DIE ZEIT: Herr Bundespräsident, was haben Sie gedacht, als Sie das Foto der beiden Fußball-Nationalspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gesehen haben?

Frank-Walter Steinmeier: Im ersten Moment habe ich mich gefragt, ob das eine bewusste Entscheidung war oder ob sie überrumpelt worden sind. Es hat mich dann, ehrlich gesagt, auch ein bisschen ratlos gemacht. Weniger weil Gündoğan gesagt hat, Erdoğan ist mein Präsident ...

ZEIT: ...der wären eigentlich Sie ...

Steinmeier: ... sondern weil sie beide in Deutschland groß geworden sind. In jeder Hinsicht, auch sportlich. Sie spielen für die deutsche Nationalmannschaft. Es hätte sie deshalb nicht überraschen dürfen, dass ihr Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Kritik auslöst. Dann bekam ich einen Anruf.

ZEIT: Wer hat Sie angerufen?

Steinmeier: Die Gesprächsbitte lief über mehrere Kanäle – auf Initiative von İlkay Gündoğan. Mir wurde gesagt, es gebe ein dringendes Bedürfnis der beiden, Missverständnisse auszuräumen. Mindestens haben beide also durch die nachfolgende Debatte wahrgenommen, dass es ein Problem gibt.

ZEIT: Haben Sie gezögert, die beiden zu treffen?

Steinmeier: Wenn jemand nach einem Rückweg sucht, soll man helfen. Eine Brücke zu bauen, so verstehe ich meine Rolle als Bundespräsident. Darum habe ich gesagt, ja, sie sollen kommen.

ZEIT: Haben die beiden versucht, sich zu entschuldigen?

Steinmeier: Das ist eine Interpretationsfrage. Wenn ich die beiden Aussagen ernst nehme – und ich habe keinen Anlass, das nicht zu tun –, dann haben die beiden jedenfalls erkannt ...

Steinmeier macht eine längere Pause.

... dass es für sie gut ist, sich zu diesem deutschen Staat und ihrem loyalen Verhältnis zu ihm zu bekennen und das entstandene Bild zu korrigieren.

ZEIT: Diese Korrektur ist nicht ganz gelungen. Eine Mehrheit der Deutschen hat den beiden nach einer Umfrage nicht verziehen. Können Sie das verstehen?

Steinmeier: Menschen lieben ihre Feindbilder, das macht den Alltag übersichtlich. In den Kommentarspalten auf meiner Facebook-Seite gab es einige, die offenbar auch sehr verärgert über mich waren.

ZEIT: Dass Sie die beiden als "Vaterlandsverräter" nicht hätten empfangen sollen?

Steinmeier: Dass man mit den beiden nicht sprechen sollte, dass sie auf keinen Fall für Deutschland spielen dürften und Ähnliches mehr.

ZEIT: Beantworten Sie so etwas?

Steinmeier: Ein kleines Team bei mir kümmert sich darum.

ZEIT: Aber Sie schauen sich die Beschimpfungen an?

Steinmeier: Ja, leider!

ZEIT: Warum machen Sie das?

Steinmeier: Das frage ich mich auch. Ich habe einen Drang, alles zu lesen. Über das Treffen mit Mesut Özil und İlkay Gündoğan haben sich rund 50.000 Leute ausgetauscht, am Ende gab es immerhin so etwas wie eine Debatte. Das ist in den sozialen Medien schon fast eine Ausnahme. Ende Mai zum Beispiel hatten wir hier im Schloss eine Forumsveranstaltung zur Zukunft der Demokratie, da gab es auch heftige und hässliche Kommentare, weil ich die Frage gestellt habe: Wie sähe unsere Gesellschaft eigentlich ohne Politik aus, wenn immer weniger Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen? Das ist ja, wenn wir auf der kommunalen Ebene schauen, längst keine rein abstrakte Frage mehr.