DIE ZEIT: Herr Brunnermeier, Angela Merkel hat kürzlich Vorschläge gemacht, um Europa zu reformieren. Waren Sie vom Zeitpunkt überrascht?

Markus Brunnermeier: Nein. Seit dem Wahlausgang in Italien ist ja noch offensichtlicher, dass etwas getan werden muss, um Europa und den Euro zusammenzuhalten.

ZEIT: Taugen Merkels Vorschläge denn dazu?

Brunnermeier: Sie hat wirtschaftlich zwei Dinge vorgeschlagen: erstens ein besseres Krisenmanagement und zweitens Extrageld für Investitionen. Letzteres ist eher ein symbolischer Akt, um andere Länder glücklich zu machen. Das Krisenmanagement aber ist wichtig. Dazu dient ein Europäischer Währungsfonds, den Merkel schaffen will.

ZEIT: Er soll aus dem heutigen Euro-Rettungsfonds hervorgehen. Was bringt das – außer einem neuen Namen?

Brunnermeier: Der Europäische Währungsfonds (EWF) macht Europa vom Internationalen Währungsfonds (IWF) unabhängiger.

ZEIT: Warum ist das notwendig?

Brunnermeier: Europa hat andere Vorstellungen. Der IWF hilft weltweit Ländern, die in Schwierigkeiten gekommen sind, indem er einen schnellen Schuldenerlass herbeiführt. So kann sich ein Land – nach Reformen – möglichst schnell wieder selbst Geld besorgen. Europa denkt anders. Echte Schuldenschnitte für Länder in Schwierigkeiten sehen Frankreich und Deutschland skeptisch. Sie wollen ihnen stattdessen lieber sehr lang laufende Kredite geben. Das hat man bei Griechenland größtenteils so gemacht. Mit dem IWF, der ja an der Griechenland-Rettung beteiligt war, führte das zu Konflikten. Interessant ist außerdem, dass der EWF auch alle Euro-Länder überwachen soll. Das macht nämlich eigentlich schon die EU-Kommission. Sie wird de facto entmachtet, hat aber auch ein Problem: Sie hat wenig Mittel, um durchzusetzen, dass Regeln eingehalten werden.

ZEIT: Der EWF wäre mächtiger?

Brunnermeier: Ja, er hat Drohpotenzial – zumindest dann, wenn er Kredite vergeben hat oder vergeben könnte. Denn dann hängt Geld daran.

ZEIT: Alles zusammengenommen: Sind das die richtigen Antworten auf die Vorschläge des französischen Präsidenten Emmanuel Macron?

Brunnermeier: Was ich gut finde: Merkel ist sehr konkret geworden, wo Macron noch wolkig war. Sie hat auch viele Dinge vorgeschlagen, die nichts mit der nächsten Euro-Krise zu tun haben: mehr gemeinsame Grenzsicherung und Verteidigung etwa. Das kommt Frankreich entgegen. Merkel unterscheidet sich aber von Macron, weil sie auf Lösungen pocht, die zwischen den Staaten angesiedelt sind. Macron will eher suprastaatliche Institutionen wie einen EU-Finanzminister.

ZEIT: Was ist besser?

Brunnermeier: Ich finde nicht, dass wir unbedingt mehr Institutionen und eine Vielzahl neuer Budgets brauchen. Wir brauchen bessere Institutionen.