Europas Wissenschaft verbündet sich gegen den Populismus.

Es gibt da diese kleine, irrwitzige Fabel von Franz Kafka. Sie geht so: "'Ach', sagte die Maus, 'die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.' 'Du mußt nur die Laufrichtung ändern', sagte die Katze und fraß sie."

Der Text ist von 1920, aber er beschreibt Europa im Jahr 2018. Ein Europa, das aus lauter Angst vor der Freiheit im Begriffe ist, sich von einer hämischen, nimmersatten Populismus-Katze auffressen zu lassen. Dabei wäre ein alternatives Ende der Fabel denkbar: In diesem hielte die Maus kurz inne, machte einen Salto mortale und liefe der Katze einfach davon.

Nicht weniger als das, ein kühnes Widerstandsmanöver, unternimmt in diesen Zeiten die europäische Wissenschaft. Der Schreck ist den Universitäten in die Glieder geschossen: der drohende Brexit, der die britische Spitzenforschung von Kontinentaleuropa abschneiden könnte. Die ungarische, türkische, polnische, russische Regierung, die Wissenschaftler schikaniert, entlässt und vertreibt. Die AfD, die Forschungsergebnisse verdreht. Es sind beinharte Autoritarismen, die Europas Wissenschaftsfreiheit einzuhegen versuchen.

Was also tun die Universitäten? Sie schließen Kooperationen, rufen Netzwerke aus, entwerfen Programme, was das Zeug hält. Systematischer und behänder als je zuvor. So gaben etwa die Universitäten Cambridge und München gerade den Abschluss einer "strategischen Partnerschaft" bekannt; schon ab 2019 will man – wider den Brexit – gemeinsam forschen, lehren und Gelder einwerben. Genauso Oxford, das eine Art Zweigstelle in Berlin hochzieht. Ebenso die Central European University in Budapest, die einen Campus-Ableger in Wien aufbaut, weil sie zu Hause von Viktor Orbán unter Druck gesetzt wird.

Und noch viel mehr passiert. Die Hochschulen sortieren geflüchtete Studierende pragmatisch in ihre Hörsaalbänke ein. 2016 gründete sich – fast über Nacht – eine deutsche Sektion des weltweiten Hilfsnetzwerks Scholars at Risk. Und die Alexander von Humboldt-Stiftung stampfte die Philipp Schwartz-Initiative aus dem Boden, die bis heute mehr als 100 verfolgten Wissenschaftlern aus der Türkei, dem Irak und Syrien Forschungsasyl in Deutschland gewährt hat.

All das geschieht im ureigenen Interesse der Wissenschaft selbst, die auf den Austausch von jeher angewiesen ist. Von der ökonomischen Bedeutung einer florierenden Forschungslandschaft für die betreffenden Länder auf unserem rohstoffarmen Erdteil ganz zu schweigen. In Wahrheit aber geht es um mehr. Unermüdlich beharren die Wissenschaftsorganisationen in Pressemitteilungen und auf Podien auf den Werten Europas: Verantwortung, Solidarität, die Freiheit der Menschen und der Gedanken. Es sind keine papiernen Worte, sondern Wegweiser und Aufforderung für die Katzen und Mäuse in uns.