Eva Menasse

48, von ihr erschien 2017 der Erzählungsband "Tiere für Fortgeschrittene"

Ich werde niemals gender-"gerecht", niemals nach der neuen Rechtschreibung, nicht nach dem Duden oder dem Österreichischen Wörterbuch schreiben, ich werde immer ungerecht, subjektiv, stur und nach meiner eigenen Façon schreiben. Sexisten und Rassisten dürfen weiterhin in meinen Texten auftreten, sonst wäre das literarische Abbild der Welt ja geschönt. Falls das eines Tages nicht mehr möglich sein sollte, werde ich gar nicht mehr schreiben. Dann werde ich mich bei Wasserin und Brotin in ein mannshohes, frauenrundes Gender-I aus Plexiglas einsperren lassen und mich dem Spott der Massinnen und Massen anheimgeben.

Am besten stellt man mich in der Nähe der Berliner Alice-Salomon-Hochschule aus. Bis dahin halte ich das Motto hoch, das kein Gender-I braucht, obwohl gleich zwei böse "er" drinstecken: Heiter und locker bleiben!

Ingo Schulze

55, veröffentlichte 2017 den Roman "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst"

Ich bin in der Überzeugung aufgewachsen, dass mit der männlichen Form immer beide Geschlechter gemeint sind. Noch zu Beginn der neunziger Jahre haben ältere Akademikerinnen protestiert, wenn sie Physikerin statt Physiker, Ingenieurin statt Ingenieur genannt wurden. In meiner Prosa ist das kaum ein Problem, weil sich der Sprachgebrauch danach richtet, wer erzählt. Es ist ja reizvoll, wenn man nicht sofort weiß, ist es eine Erzählerin oder ein Erzähler. Die Figuren brauchen sowieso eine eigene Sprache, die sie charakterisiert, da ist alles möglich. Beim Sprechen oder in einer Rede oder einem Essay versuche ich immer, beide Formen zu verwenden, solange es dadurch nicht gespreizt wirkt. Auf Sternchen und Striche verzichte ich.

Sasha Marianna Salzmann

32, veröffentlichte 2017 ihr Romandebüt "Außer sich"

Alle Varianten der sogenannten geschlechtergerechten Sprache interessieren mich. Sprache war schon immer fluide: Je durchlässiger sie für ihre Zeit ist, desto präziser kann sie sein. Die Herausforderung zur Präzision hält mich wach. Allen, die keinen Bock auf Wachbleiben haben und lieber nachplappern, wie es schon immer gesagt wurde, kann ich nur empfehlen, sich im Museum für deutsche Leitkultur einbalsamieren zu lassen. Veränderungen sind keine Option, sie finden statt.

Der Diskurs um sogenannte geschlechtergerechte Sprache ist ein Diskurs um Machthegemonien: Wir haben das dritte Geschlecht anerkannt (mal wieder), und die Ausbeutung der Frau wird langsam zum Mainstream-Thema (mal wieder) – warum glaubt man, auf dem Feld der Sprache all diese Entwicklungen ignorieren zu können? Marginalisierte gehören in der Sprache abgebildet. Auch im Schriftbild. Sprache ist unser aller Spiegel, sie zeigt, wer wir sein wollen und wie wir zueinander stehen.

Thomas Hettche

53, von ihm erschienen 2017 seine literarischen Essays "Unsere leeren Herzen"

Ich halte den Begriff einer "geschlechtergerechten Sprache" für einen Euphemismus, weil die entsprechenden Argumente von falschen Prämissen ausgehen und Geschichte und Struktur unserer Sprache eben nicht gerecht werden, was Sprachwissenschaftler wie Peter Eisenberg zu erläutern nicht müde werden. Sprache ist mehr als ein Werkzeug, über das wir einfach verfügten und das man schärfen oder umbauen könnte. Unser Denken – und zumal die Literatur – ist Sprache, unser Umgang mit ihr ein Dialog mit der Geschichte und dem Denken, die sich in ihr sedimentiert haben. Als Schriftsteller bewege ich mich im Reichtum ihrer Komplexität, sie ist die Grenze unser aller Welt. Es war schon immer fatal, kulturellen Reichtum einer guten Sache zu opfern, zumal sich damit das emanzipatorische Projekt, in dessen Namen dies geschieht, stets selbst diskreditiert. Und es ist ja offensichtlich: Partizipbildungen, Binnen-I, Sterne und Unterstriche sind und bleiben der Sprache so völlig äußerlich, dass jeder, dem ihr Klang etwas bedeutet, in ihnen nichts anderes sehen kann als Akte der Barbarei.

Fatma Aydemir

Für ihr Debüt "Ellbogen" erhielt Fatma Aydemir, 32, den Klaus-Michael-Kühne-Preis 2017

Anders als in meinen journalistischen Texten habe ich in meinem Debütroman Ellbogen nicht nur komplett auf gendergerechte Sprache verzichtet, ich habe bewusst sexistische, rassistische, ableistische und transphobe Ausdrücke verwendet. Das hängt mit der Ich-Perspektive der 17-jährigen Protagonistin zusammen und mit dem Thema des Romans: Gewalt. Denn ja, auch Sprache ist eine Form von Gewalt. Eine Auseinandersetzung mit stereotypen Rollenbildern und ungleicher Machtverteilung findet in Ellbogen dennoch statt – mit anderen Mitteln. Ob ich meinen nächsten Roman in gendergerechter Sprache schreiben werde, wird insofern sehr von Form und Handlung abhängen. Ich begreife Literatur schon auch als politisches Medium, doch funktioniert sie eben ganz anders als Gebrauchstexte wie journalistische Artikel oder Amtsanschreiben. Sie kann eine Welt für sich sein, in der andere Maßstäbe gelten. Je nach Thema kann ich mir aber sehr gut vorstellen, auch in einem Roman mit Partizipbildungen und Sternchen zu arbeiten.

Feridun Zaimoglu

53, von ihm erschien 2017 der Roman "Evangelio"

Ich vermeide in meiner Schrift:

die akademische Floskel (perhorreszieren, Deus ex Machina, Angeberlatein); Klassikerkopistendeutsch (hochmögend, saumselig, Habseligkeiten); Schwätzerdeutsch (ein Teil von mir möchte ..., ein anderer Teil will ...); Literaturinstitutsdeutsch (Ich fühle, ich spüre. Ich meine, ich denke); Volkserziehungsdeutsch (Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund); Talkshowdeutsch (Ich muss sagen, dass ... Ich habe das Gefühl, dass ...); Muttersprachlerdeutsch (Hallo! Geht gar nicht!);

Genderdeutsch.