Gesellschaftstanz

"Und jetzt die Aida", sagt die Lehrerin. "War das dieses Hin- und Hergewiege, und ich stehe dann so vor dir?", frage ich den Tanzpartner, derweil wir Haltung annehmen: seine rechte Hand um meinen Rücken, meine linke Hand darüber auf seiner rechten Schulter. Die richtige Körperspannung fehlt noch, aber immerhin fällt mir die Aida wieder ein: eine Cha-Cha-Cha-Figur, zwei Schritte, dann einer gekreuzt, wie ein Spaziergang an Deck der MS Aida, nur rückwärts. Ein schiefes Bild, aber mir hilft es. Wir brauchen Eselsbrücken, der Tanzpartner und ich, um uns Tanzfiguren zu merken. Es gibt das sogenannte Katzenhafte Geschleiche, bei dem ich möglichst hüftbetont um ihn herumtänzele. Außerdem den Eckenwischer, die DHL-Lieferung (bei der ich das Paket bin, das der Bote aus der Hand gibt), das Schleudertrauma und die Handtuchnummer. Dabei bewegt sich das Paar mit einander über die Schultern gelegten Armen aneinander vorbei, was ein bisschen an Rückenabrubbeln mit dem Frotteetuch erinnert.

Heißt das, dass wir das Ganze nicht ernst genug nehmen? Genau. Wir gehen schon seit Jahren ohne große Erwartungen oder Niveausteigerung zusammen tanzen, Thorsten, mein ältester Freund, und ich. Unsere Partner im Leben sind froh, dass wir das ohne sie tun. Einmal pro Woche treffen wir uns zu einem Volkshochschulkurs in einer Turnhalle im Norden Berlins, wechseln die Schuhe und sagen dabei jedes Mal dasselbe: "Nachher aber Bier, ne?" Bei der Einstellung verbessert man sich natürlich nicht. Mir gefällt unser fortgesetztes Dilettieren, kaum etwas betreibe ich mit so viel Vergnügen wie ziellosen Gesellschaftstanz. Um in jenen Zustand glücklicher Vertiefung zu kommen, den man Flow nennt, muss man nämlich gar nicht perfekt in etwas sein. Spaß zu haben reicht völlig.

Dabei sind wir, bei aller Anspruchslosigkeit, nicht gänzlich untalentiert, wobei ich Thorsten für den Befähigteren von uns halte. Er kann sich Schrittkombinationen einfach besser merken und erträgt auch klandestin ausgetragene Armdrückwettbewerbe ohne weiteren Kommentar. Es ist nämlich nicht so, dass ich leicht zu führen wäre. Vor allem nach langen Tagen im Büro halte ich – unbewusst – energisch dagegen, wenn ich in eine mir nicht genehme Richtung geschoben werde. Mit der Gleichberechtigung ist es beim Tanzen so eine Sache: Einer führt, einer folgt. Damit es gesellschaftspolitisch etwas frischer klingt, ist in den progressiven Tanzschulen nun nicht mehr von Herren und Damen, sondern von Führenden und Folgenden die Rede.

Gelegentlich begeben wir uns auch mal zu einem Tanztee in Clärchens Ballhaus in Berlin-Mitte. Wir kommen einigermaßen flüssig übers Parkett, verhalten uns aber zum Rest der Gäste wie Touristen, die eine Großstadt mit dem Leihfahrrad erkunden: Sie fahren begeistert los und werden bei der ersten Irritation zum Verkehrshindernis. So ist es auch bei uns. Im dynamischen Walzerschwung sind wir die Stopper, die sich erst mal wieder auf den Takt einzählen müssen. Ja, wenn wir nur mehr üben würden, sagen wir uns dann. Andererseits: Warum eigentlich? Alle sind immerzu so ehrgeizig heute. Jeder, der nach dem Winter das Joggen wieder aufgenommen hat, scheint ja mindestens für einen Halbmarathon im Spätsommer angemeldet zu sein. Dass die Menschen sich einfach dreimal um den Block schleppen und damit zufrieden sind, ist wohl das letzte Mal in den Siebzigern der Fall gewesen. Die Vorform des Joggens, der "Trimm-Trab", wurde seinerzeit als "Laufen, ohne zu schnaufen" angepriesen.

Wahrscheinlich fühlen Thorsten und ich uns in diese Zeit zurückversetzt. Als unsere Eltern in der Schulsprechstunde gesagt bekamen, ihre Kinder seien nicht doof, nur faul. Man könnte, wenn man wollte, aber man will nicht. Vielleicht nutze ich genau diese Trotzhaltung heute, um mich der Hochleistungsgesellschaft ein bisschen zu verweigern. Faulsein, das merke ich besonders bei leichter Bewegung, ist nun mal ein ganz wunderbares Hobby.