Wenn man wissen will, warum sich US-Präsident Donald Trump auf einmal für europäischen Stahl interessiert, weshalb Whiskey und Jeans in Deutschland wohl bald teurer werden, wieso der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vor "Krieg" warnt und Bundeskanzlerin Angela Merkel am Wochenende zu einem Krisengipfel der führenden Industrienationen nach Kanada reist, warum also die Wirtschaftswelt gerade aus den Fugen gerät, dann kann man sich mit Ökonomieexperten unterhalten, Politikern zuhören, kluge Bücher lesen – oder sich einen H39V21 etwas genauer ansehen.

Der H39V21 ist ein Fernseher von Telefunken: 39-Zoll-Bildschirm, USB-Eingang, Scart-Buchse, 10.000 Kanäle. Er lässt sich an einen Computer anschließen und als Wecker benutzen. Es ist ein Fernseher von heute, aber seine Anfänge reichen zurück bis ins Jahr 1903.

Damals stellt sich heraus, dass sich Radiowellen zur drahtlosen Übermittlung von Nachrichten nutzen lassen. Daraufhin ordnet der deutsche Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich die Gründung einer Gesellschaft für drahtlose Telegraphie an. Telefunken. Das Unternehmen entwickelt später Radargeräte für die Wehrmacht, baut Autoradios und bringt im Jahr 1967 den ersten deutschen Farbfernseher auf den Markt. Mehr als 30.000 Menschen arbeiten zu dieser Zeit für Telefunken.

Man könnte also sagen, der H39V21 gehört zu Deutschland wie Mercedes, die Fußball-Nationalmannschaft und das Münchner Hofbräuhaus. Ein deutsches Traditionsprodukt, auf das die Republik stolz sein kann.

Allerdings wird der H39V21 nicht in Berlin zusammengeschraubt, wo Telefunken einst seinen Stammsitz hatte. Auch nicht in Braunschweig, in Heilbronn oder in Ulm, wo das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg Niederlassungen eröffnete. Sondern, seit zehn Jahren, in der Türkei. Hier läuft er über ein langes Fließband, wo an einem Frühlingstag eine kleine 25-jährige Frau mit Pferdeschwanz und breiter Brille steht und ein grünes Stück Plastik in den halb fertigen Fernseher einsetzt. Fingerdruck links, Fingerdruck rechts. Passt.

Saniye Acar, Arbeiterin bei Vestel in der Türkei © Vestel Trade Co.

Die Geschichte von Saniye Acar und dem Fernseher ist eine Geschichte über die gute Globalisierung.

Die Frau heißt Saniye Acar, und ihre Aufgabe ist es, schnell zu sein. Denn in weniger als 20 Sekunden kommt schon der nächste Fernseher, und dann der übernächste. 200 Fernseher schafft sie in der Stunde. 1.200 Mal die gleichen Handgriffe. Sechs Tage in der Woche. Das ist ihre Arbeit. Sie sagt: "Ich bin froh, dass ich hier sein darf", und diese Zufriedenheit wird in diesem Artikel noch wichtig werden, genau wie diese Fabrik, die 35.000 Fernseher am Tag ausspuckt und Teil einer der größten industriellen Produktionsanlagen der Welt ist, mit dem Namen Vestel City. In der Provinz Manisa, etwa eine Autostunde nordöstlich von Izmir, ragt sie aus einer kargen westanatolischen Hügellandschaft. Die Montagehallen, die sich auf mehr als einem Kilometer Länge aneinanderreihen, heißen "Refrigerator I", "Washing Machine", "Digital Factory".

In diesem Werk werden Kühlschränke, Waschmaschinen, Mobiltelefone, Lautsprecher, Küchenherde und Klimaanlagen entwickelt und hergestellt. Von hier aus werden sie in mehr als 150 Länder geliefert, auch nach Deutschland, auch in die USA.

Man kann nicht behaupten, dass Saniye Acar für die globale Ökonomie besonders wichtig wäre. Aber sie leistet einen Beitrag. Mit jedem Stück Elektronik, das sie am H39V21 befestigt, hilft sie mit, den gewaltigen Warenstrom anzutreiben, der rund um die Uhr durch die Arterien der Weltwirtschaft pulsiert.

Der Warenstrom richtet sich nicht nach Nationalstolz

Für diesen Warenstrom ist es gleichgültig, was früher an welchem Ort produziert wurde, ob Telefunken-Fernseher einmal aus Deutschland stammten. Der Warenstrom richtet sich nicht nach Traditionen, auch nicht nach Nationalstolz. Was ihn lenkt, ist die Suche nach maximaler Effizienz, das Verlangen nach niedrigen Kosten. Weiter nichts.

Deshalb kaufen Deutsche heute Fernseher aus der Türkei. Tragen Türken T-Shirts aus Bangladesch. Fahren Amerikaner deutsche Autos. Und morgen kann es schon wieder anders sein. Aber am Ende sind alle reicher. Das ist das Versprechen der Globalisierung. Ist es immer gewesen.

Ausgerechnet der mächtigste Mann der Welt glaubt nicht mehr an dieses Versprechen.

Für Donald Trump ist es kein Fortschritt, wenn ein Fernseher mit einem deutschen Namen in der Türkei produziert wird, weil die Löhne dort niedriger sind. Er sieht es als Problem, wenn amerikanische Autos aus europäischem Stahl bestehen. Er will, dass Amerikas Autos in Amerika gebaut werden, aus amerikanischem Stahl. Er will, dass Amerikaner amerikanische Autos kaufen und keine deutschen, japanischen oder koreanischen Modelle. Er will, dass die Arbeit in Amerika bleibt.

Deshalb hat Donald Trump vergangene Woche Strafzölle in Höhe von 25 und 10 Prozent gegen Stahl und Aluminium aus Europa verhängt. Europäische Produkte sollen in Amerika teurer werden, damit die Amerikaner wieder amerikanisch kaufen.

Trump nennt das: America first!

Als Antwort haben Emmanuel Macron und Angela Merkel angekündigt, ihrerseits Zölle auf amerikanische Waren einzuführen, sozusagen Rachezölle. Die Liste der betroffenen Produkte ist bereits fertig. Amerikanische Motorräder und Segelboote stehen darauf. Orangensaft, Jeans und Whiskey.

Wie du mir, so ich dir. Manchmal funktioniert Politik wie Kindergarten. Obwohl das natürlich niemand so sagt. Stattdessen ist jetzt ein anderes Wort im Umlauf, um zu beschreiben, was da gerade abläuft. Es klingt sehr bedrohlich: Handelskrieg.

Der Begriff ist übertrieben, weil in dem Kampf, der da gerade begonnen hat, wohl niemand getötet wird. Zerstörung aber könnte es geben. Vernichtete Arbeitsplätze, insolvente Unternehmen, enttäuschte Gewinnerwartungen.

Am Ende dieser Auseinandersetzung aber wird man womöglich die Antwort auf jene Frage kennen, die sich hinter dem Konflikt verbirgt: Wie viel Globalisierung ist gut für die Welt?

In den vergangenen Jahren wirkte die Globalisierung oft wie ein Naturgesetz: eine Kraft, der man sich fügen muss, so schien es, wie der Gravitation. Nationale Grenzen waren für Unternehmen einst wie riesige Mauern. Unüberwindbar. Dann bröckelten sie, wurden kleiner, bis sie nur noch farbige Linien auf der Landkarte waren, ohne Bedeutung für den Geschäftsalltag. Und niemand, so schien es, kann etwas daran ändern.

Die Kurbelwelle eines Mini von BMW etwa passiert inzwischen gleich dreimal den Ärmelkanal, bevor das Auto fertig ist. Das Rohteil kommt aus Frankreich, es wird in Großbritannien verarbeitet, in Österreich in den Motor eingesetzt, der wiederum in Großbritannien in das Auto montiert wird.

In Wahrheit aber sind solche Produktionswege alles andere als ein Naturgesetz. Mit der Natur haben sie nichts zu tun, und Gesetze sind sie auch keine. Sie sind die Folge politischer Entscheidungen, und jede von ihnen hat einen Ort und ein Datum.

30. Oktober 1947: In Genf wird das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (Gatt) unterschrieben. Die 23 unterzeichnenden Staaten – unter ihnen Großbritannien und die USA – verpflichten sich, Zölle und andere Handelsbeschränkungen abzubauen. Deutschland wird 1951 Gatt-Mitglied.

1. Januar 1993: In Brüssel tritt der Europäische Binnenmarkt in Kraft. Nun gibt es für den Warenverkehr in der Europäischen Union keine Beschränkungen mehr. Es entsteht der größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt. Auch Nachbarländer der EU wie die Türkei haben Zugang zu diesem Markt.

15. April 1994: In der marokkanischen Stadt Marrakesch wird die Welthandelsorganisation (WTO) mit Sitz in Genf gegründet. Sie unterhält ein Schiedsgericht, vor dem Staaten verklagt werden können, wenn sie ausländische Waren nicht ins Land lassen. Damals liegt der durchschnittliche Zollsatz weltweit noch bei mehr als 30 Prozent.

10. November 2001: In Doha, der Hauptstadt von Katar, wird beschlossen, China in die Welthandelsorganisation aufzunehmen. Auf einen Schlag werden mehr als eine Milliarde Menschen in den Weltmarkt integriert.

Heute beträgt der durchschnittliche Zollsatz weltweit weniger als drei Prozent.

Im Zeitalter der Globalisierung lassen sich auch Traditionen verkaufen

In Vestel City in der Türkei greift Saniye Acar in eine schwarze Kiste und holt das nächste grüne Plastikstück heraus, das sie im Gehäuse des nächsten H39V21 befestigt. Moderne Bildschirme enthalten Flüssigkristalle. Werden sie unter Strom gesetzt, blitzen Bildpunkte auf, und Millionen von Bildpunkten ergeben das fertige Bild. Die Plastikstücke, sogenannte Ansteuerplatinen, die Saniye Acar in die Fernseher einsetzt, werden die Bildschirme leuchten lassen – und die Marke Telefunken am Leben halten.

Als Telefunken in den sechziger Jahren die ersten Farbfernseher auf den Markt brachte, wurden diese noch in Deutschland produziert. Jahre später jedoch geriet das Unternehmen unter Druck. In den Regalen der Kaufhäuser standen jetzt immer häufiger Fernseher aus Asien, die viel günstiger waren als die Geräte von Telefunken. In Asien waren die Löhne viel niedriger.

Telefunken häufte plötzlich Verluste an. Die Werke in Braunschweig, Heilbronn, Ulm wurden geschlossen, am Ende war Telefunken ein toter Name, ein Unternehmen ohne Fabriken, ohne Arbeiter, ohne Geschäftsmodell. Die Marke gab es noch, aber sie war eine leere Hülle.

Im Dezember 2007 kaufte ein ehemaliger Bahnmanager diese Hülle, um sie wieder zu füllen. Heute befindet sich die Zentrale von Telefunken in einem Bürohochhaus in Frankfurt am Main. Statt 30.000 Mitarbeiter wie früher hat der einstige Elektrokonzern heute noch 15 Angestellte. Sie schrauben keine Fernseher zusammen und entwickeln keine Radios – sie bewirtschaften eine Marke.

Telefunken ist heute ein Name, den jedes beliebige Unternehmen auf seine Produkte kleben kann, vorausgesetzt, es erfüllt bestimmte Qualitätsstandards und Richtlinien – und überweist eine Gebühr an die Firma in Frankfurt. In Südafrika werden jetzt Telefunken-Spülmaschinen gebaut. In Malaysia Telefunken-Receiver. Und in der Türkei Telefunken-Fernseher.

Der türkische Elektrokonzern Vestel hat eine Lizenz von Telefunken erworben, weil der Name auf dem Weltmarkt einen guten Klang hat. Einen deutschen Klang. Im Zeitalter der Globalisierung lassen sich auch Traditionen verkaufen.

Knapp 16.000 Menschen arbeiten heute in der Megafabrik Vestel City. In der Umgebung haben sich zahllose Zulieferbetriebe angesiedelt. Die Arbeitslosigkeit in der Region ist halb so hoch wie in der übrigen Türkei. Fahrerlose Transportfahrzeuge surren durch weite Hallen, computergesteuerte Roboterarme pressen Bildschirme in passende Gehäuse. Ingenieure tüfteln an der nächsten Generation der Elektrotechnik. Inzwischen haben sie in Vestel City einen Kühlschrank konstruiert, der sich mit dem Handy steuern lässt, und eine Spülmaschine, die so leise ist, dass man sie auch in einer Bibliothek aufstellen könnte.

Jeden Morgen zieht Saniye Acar ihre blaue Arbeitsuniform mit den neongelben Streifen am Halsausschnitt an und steigt in den dunkelgrünen Firmenbus, der sie nach Vestel City bringt. Saniye Acar ist gehörlos, sie kann sich nur in Zeichensprache artikulieren. Darum hat ihre Uniform die Streifen. In Vestel City gibt es geschulte Vorarbeiter, die sich um Menschen mit Behinderungen kümmern. Acars Schicht beginnt um acht und endet abends um sechs, alle zwei Stunden gibt es Tee und mittags eine warme Mahlzeit. Am Sonntag hat sie frei, da geht sie gern spazieren.

Saniye Acar verdient 2.085 türkische Lira im Monat, umgerechnet 385 Euro. Ist das viel? Oder wenig? Zumindest mehr als der staatliche Mindestlohn in der Türkei und genug, um einen kleinen Traum vom Aufstieg zu finanzieren. Saniye Acar hat vor wenigen Wochen geheiratet, mit ihrem Mann lebt sie im eigenen Haus, die beiden wollen Kinder.

"Unter Protektionismus leiden vor allem die Armen"

Wären die Grenzen zwischen den Staaten heute noch immer unüberwindbare Mauern, dann wäre Saniye Acar womöglich arbeitslos. Für den türkischen Markt allein wäre Vestel City viel zu groß. Nun aber, da die Mauern verschwunden sind, verbindet der Warenstrom das Leben in der Türkei mit dem Leben in Deutschland. Wann immer in München, Berlin oder Frankfurt ein H39V21 verkauft wird, kommt Saniye Acar der Zukunft ein Stückchen näher.

Die Geschichte von Saniye Acar und dem Fernseher, sie ist also eine Geschichte über die gute Globalisierung, die es einem Menschen mit schlechten Startchancen ermöglicht, sich ein wenig Wohlstand zu erarbeiten. Eine Geschichte, die recht genau zu diesen Zahlen zu passen scheint:

Im Jahr 1990 lebten 1,9 Milliarden Menschen auf der Welt in extremer Armut. 2015 waren es der Statistik der Weltbank zufolge nur noch 836 Millionen Menschen. Nie zuvor in der Historie ist die Zahl der Armen schneller gesunken. Besonders stark war der Rückgang in China. Dort fiel die Armutsquote von mehr als 60 auf unter 2 Prozent der Bevölkerung.

Die Geschichte von Saniye Acar ist auch eine Geschichte, die recht genau zu typischen Aussagen von Ökonomen passt, die in diesen Tagen oft zu lesen sind. Fast überall auf der Welt zählen Ökonomen zu den am meisten zitierten, am meisten gehörten Wissenschaftlern. Sie beraten Regierungen, geben Interviews, sitzen in Talkshows und verhalten sich dabei nicht selten wie Ärzte, die Empfehlungen abgeben, wie sich Krankheiten heilen ließen, wie sich die Gesundheit stärken lasse.

In Deutschland sagt Christoph Schmidt, der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen: "Eine Abkehr vom bisherigen Weg des immer weiter vertieften Freihandels ist ein Verlust für alle."

In den USA sagt Jagdish Bhagwati, Professor an der Columbia-Universität in New York: "Wenn man die Grenzen schließt, dann wird das Leben der Leute eher schlechter werden als besser."

In Frankreich sagt François Bourguignon, Professor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris und ehemals Chefökonom der Weltbank: "Unter Protektionismus leiden vor allem die Armen."

George Vasko, GM-Angestellter kurz vor der Entlassung © Kerstin Kohlenberg für DZ

Wären die Grenzen zwischen den Staaten noch immer unüberwindbare Mauern, könnte George Vasko seine Stelle behalten.

Die Grundlage dieser Aussagen ist eine Theorie, die sich in jedem volkswirtschaftlichen Lehrbuch findet. Diese Theorie ist 200 Jahre alt, entwickelt hat sie der britische Ökonom David Ricardo in seinem Buch On the Principles of Political Economy and Taxation. Ricardo argumentierte, jedes Land sollte sich auf die Herstellung jener Waren spezialisieren, bei denen es am produktivsten ist. Großbritannien zum Beispiel auf Tuch, Portugal auf Wein. Und dann sollten die beiden Länder miteinander Handel treiben, die Briten ihre Stoffe verkaufen und die Portugiesen ihren Wein. Das führe zu maximalem Wohlstand.

Es ist eine der am wenigsten angezweifelten ökonomischen Theorien der Welt. Donald Trump aber scheint ihr keinen Glauben zu schenken.

George Vasko auch nicht.

So wie Saniye Acar steigt auch George Vasko jeden Morgen in ein Fahrzeug, das ihn zur Arbeit bringt, nur dass es kein dunkelgrüner Bus ist, sondern ein schwarzer Silverado-Truck. Das ist der Unterschied. Und dass Saniye Acar gute Chancen hat, noch jahrelang in ihre Fabrik zu fahren.

Bei George Vasko ist es nächste Woche vorbei, dann ist er arbeitslos. Er wird dann zum letzten Mal auf der riesigen Asphaltfläche vor dem General-Motors-Werk in Lordstown, Ohio, parken. Früher habe er dort jeden Morgen lange nach einer Lücke für seinen Wagen suchen müssen, sagt Vasko. So viele Arbeiter, so viele Autos. Jetzt sei der Parkplatz halb leer. Nächste Woche wird er noch ein wenig leerer sein. Gemeinsam mit George Vasko werden dann weitere 1.499 Arbeiter entlassen.

Die Amerikaner kaufen zu wenige Autos von GM.

Das Wirtschaftswachstum hat sich erhöht

Lordstown ist ein Städtchen mit 3.200 Einwohnern mitten im sogenannten Rust-Belt, der größten Industrieregion der USA. Hier sind die Wiesen saftig, der Himmel ist weit, und die Hauptstraßen sind wie leer gefegt. Viele Geschäftsfronten sind verbarrikadiert, geöffnet aber haben Pfandleiher und Alkoholshops.

George Vasko ist 62 Jahre alt, 25 davon hat er im Werk von Lordstown gearbeitet. Tausende Zigaretten haben ihm eine tiefe Stimme verliehen. Sein Kopf ist kahl, der Oberkörper der eines durchtrainierten Bodybuilders. Man sieht ihm an, dass er viel mit den eigenen Händen arbeitet. Jetzt fahren diese Hände unruhig über die Abstelltische im Wohnzimmer und die Kissen im Schlafzimmer, Vasko sucht sein Hörgerät. Die Maschinen im Werk sind laut, nach einigen Jahren werden viele Mitarbeiter schwerhörig.

Mehr als 70 Jahre lang, von 1931 bis 2007, war General Motors der bedeutendste Automobilkonzern der Welt. GM hat hochmotorisierte Muscle-Cars populär gemacht: die schnittige Corvette, den Pontiac GTO, den der lässige TV-Ermittler Kojak fuhr. In den siebziger Jahren galten amerikanische Autos fast überall auf der Welt als das ultimative Statussymbol.

Das Werk in Lordstown ist ein Stück Amerika. So wie Telefunken einmal ein Stück Deutschland war. In den besten Zeiten produzierte das Werk 8.400 Autos pro Woche. George Vasko arbeitete oft sechs Tage in der Woche, so wie heute Saniye Acar in Vestel City, manchmal waren es sogar sieben.

Vasko lebt mit seiner Frau in einem kleinen Haus. Es steht auf einem schönen weitläufigen Grundstück mit einem Teich, in dem Vasko Fische züchtet. Man kann sagen, er hat all das erreicht, was Saniye Acar sich wünscht. Eine neue Arbeit aber wird er wohl nicht mehr finden. Und was ist mit den jüngeren GM-Arbeitern, die jetzt ihren Job verlieren? Ihre Zukunft wird niemals so aussehen wie George Vaskos Vergangenheit.

Die Geschichte von George Vasko, sie ist eine Geschichte von der schlechten Globalisierung.

Als Vasko bei GM anfing, fuhr jeder Arbeiter ganz selbstverständlich einen GM. Wer ein anderes amerikanisches Auto besaß, einen Ford oder Chrysler, stellte seinen Wagen ganz hinten ab, am Ende des großen Parkplatzes, wo er nicht auffiel. Als ein neuer Mitarbeiter es wagte, mit einem japanischen Auto vorzufahren, wurde der Wagen mit Farbe übergossen.

Heute, sagt Vasko, stehen mehr Japaner als GMs auf dem Parkplatz. Die Autovermietung am Flughafen in Cleveland, hundert Kilometer von Lordstown entfernt, hat kein einziges Modell von General Motors im Angebot. Stattdessen: vor allem ausländische Autos, viele sind von BMW und Mercedes.

Wären die Grenzen zwischen den Staaten noch immer unüberwindbare Mauern, dann würden George Vasko und die anderen GM-Arbeiter von Lordstown vermutlich nicht ihren Job verlieren. Dann bliebe den Amerikanern nichts anderes übrig, als amerikanische Autos zu kaufen – und GM, Ford und Chrysler würden sie bauen.

Der Sozialforscher David Autor, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im amerikanischen Cambridge, hat untersucht, wie sich die Globalisierung auf die USA ausgewirkt hat. Das Ergebnis: Das Wirtschaftswachstum hat sich erhöht. Die Amerikaner insgesamt sind also reicher geworden, einige sogar sehr viel reicher. Zwischen 1987 und 2012 hat sich die Zahl der Milliardäre in den USA mehr als verzehnfacht, Amerikaner belegen die ersten drei Plätze auf der Liste der reichsten Menschen der Welt. Es sind der Amazon-Chef Jeff Bezos, der Microsoft-Gründer Bill Gates und der Investor Warren Buffett.

Auch die GM-Arbeiter wie George Vasko sind durch die Globalisierung auf gewisse Weise reicher geworden, selbst wenn sie nicht mehr verdienen als früher. Denn die Tatsache, dass Autos, Fernseher oder Telefone heute in China, Japan oder der Türkei hergestellt werden, hat einen angenehmen Nebeneffekt: All diese Produkte werden günstiger. Nach einer weiteren Studie des MIT wäre ein Smartphone des US-Konzerns Apple etwa 100 Dollar teurer als derzeit, wenn es komplett in den USA produziert würde.

Dieser Effekt lässt sich so ähnlich fast überall auf der Welt beobachten. Nach Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln muss ein durchschnittlicher deutscher Arbeitnehmer heute im Schnitt 24 Stunden arbeiten, um sich von seinem Lohn einen Fernseher kaufen zu können. Vor 30 Jahren waren es noch mehr als 75 Stunden.

Kein Wunder, ein 39-Zoll-Gerät wie der H39V21 ist im Internet schon für rund 250 Euro zu haben. Das liegt vor allem daran, dass er von Menschen wie Saniye Acar in der Türkei zusammengebaut wird.

Es ist nicht so, dass durch die Globalisierung in Lordstown nichts Neues entsteht. Im Gegenteil, wenige Meter vom GM-Werk entfernt will demnächst der Konzern TJX auf einem Stoppelfeld ein 110.000 Quadratmeter großes Zentrallager bauen. TJX ist ein Handelsunternehmen, anders als GM stellt es keine Produkte her, es verkauft sie nur: Kleidung, Möbel, Haushaltswaren, alles zu Discountpreisen. Die wenigsten dieser Produkte werden in den USA hergestellt, egal, für TJX kommt es allein darauf an, dass der Preis stimmt. Und so werden in Zukunft über die Autobahn, die durch Lordstown führt, keine teuren Autos made in USA mehr abtransportiert, sondern billige Jeans made in China angeliefert. Jeans, die sich auch ein entlassener GM-Arbeiter noch leisten kann.

Die Menschen mussten minderwertige Jobs annehmen

All die Ökonomen, die sagen, die Globalisierung erhöhe den Wohlstand eines Landes, sie haben also recht. Aber es gibt eben Dinge, die den Menschen wichtiger sind als ein neuer Fernseher oder ein erschwingliches Smartphone oder eine günstige Jeans. Dinge, auf die sie mehr Wert legen als darauf, billig einzukaufen. Zum Beispiel: eine Arbeit zu haben. Einen Grund, morgens aufzustehen. Selbst wenn dieser Grund, so wie bei den GM-Arbeitern von Lordstown, nur darin besteht, sich neben eine dröhnende Maschine zu stellen, die einem mit der Zeit das Gehör nimmt.

Man kann das alles mit den Erfahrungen im real existierenden Sozialismus vergleichen. In der DDR hatte jeder Bürger eine Arbeit, aber es gab keine günstigen Autos und Fernseher zu kaufen, am Ende hatten die Menschen genug von diesem System. Im globalisierten Kapitalismus von heute gibt es für jeden Bürger preisgünstige Autos und Fernseher, aber es gibt eben auch Regionen wie den amerikanischen Rust-Belt, in denen die Arbeiter kaum noch Arbeit finden. All die Studien über die Wohlfahrtsgewinne durch den Welthandel helfen diesen Arbeitern nicht weiter. Vielleicht ist es das, was Donald Trump erkannt hat – und viele Wirtschaftswissenschaftler nicht begreifen wollen.

Vergangener Sonntag, im Hafen von New York. Früh am Morgen kommt das Containerschiff Maersk Northampton an. Tief liegt es im Wasser, ein Schlepper zieht es die letzten Meter durch die Wellen des Hudson. Die Maersk Northampton ist zwei Wochen zuvor in Hamburg ausgelaufen und dann über Felixstowe in England nach New York gefahren. Wenig später läuft die Kang Hong aus Griechenland ein, dann die Tammo aus Kanada. So geht es den ganzen Tag. Lauter Produkte für Amerika, die nicht von Amerikanern hergestellt wurden.

Allein in den USA hat die Globalisierung dem Forscher David Autor zufolge mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Die Menschen mussten minderwertige Jobs annehmen oder waren auf einmal von staatlicher Unterstützung abhängig – mit weitreichenden Folgen für ihr Sozialleben: Sie heirateten seltener, bekamen weniger Kinder und starben früher. Aus diesem Milieu stammen viele Trump-Wähler.

Etwa 6.800 Kilometer von Lordstown, Ohio, entfernt, in Ulm, Baden-Württemberg, gab es einmal eine Fabrik, der es ähnlich erging wie dem GM-Werk, in dem George Vasko arbeitet. Die Fabrik produzierte gläserne Röhren, wie sie damals, vor der Erfindung der Flüssigkeitskristalltechnik, jeder Fernseher enthielt. Es war eine Fabrik des Telefunken-Konzerns, der von hier aus viele Jahre lang seine Röhren in die ganze Welt lieferte.

Gerhard Bogner, ehemaliger Telefunken-Mitarbeiter © Mark Schieritz für DZ

In Ulm hat die Globalisierung viele Jobs vernichtet. Für Gerhard Bogner war das trotzdem nicht das Ende der Karriere.

Es war die Fabrik, in der Gerhard Bogner arbeitete. Heute ist er 80 Jahre alt, an einem sonnigen Junitag sitzt er auf der Terrasse seines Einfamilienhauses am Stadtrand von Ulm. In der Ferne sieht man die Ausläufer eines Wäldchens, Bogners Apfelbaum trägt bereits Früchte, Boskop, leicht säuerlich, aber mit hohem Zuckeranteil. Es ist eine Szene, die an die Begegnung mit George Vasko in Lordstown erinnert. Das Haus, der Garten, wie Vasko hat sich auch Bogner das alles erarbeitet. Aber während Vasko mit Sorge in die Zukunft blickt, kann Bogner mit Zufriedenheit auf ein erfülltes Arbeitsleben zurückschauen. Er hat die Krise überstanden.

Im November 1981 wurde die Röhrenproduktion eingestellt. Für den Standort Ulm war es eine Zäsur. Die wohlhabende Stadt galt auf einmal als Sanierungsfall. Die Arbeitslosenquote stieg auf mehr als acht Prozent, der zweithöchste Wert in ganz Baden-Württemberg.

In Ulm ist damals also etwas ganz Ähnliches passiert wie heute in Lordstown. Die Stadt war ein frühes Opfer der Globalisierung. Doch dann nahm die Geschichte einen anderen Weg, auch die Geschichte von Gerhard Bogner.

Bogner war als junger Mann aus dem 270 Kilometer entfernten Aschaffenburg nach Ulm gezogen, der Arbeit wegen. Er wurde Techniker bei Telefunken, sein Job war die Qualitätskontrolle, Bogner musste die Arbeit der Kollegen so organisieren, dass nichts schiefging. Die Röhren wurden nicht nur in Fernsehern verbaut, sondern auch in Satelliten und Radaranlagen.

Dann musste das Werk schließen, und Bogner drohte die Arbeitslosigkeit. Will man wissen, was ihn gerettet hat, muss man sich nur zum alten Telefunken-Röhrenwerk begeben. Das Gebäude gibt es immer noch, und wenn man es heute besucht, fällt ein großes Schild am Eingang ins Auge. Es könnte eine Plakette sein, ein nostalgischer Hinweis auf eine vergangene Epoche industriellen Glanzes. In Wahrheit ist es ein Verzeichnis, wie man es am Rande vieler Gewerbegebiete und Industrieparks findet: eine lange Liste mit den Namen der Unternehmen, die hier eingezogen sind und das alte Telefunken-Werk zu neuem Leben erweckt haben.

Der deutsche Autozulieferer Bosch ist dabei, der japanische Technologiekonzern Fujitsu und die Hightech-Firma Nuance, ein Anbieter von Spracherkennungs-Software.

Und: der deutsch-französische Flugzeughersteller Airbus. Hier hat Gerhard Bogner damals Arbeit gefunden, genauer: bei der Daimler-Benz Aerospace, aus der später Airbus hervorging. Heute engagiert Bogner sich am Institut für Technikgeschichte der FH Ulm, gemeinsam mit anderen ehemaligen Kollegen hat er ein Buch über den Aufstieg und Fall von Telefunken herausgegeben.

In Ulm ist aus dem Alten das Neue entstanden. Die Region ist mittlerweile der wachstumsstärkste Wirtschaftsstandort in Deutschland. Das Problem ist hier nicht, dass Jobs fehlen, sondern dass es zu viele davon gibt. Es herrscht praktisch Vollbeschäftigung, den Unternehmen fällt es zunehmend schwer, freie Stellen zu besetzen.

Was ist in Ulm anders als in Lordstown?

Spricht man mit den Leuten hier, mit Vertretern der Stadt, der Unternehmen, der Industrie- und Handelskammer, dann fallen immer wieder dieselben Wörter und Begriffe. Wissenschaftsparks, innovative Firmen, enge Anbindung an die Universität.

Heute betreiben Konzerne wie Audi, BMW und Continental in Ulm Forschungszentren. Am Stadtrand stellt Liqui Moly Schmierstoffe und Motorenöle her, und einige Kilometer weiter werden sogar noch Kühlschränke produziert. Sie sind etwas teurer als die aus Vestel City, aber dafür sind sie auch hochwertiger und langlebiger – behauptet zumindest die Firma Liebherr, der das Kühlschrankwerk gehört.

Wenn die Arbeit aus einer Stadt, einem Land verschwindet, weil sie anderswo günstiger erledigt wird, dann gibt es nur eines: neue Produkte, neue Technologien, neue Dienstleistungen entwickeln, die so modern, so innovativ, so hochwertig sind, dass die Arbeiter an den Niedriglohnstandorten nicht hinterherkommen. Das ist noch eine ökonomische Theorie. Die Theorie einer erfolgreichen Antwort der hoch entwickelten Länder auf die Globalisierung.

In Deutschland hat die Globalisierung mehr Arbeitsplätze geschaffen

Gute Schulen, gute Universitäten, Unternehmer mit Weitsicht – ist das also wirklich der Grund dafür, dass es in Ulm aufwärtsgeht und in Lordstown abwärts? Dass in Deutschland die Arbeitslosigkeit so niedrig ist wie seit 25 Jahren nicht mehr, trotz der Konkurrenz aus dem Ausland?

Als der MIT-Forscher David Autor seine Studie über die Auswirkungen der Globalisierung auf die amerikanische Arbeit veröffentlichte, bekam auch der Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor Jens Südekum ein Exemplar in die Hand. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und übertrug Autors Forschungsansatz auf Deutschland. Das Ergebnis: Wie in den USA führte die Konkurrenz durch Billiglohnländer auch in Deutschland zu Jobverlusten und Lohneinbußen.

Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland nicht gestiegen. Sie ist gesunken. Das liegt daran, dass es der Bundesrepublik gelungen ist, ihre Exporte enorm zu steigern. Durch den massenhaften Verkauf deutscher Autos, Kühlschränke, Werkzeugmaschinen und anderer Produkte ins Ausland sind so viele neue Stellen entstanden, dass der vorausgegangene Verlust an Jobs mehr als ausgeglichen wurde.

Unter dem Strich – so Südekum – hat die Globalisierung in Deutschland mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet.

Das mag durchaus auch an den innovativen deutschen Unternehmen, den hochwertigen Produkten, den guten Universitäten liegen. Es gibt aber noch einen weiteren Grund für den deutschen Erfolg, einen Grund, der weniger schön klingt: nämlich dass sich die deutsche Bundesregierung in Wirtschaftsfragen ähnlich egoistisch verhält wie Donald Trump.

Ein Staat, der die ausländische Konkurrenz der eigenen Unternehmen schwächen will, hat zwei Möglichkeiten. Erstens: Er erhebt Strafzölle auf ausländische Produkte. Das ist der Weg, den Donald Trump gewählt hat.

Zweitens: Er lässt die ausländischen Produkte zwar ins Land, sorgt aber dafür, dass sie kaum jemand kauft. Das ist der Weg, den die Bundesrepublik Deutschland geht.

In den USA und Großbritannien sind die Durchschnittslöhne in den vergangenen 20 Jahren doppelt so stark gestiegen wie in Deutschland, in Frankreich anderthalbmal so stark. Die Amerikaner, die Briten, die Franzosen, sie alle konnten sich mehr leisten als die Deutschen, also sind sie einkaufen gegangen – und sie haben auch deutsche Produkte gekauft, die deutschen Exporte stiegen.

Die amerikanischen, britischen, französischen Exporte stiegen nicht oder nicht so stark – weil Länder wie Deutschland das Geld lieber sparten.

Auch der Staat gibt in Deutschland viel weniger Geld aus als anderswo. Der Anteil der öffentlichen Investitionen an der Wirtschaftsleistung ist so niedrig wie in kaum einem anderen Industrieland. Für die deutsche Wirtschaft ist das nicht weiter schlimm. Das Ausland ist ja weniger sparsam, das Ausland kauft ein, das Ausland macht Schulden.

In Deutschland dagegen freut sich die Bundeskanzlerin über die schwarze Null – und gleichzeitig über die boomende Exportindustrie. Merkel betreibt diese Politik seit Jahren. Jetzt, da in Amerika Donald Trump an der Macht ist, gäbe es einen guten, einen ehrlichen Begriff dafür: Germany first.

In einem karg eingerichteten Büro der Universität Harvard sitzt Dani Rodrik. Vor 60 Jahren in Istanbul geboren, ist Rodrik zum Studieren in die USA gegangen. In gewisser Weise ist er also selbst ein Produkt der Globalisierung. Rodrik ist von einer amerikanischen Elite-Uni an die nächste gewechselt. Harvard, Princeton, Columbia, dann wieder Harvard.

Auch Rodrik ist Wirtschaftswissenschaftler, aber keiner, der den Freihandel beschwört. Rodrik beruft sich nicht auf die Theorie des David Ricardo, er kritisiert sie.

Es war zum Beispiel im 19. Jahrhundert so, dass sich Großbritannien tatsächlich auf die Produktion von Textilien spezialisierte und Portugal auf den Anbau von Wein. So wie die Theorie es vorsah. Seltsamerweise sind dann allerdings nur die Briten reich geworden, während Portugal noch im 20. Jahrhundert lange Zeit zu den ärmsten Ländern Europas zählte. Ein weiterer Fall, in dem sich die Wirklichkeit nicht an die Theorie hielt.

Dani Rodrik hat miterlebt, wie es den türkischen Arbeitern in den vergangenen Jahren besser ging und den amerikanischen schlechter, wie der deutsche Handelsüberschuss immer größer wurde. "Wir haben es übertrieben", sagt er.

Für Rodrik ist der Begriff der Globalisierung überholt. Was in der Welt passiere, sei längst eine Art Hyperglobalisierung. Und dafür sei der Mensch nicht gemacht. Rodrik schlägt deshalb vor, die Fließgeschwindigkeit des weltweiten Warenstroms etwas zu verringern. So wie die Regierungen über Jahre die Zölle immer weiter senkten, so wie sie das Gatt-Abkommen schufen und die WTO gründeten und damit die Globalisierung vorantrieben, so könnten sie auch Regeln erlassen, die den Handel ein wenig bremsen.

Länder könnten verpflichtet werden, mehr Geld auszugeben und so die heimische Nachfrage zu stärken, wenn der Exportüberschuss zu groß wird, so wie jetzt in Deutschland.

Man könnte in Handelsverträgen einen grenzüberschreitenden Mindestlohn festlegen – er müsste hoch genug sein, dass er die Arbeitnehmer in den reichen Ländern vor unfairer Billigkonkurrenz schützt, aber niedrig genug, dass er den Arbeitnehmern in den armen Ländern nicht den Zugang zum Weltmarkt verbaut. Man könnte bestimmte Wirtschaftsbereiche generell vor der Globalisierung schützen, Kunst und Kultur zum Beispiel oder Krankenhäuser.

Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um vorwärtszukommen.