An großen Versprechen mangelt es nicht an diesem Abend. Stundenlang hocken drei Dutzend Männer und Frauen im Konferenzraum eines Hamburger Hotels und hören den Rednern zu. Der eine schwärmt von der "genialen" Geschäftsidee, mit der man sich "die geilste lebenslange Rente überhaupt" aufbauen könne, jenseits von "Riester-Schwachsinn" und "kaputter Finanzwelt". Wer sich anstrenge, könne es sogar zur Luxusjacht bringen. Ein anderer stellt sich als Ambassador vor. "In deinem normalen Job machst du dich kaputt", ruft er, "hier kannst du mit wesentlich weniger Arbeit das Zehnfache verdienen!"

Der Weg dahin führe über eine Genossenschaft namens Humanimity. Als prominenten Kronzeugen bemühen die Redner mehrfach: Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Der hat vor anderthalb Jahrhunderten die ersten Genossenschaften als solidarische Form des Wirtschaftens begründet. Auch Humanimity wolle, dass es "auf der ganzen Welt menschlicher zugeht".

Die Veranstaltung ist keine Wirtschaftssatire. Sie spielt in einer Schattenwelt des Genossenschaftswesens, in der Geschäftemacher unter dem Deckmantel der Solidarität das Geld ahnungsloser Bürger riskieren. Sie verkaufen dubiose Finanzprodukte oder Firmenbeteiligungen. Oder sie bewerben wie Humanimity Provisionsmodelle, die Genossen dazu bringen sollen, ihren Freunden, Kollegen und Angehörigen zweifelhafte Produkte unterzujubeln. Und in Zeiten des Nullzinses haben sie damit leichtes Spiel; Humanimity hat nach Angaben des Ambassadors bereits 4.000 Mitstreiter gewonnen, unter anderem auf Verkaufsevents wie dem in Hamburg.

Funktionäre der Branche sind besorgt. Der Vorstandschef des Genossenschaftsverbands in Düsseldorf, Ralf Barkey, sagt: "Wir kennen bereits konkrete Fälle, wo Unternehmen als Genossenschaft gegründet wurden, um dubiose Aktivitäten zu entfalten. Das gute Image der Genossenschaft als solide und sichere Rechtsform wird missbraucht." Für den Juraprofessor und Abgeordneten Heribert Hirte, der für die CDU im Rechtsausschuss des Bundestags sitzt, ist das keine Überraschung: "In Deutschland gibt es eine Art kulturelle Übereinkunft, wonach bestimmte Formen des Wirtschaftens per se als gut gelten. Dabei lassen sich unseriöse Geschäfte in jeder Rechtsform betreiben."

Tatsächlich glauben zwei Drittel aller Deutschen, dass Genossenschaften "für mehr Gerechtigkeit" im Wirtschaftsleben sorgen. Fünfmal mehr Genossen als Aktionäre gibt es hierzulande. Viele Menschen hoffen neben solidarischen Geschäftsmodellen auch auf auskömmliche Renditen, den Börsen dagegen trauen sie nicht. Dabei bedeutet auch die Beteiligung an einer Genossenschaft ein unternehmerisches Risiko, das mit Totalverlust enden kann.

Problemfälle gibt es im ganzen Land. Bundesweit erregen sie nur deshalb kaum Aufsehen, weil sich die meisten Dramen regional begrenzt abspielen.

So habe die Pleite der Stuttgarter Wohnungsbaugenossenschaft Eventus im vergangenen Herbst bis zu 445 Geschädigte um insgesamt 10,8 Millionen Euro gebracht, schätzt eine Interessengemeinschaft der Opfer – das wären mehr als 24.000 Euro pro Person. Ein Vorstandsmitglied sitzt in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrug und Untreue. In München kümmern sich Strafverfolger um die Wohnungsgenossenschaft Grundwerte, auch hier ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Betrug. Drei andere Genossenschaften führt die Stiftung Warentest als "unseriöse Firmen" auf ihrer aktuellen "Warnliste Geldanlage". Und immer mal wieder berichten Verbraucherschützer von Fällen, in denen Finanzberater mit dem Hinweis auf genossenschaftliches Engagement versucht haben, riskante Beteiligungen zu verkaufen.

Ihre Geschichten klingen zunächst ja auch plausibel, und der Fall Humanimity eignet sich besonders gut, um davon zu erzählen.