Ob der Kardinal an diesem Fronleichnamstag bereits weiß, dass er in wenigen Tagen der große Sieger im Machtkampf unter Deutschlands Bischöfen sein wird? Gut möglich: Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln, steht am Altartisch des Doms, der Weihrauch qualmt. Plötzlich, als die Messe eigentlich schon vorbei ist, reißt Woelki die Zuhörer aus ihrer frühsommerlichen Hitzelethargie: "Hier geht es um Leben und Tod!", ruft der Kardinal in dringlicher Tonlage. Es geht ihm um das Allerheiligste, die Kommunion, die Eucharistie. "Wir sind keine Nationalkirche!", sagt Woelki. Er meint: Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) kann keine theologischen Definitionen vorlegen, die nur hierzulande gelten, denen andere Länder nicht folgen.

Vier Tage später wird ihm der Papst recht geben: "Die Frage der Zulassung von evangelischen Christen in interkonfessionellen Ehen ist ein Thema, das den Glauben der Kirche berührt und eine Bedeutung für die Universalkirche hat", lässt er den Chef der Glaubenskongregation, Luis Ladaria, schreiben. Der Brief beendet den monatelang schwelenden Streit in der Deutschen Bischofskonferenz, ob denn nun evangelische Ehepartner die Kommunion erhalten dürfen oder nicht. Der vorsichtige Versuch der ganz großen Mehrheit moderater Bischöfe, auch beim Abendmahl mehr Ökumene festzuschreiben – er ist gescheitert.

Mit der Absage an die von vielen Gläubigen gewünschte Annäherung klärt der Vatikan noch etwas anderes: einen Machtkampf unter Deutschlands obersten Katholiken. Indem Franziskus dem Kölner recht gibt, düpiert er den eigentlichen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz: Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München. Mit dem jüngsten Papstbrief zum Schattenregenten aufgestiegen ist Rainer Maria Woelki. Ohne den Kölner wird künftig auch in anderen Fragen der deutschen Bischöfe nichts mehr gehen. Er ist so etwas wie der Oppositionsführer und da die Opposition gerade gewonnen hat: der mächtigste deutsche Bischof mit Rom im Rücken.

Das erinnert an seinen Vorgänger Joachim Meisner, der häufig mit seinen Kollegen Kardinal Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, und Papst Johannes Paul II. gemeinsame Sache machte. Etwa beim Streit um die Schwangerenkonfliktberatung Ende der Neunzigerjahre. Meisner stand an der Spitze einer Gruppe deutscher Bischöfe, die den Ausstieg aus dem Beratungssystem wollten. Er setzte sich durch, gegen eine gesellschaftliche Mehrheit.

Der Auslöser des aktuellen Streits um die Kommunion: Im Februar noch hatte die Deutsche Bischofskonferenz mit einer Dreiviertel-Mehrheit eine Orientierungshilfe für Priester und Eheleute befürwortet, die protestantischen Ehepartnern den Gang zur katholischen Kommunion ebnen sollte. Die DBK tat damals eigentlich, was der Papst wünschte. Der hatte immer betont, dass die Ortskirchen in kniffligen Fragen vorangehen sollten, ohne auf Lösungen aus Rom zu warten. Die Frage, ob und wann Nichtkatholiken an der Eucharistie teilnehmen dürfen, ist seit Jahren ein großes Streitthema. Die Mehrheit der DBK war aber zur Modernisierung bereit und wollte das strenge Kommunionverbot für Nichtkatholiken in gemischten Ehen lockern. Sieben konservative Bischöfe stellten sich schon damals gegen den Schritt. Im März, unter Federführung von Rainer Maria Woelki, schrieben sie – an der Mehrheit ihrer Amtsbrüder vorbei – an den Vatikan. Müsse die Frage nicht von Rom geklärt werden anstatt von Deutschland? Könne es denn sein, dass in Deutschland eine Regelung die Eucharistie betreffend gelte, die im Rest der katholischen Welt keine Zustimmung erfährt?

Nach einem Gespräch der Konfliktparteien in Rom Anfang Mai sah es dann zunächst so aus, als überlasse der Papst die Beilegung des Kommunionsstreits den deutschen Bischöfen selbst. Er forderte die Versöhnung der Lager. Jetzt aber heißt es plötzlich: Die Kommunion sei auch ein Thema, "das den Glauben der Kirche berührt und von weltkirchlicher Relevanz ist". Damit reißt der Vatikan den Fall an sich. Zentralismus statt Dezentralisierung, eine spektakuläre Wende in Franziskus’ kirchlicher Innenpolitik.

Dass der aktuelle Brief von Ladaria vorab an verschiedene konservativ-katholische Medien durchgestochen wurde, ist ein weiterer Affront gegen Marx. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz hat erst aus den Medien von der Existenz des Dokuments erfahren. Dabei gehört der Münchner als einer von lediglich neun Kardinälen weltweit dem engsten Beratergremium des Papstes an, das mit ihm die Kurienreform vorantreiben soll. Doch offenbar nützte auch sein steter und enger Draht zum Pontifex Maximus in diesem Falle nicht.