An der Hauswand flattert eine Fahne mit einer Eiswaffel, auf der Karte stehen Amarena-Becher, Bananen-Split und Spaghetti-Eis. Seit 24 Jahren betreibt Maicel Stabrowski seinen Laden "Der Eismann" in Dulsberg. Er ist 52 Jahre alt und hat etwas ganz anderes gelernt: Fernmeldehandwerk.

DIE ZEIT: Herr Stabrowski, die vergangenen Wochen schien meistens die Sonne, und es war heiß. Perfektes Wetter für Eisverkäufer, oder?

Maicel Stabrowski: Die Leute denken immer: Der Eismann braucht 30 Grad, und im Sommer wird automatisch Eis gegessen. So ist das aber gar nicht. 30 Grad sind für mich geschäftsschädigend. Die älteren Menschen trauen sich nicht raus, weil es zu heiß ist, die jungen Menschen gehen baden oder legen sich an die Wandse – da habe ich in meinem Laden nichts zu tun. Für uns Eismänner ist optimales Wetter das Spaziergangwetter: 20 Grad, ein paar Wolken am Himmel, fertig. Aber: Wenn ich nur solche Tage hätte, würde zwar die Kohle stimmen, aber das wäre Stress pur. Ich werde nicht jünger.

ZEIT: Wie oft schauen Eisverkäufer den Wetterbericht?

Stabrowski: Ich schaue im Sommer jeden Tag auf drei verschiedene Wetter-Websites. Danach entscheide ich: Wie viel Milch brauche ich? Wie viel Sahne? Muss ich überhaupt etwas bestellen?

(Ein Paketbote ordert zwei Kugeln: Schokolade und Joghurt. Stabrowski: "Waffel oder Becher?")

ZEIT: Welche Sorte verlangen die Kunden am häufigsten?

Stabrowski: Schoko ist europaweit die beliebteste Eissorte, das ist auch bei mir der absolute Renner. Ich übertreffe das manchmal mit Vanille, weil ich unheimlich viel Spaghetti-Eis verkaufe. Bei Schoko bestellen die Leute meistens drei Kugeln auf einmal, das würde bei Vanilleeis nicht vorkommen.

ZEIT: Sehr klassisch.

Stabrowski: Vor über 20 Jahren habe ich mal Pfefferminzeis gemacht, mit Schokostücken. Mein Lieferant hatte mir Pfefferminz-Essenz geschenkt, ich habe damit Eis gemacht. Es war ursprünglich weiß und sah mit Schokostücken aus wie Stracciatella. Hat keiner gekauft. Jetzt füge ich drei Tropfen grüne Lebensmittelfarbe hinzu, und die Sorte läuft wie nie. Das hab ich nicht für möglich gehalten.

ZEIT: Minze ist auch nicht besonders exotisch.

Stabrowski: Ich habe nichts Exotisches.

ZEIT: Kein veganes Avocado-Eis.

Stabrowski: Nein, nein, nein. Ich bin hier auf dieser konservativen Schiene, meine Kunden haben mir abgewöhnt, viel zu verändern. Ich wechsele nur drei meiner 18 Sorten: Himbeere oder Schwarze Johannisbeere, Marzipan oder Kokos, Malaga oder Rum-Trüffel. Alle anderen 15 Sorten sind immer da. Es läuft ja. Bei der Konkurrenz gibt es nur noch Knoblauch-Nuss.

ZEIT: Schokolade, Erdbeer, Banane – Ihre Vitrine erinnert an einen Eissalon aus den frühen neunziger Jahren.

Stabrowski: Ich könnte auch Hügellandschaften aus Eis basteln wie andere Verkäufer. Das wäre kein Problem. Meine Haselnuss hat keine Stücke – aber du schmeckst die pure Nuss. Andere Eismänner haben weißes Grundeis, einfach nur süß, darauf gibt es eine Soße mit Nussgeschmack und eine Handvoll Haselnusskrokant. Das nennen die dann Crème de la Nuss. Es gibt für beide Produkte Kunden.