Eigentlich könnte Hansruedi Weber, 72, sein Leben genießen, in seinem Häuschen in Ennetbaden, einer Gemeinde am Sonnenhang, unweit von Zürich. Wäre ihm vor zehn Jahren nicht dieses eine Büchlein, 91 Seiten dünn, in die Hände geraten. Sein Autor: ein Soziologieprofessor aus Halle namens Joseph Huber. Sein Titel: Geldschöpfung in öffentlicher Hand. Weber, der gelernte Volksschullehrer, der damals nichts von Geldpolitik verstand, wollte wissen, was um ihn herum gerade geschah.

Es war der Herbst 2008, die Immobilienkrise in Amerika erreichte London, Frankfurt und auch Zürich. In New York brach die Bank Lehman Brothers zusammen, die Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac benötigten Staatshilfe, und in der Schweiz geriet die UBS so gefährlich ins Wanken, dass sie vom Steuerzahler gerettet werden musste.

Hansruedi Weber von der Vollgeld-Initiative © privat

Weber las das Büchlein: "Endlich hatte ich verstanden, was da vor sich ging: Das ganze Geldsystem beruht auf einem großen Betrug." Ihm wurde etwas klar, das die meisten nicht wissen: Es ist nicht allein die Schweizerische Nationalbank (SNB), die Geld schafft, indem sie es druckt oder elektronisch den Banken zur Verfügung stellt. Auch die privaten Banken können Geld schaffen – und zwar immer dann, wenn sie Kredite vergeben. 90 Prozent aller Franken sind von privaten Banken geschaffen. Auch das Geld auf Webers Konto bei der Aargauischen Kantonalbank, das ihm einst seine Eltern eröffnet hatten: "Ich besitze keinen Franken, sondern nur ein Versprechen." Die Bank gibt für das elektronische Geld die Garantie ab, dies in Bargeld zu tauschen, wenn der Kontoinhaber das will. Würde das aber wirklich jeder wollen, wäre nicht genügend Bargeld vorhanden.

Weber war das unheimlich. Und er tat, was ein Schweizer Bürger tut, wenn ihn etwas stört: Er lancierte eine Volksinitiative. Am kommenden Sonntag kommt sie zur Abstimmung. Es geht darum, ob das Geld in der Schweiz künftig nur noch von der Nationalbank geschaffen werden darf – und nicht mehr von den privaten Banken.

Vollgeld nennt sich diese Idee. Die Initiatoren behaupten: Vollgeld mache das Finanzsystem krisensicher. Ihre Gegner sagen: Die Schweiz lasse sich damit auf ein gefährliches Experiment ein.

Weber sitzt im Café Himmel im Städtchen Baden im Kanton Aargau. Die weißen Haare gescheitelt, der Bart gestutzt. Er trägt ein kariertes Kurzarmhemd, ausgeblichene Jeans und geflochtene Sandalen. Zu sich nach Hause lädt er keine Journalisten. Das habe er seiner Frau versprochen, sagt er, als er begonnen habe, sich für die Vollgeld-Reform einzusetzen.

Seine Frau, eine Heilpädagogin, ist es auch, die ihm sein politisches Engagement ermöglicht. Sie finanziert den gemeinsamen Haushalt hauptsächlich, und das seit dreißig Jahren. Damals wurde es Hansruedi Weber in seinem Job zu eng. In jungen Jahren sei er ein richtiger "Füdlibürger" gewesen, so nennt man in der Schweiz die Spießer: "Ich war stolz, als ich als Milizsoldat ins Militär einrücken durfte." Er machte sogar kurz Karriere in der Schweizer Armee. Doch dort kamen ihm erste Zweifel an den Autoritäten, denen er zuvor klaglos gehorcht hatte. Ein Vorgesetzter, der sich selbst dauernd widersprach, brachte ihn zum Umdenken. Bald zweifelte Weber auch an sich selbst. An sich, dem Lehrer, dem die Schüler doch nur glaubten, weil er vor ihnen stand, an der Wandtafel, und nicht mit ihnen in den Bankreihen saß. Schließlich hatte er genug. Mit knapp 40 Jahren stieg Weber aus. "Meine Frau und ich wollten keine Kinder, deshalb konnten wir es uns leisten, nur von einem Einkommen zu leben."

So entsteht Geld heute

Banken leihen sich Geld von der Nationalbank. Im Beispiel sind es zehn Franken. Sie können an ihre Kunden aber das bis zu 40-Fache verleihen. Dieses Buchgeld existiert nur auf den Konten. Würden alle Kunden es gleichzeitig abheben wollen, wäre das nicht möglich.

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Weber ging auf Wanderschaft, fünf Jahre lang. Er arbeitete als Praktikant bei einem Schreiner, auf einem biodynamischen Bauernhof und auf dem Bau. Er wollte mit den Händen arbeiten, er suchte das Einfache, das Klare. Er reiste nach Frankreich und England, um die Sprachen zu lernen. Dann schrieb er sich an der Universität ein. In Zürich studierte er Philosophie und Volkswirtschaft, in St. Gallen Wirtschaftsethik. Also ausgerechnet dort, wo die künftige Business-Elite ausgebildet wird. "Die Finanzmärkte interessierten mich überhaupt nicht. Eigentlich tun sie das bis heute nicht", sagt Weber. "Das ist doch alles nur eine große Fiktion."

So will es die Initiative

Im Vollgeld-System könnten Banken nur das Geld weiterverleihen, das sie selbst von der Nationalbank bekommen haben, im Beispiel sind es 100 Franken. Die Zentralbank allein würde also bestimmen, wie viel Geld es gibt. Die Banken würden es nur noch verwalten.

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Doch diese Fiktion veränderte sein Leben. Die Finanzkrise machte aus dem pensionierten Vielleser einen Aktivisten, der 2008, nach seiner geldpolitischen Lektüre, den Autor Joseph Huber anrief und sich mit Gleichgesinnten vernetzte. Ein Aktivist, der merken musste, dass sein Projekt viel komplizierter war als zunächst angenommen. Es reichte nicht, Artikel 99 der Bundesverfassung um ein Wort zu ergänzen: Das Geld- und Währungswesen ist Sache des Bundes; diesem allein steht das Recht zur Ausgabe von Münzen, Banknoten und – neu – Buchgeld zu. Weber, der eigentlich lieber im Hintergrund werkeln würde, musste sich plötzlich mit Marketingfachleuten und Kampagnenmanagern, mit Journalisten und Spindoktoren rumschlagen.