Wenn man wissen will, warum sich US-Präsident Donald Trump auf einmal für europäischen Stahl interessiert, weshalb Whiskey und Jeans in Deutschland wohl bald teurer werden, wieso der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vor "Krieg" warnt und Bundeskanzlerin Angela Merkel am Wochenende zu einem Krisengipfel der führenden Industrienationen nach Kanada reist, warum also die Wirtschaftswelt gerade aus den Fugen gerät, dann kann man sich mit Ökonomieexperten unterhalten, Politikern zuhören, kluge Bücher lesen – oder sich einen H39V21 etwas genauer ansehen.

Der H39V21 ist ein Fernseher von Telefunken: 39-Zoll-Bildschirm, USB-Eingang, Scart-Buchse, 10.000 Kanäle. Er lässt sich an einen Computer anschließen und als Wecker benutzen. Es ist ein Fernseher von heute, aber seine Anfänge reichen zurück bis ins Jahr 1903.

Damals stellt sich heraus, dass sich Radiowellen zur drahtlosen Übermittlung von Nachrichten nutzen lassen. Daraufhin ordnet der deutsche Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich die Gründung einer Gesellschaft für drahtlose Telegraphie an. Telefunken. Das Unternehmen entwickelt später Radargeräte für die Wehrmacht, baut Autoradios und bringt im Jahr 1967 den ersten deutschen Farbfernseher auf den Markt. Mehr als 30.000 Menschen arbeiten zu dieser Zeit für Telefunken.

Man könnte also sagen, der H39V21 gehört zu Deutschland wie Mercedes, die Fußball-Nationalmannschaft und das Münchner Hofbräuhaus. Ein deutsches Traditionsprodukt, auf das die Republik stolz sein kann.

Allerdings wird der H39V21 nicht in Berlin zusammengeschraubt, wo Telefunken einst seinen Stammsitz hatte. Auch nicht in Braunschweig, in Heilbronn oder in Ulm, wo das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg Niederlassungen eröffnete. Sondern, seit zehn Jahren, in der Türkei. Hier läuft er über ein langes Fließband, wo an einem Frühlingstag eine kleine 25-jährige Frau mit Pferdeschwanz und breiter Brille steht und ein grünes Stück Plastik in den halb fertigen Fernseher einsetzt. Fingerdruck links, Fingerdruck rechts. Passt.

Saniye Acar, Arbeiterin bei Vestel in der Türkei © Vestel Trade Co.

Die Geschichte von Saniye Acar und dem Fernseher ist eine Geschichte über die gute Globalisierung.

Die Frau heißt Saniye Acar, und ihre Aufgabe ist es, schnell zu sein. Denn in weniger als 20 Sekunden kommt schon der nächste Fernseher, und dann der übernächste. 200 Fernseher schafft sie in der Stunde. 1.200 Mal die gleichen Handgriffe. Sechs Tage in der Woche. Das ist ihre Arbeit. Sie sagt: "Ich bin froh, dass ich hier sein darf", und diese Zufriedenheit wird in diesem Artikel noch wichtig werden, genau wie diese Fabrik, die 35.000 Fernseher am Tag ausspuckt und Teil einer der größten industriellen Produktionsanlagen der Welt ist, mit dem Namen Vestel City. In der Provinz Manisa, etwa eine Autostunde nordöstlich von Izmir, ragt sie aus einer kargen westanatolischen Hügellandschaft. Die Montagehallen, die sich auf mehr als einem Kilometer Länge aneinanderreihen, heißen "Refrigerator I", "Washing Machine", "Digital Factory".

In diesem Werk werden Kühlschränke, Waschmaschinen, Mobiltelefone, Lautsprecher, Küchenherde und Klimaanlagen entwickelt und hergestellt. Von hier aus werden sie in mehr als 150 Länder geliefert, auch nach Deutschland, auch in die USA.

Man kann nicht behaupten, dass Saniye Acar für die globale Ökonomie besonders wichtig wäre. Aber sie leistet einen Beitrag. Mit jedem Stück Elektronik, das sie am H39V21 befestigt, hilft sie mit, den gewaltigen Warenstrom anzutreiben, der rund um die Uhr durch die Arterien der Weltwirtschaft pulsiert.