Kunst überrascht oft, doch in diesem Fall ist man schon im Museumsfoyer verblüfft. Wenn man es denn so bezeichnen kann: Wer nach dem kurzen Spaziergang vom Hafen den Inselrücken hinauf seine Tasche im Garderobenschrank einschließen möchte, findet ihn versteckt in einem Wäldchen junger Steineichen. Auf dem von Pinien gesäumten Hauptweg serviert Charles Carmignac, 39 Jahre alt und neuer Museumsdirektor, einen Becher geheimnisvollen Kräutersud, um die "Aufnahmefähigkeit des Besuchers zu unterstützen". Wenig später wird er seinen Gast noch bitten, im Museum die Schuhe und Socken auszuziehen, um die Energie des Steinbodens besser zu spüren. Doch für den Moment setzt sich Carmignac auf eine Mauer, das Gesicht gen Abendsonne gewandt. "Unser Projekt ist komplett in die Landschaft integriert", sagt er und lässt den Blick zur alten Villa auf dem kleinen Hügel wandern. In diesem steckt – gut verborgen – die Kunst.

Charles Carmignac, 39, ist der Direktor des Museums © Matthieu Salvaing

Mit ihrem Museumsbau wagt die private Kunststiftung Fondation Carmignac aus Paris nun den Schritt in die Öffentlichkeit. Und verschafft der Insel Porquerolles, 15 Fährminuten vor der südfranzösischen Mittelmeerküste gelegen, einen kulturellen Leuchtturm, der auf den ersten Blick so gar nichts von einem Leuchtturm hat. Unterirdisch, mitten im Naturschutzgebiet zu bauen war kompliziert und hatte seinen Preis, über den bei den Carmignacs – wie bei so vielen Privatsammlern – diskret geschwiegen wird. Aber Geldprobleme dürften kaum zu den Sorgen seines Vaters Édouard Carmignac zählen. Der 70-jährige Fondsmanager verwaltete im ersten Quartal dieses Jahres mit seiner Firma Carmignac Gestion Anlagen im Wert von 55 Milliarden Euro. Sein privates Vermögen schätzt Forbes auf 1,8 Milliarden Dollar. Und als er im vergangenen Jahr mit seinem Sohn die Kunstmesse Art Basel besuchte, kehrten die beiden leichterhand mit dem Gerhard-Richter-Gemälde Horst mit Hund (1965) zurück, dessen Anfragepreis Medienberichten zufolge bereits 2014 bei sechs bis sieben Millionen Dollar lag. Sohn Charles Carmignac war übrigens lange Gitarrist bei der frankoamerikanischen Folk-Rock-Band Moriarty. Seit er vor 18 Monaten die Direktion der Kunststiftung übernahm, pausiert er jedoch mit der Musik. Obwohl: "Unser Kunstparcours hier ist ziemlich musikalisch", erklärt er. "Er hat einen besonderen Rhythmus und ähnelt einem Tanz, der sich oberhalb und unterhalb der Erdoberfläche abspielt."

Mit einer dunklen Katakombe hat die 2.000 Quadratmeter umfassende, vom Genfer Architektenbüro GMAA entworfene Ausstellungsarchitektur tatsächlich nichts gemein, aller Kellerlage zum Trotz. Es war schon ein genialer Einfall, die Decke des größten zentralen Raums vollständig durch eine Glasscheibe zu ersetzen, die gleichzeitig den Boden für das Zierbassin auf der Villenterrasse bildet. Vom Wasser gefiltertes Tageslicht streut dadurch in die benachbarten Ausstellungskabinette. Die Kunst, derart stimmungsvoll in Szene gesetzt, hat hohen Wiedererkennungswert, wie die zwei Kommunistenporträts von Warhol (ein Lenin, ein Mao). Oder das Basquiat-Bild gleich am Eingang, das angeblich Édouard Carmignac selbst zeigt. Anderswo schielen vier blonde Comic-Ladys von Roy Lichtenstein auf die Neue im Raum: Sandro Botticellis Madonna mit dem Granatapfel – eine Gemeinschaftsarbeit (um 1487) von Künstler und Werkstatt, die noch im November bei einer Auktion im Hôtel Drouot in Paris für eine halbe Million Euro ersteigert wurde. Der Besucher trifft sonst vor allem auf Werke lebender Künstlergrößen wie Bruce Nauman, Gerhard Richter, John Baldessari oder Cindy Sherman, seltener auch von jüngeren, unbekannteren Schöpfern wie der Brasilianerin Janaina Mello Landini. "Es ist eine eklektische Sammlung", gibt Charles Carmignac zu. Aber garantieren die grundsoliden Werke mit überwiegend klingenden Künstlernamen nicht stabile Preise beim Wiederverkauf? Darum gehe es nicht, entgegnet Charles Carmignac sofort: "Mein Vater sieht die Sammlung nicht als Investment. Die Kunstwerke sind seine Leidenschaft. Er liebt es, sich mit ihnen zu umgeben und seinen Geschmack mit anderen Kunstliebhabern zu teilen."

Der Museumsbau war zweifellos ein cleverer Schachzug der Carmignacs. Denn mehr als die Sammlung an sich lockt das Zusammenspiel von Kunst, Architektur und Natur nach Porquerolles. Ein feines Gespür für Dramaturgie offenbart sich in der Präsentation von fast 20 Skulpturen, die Künstler eigens für das Museum und den Garten geschaffen haben – da spielte wohl die Inszenierungserfahrung des langjährigen Musikers eine Rolle. "Mein Vater schätzt starke Bilder", sagt Charles Carmignac. "Mich interessieren auch Dinge, die stärker im Inneren wirken und ein bisschen unsichtbarer sind. Von der Schönheit eines Konzepts fühle ich mich angezogen." Und so bleibt die Frage, wie der Sohn die Sammlung des Vaters weiterentwickeln wird. Was würde er selbst gern kaufen? "Ich verehre den Lichtkünstler James Turrell", entgegnet Carmignac. "Aber noch lieber würde ich den künftigen, noch unbekannten Schülern von Turrell begegnen." Turrellhaftes würde passen nach Porquerolles: der amerikanische Land-Art-Künstler, der Lichtinstallationen schafft, die grenzenlos scheinen. Ohne Oben und Unten. Mit seinem Werk oder dem eines seiner Schüler hätte die französische Insel einen weiteren Leuchtturm.