Schule wird dem Hochgeschwindigkeitszug Digitalisierung immer unterlegen sein. Und wer weiß überhaupt, wie die Schule in Zukunft aussehen wird? Ob es da noch Schulbücher gibt? Tische, Labore? Ob Prüfungen irgendwann auf Tablets oder Laptops geschrieben werden, was aus den Lehrern wird? Wo finden sie ihren Platz inmitten von Apps, Videos, Robotern und Virtual Reality?

Was für Patrick Bronner offensichtlich war: Das Medienkonzept seines Gymnasiums war ungefähr so verstaubt wie Lehrerhände, die seit Jahren nur mit Kreide schreiben. Sechs Medientische gab es und einen PC-Raum mit 15 Computern. Alle 30 Klassenräume mit Smartboards, Computern und Beamern auszustatten hätte 200.000 Euro gekostet. Geld, das nicht da war.