Der Autor dieser Zeilen hatte das Glück, selbst noch mit Hilmar Hoffmann zusammenzuarbeiten. Als frisch gewählter grüner Stadtverordneter, der sich auch für Kulturpolitik interessierte, habe ich ihn und seine freundlich zupackende Art 1989 bei interfraktionellen Besprechungen persönlich erlebt. Über seine Verdienste, vor allem den beispiellos gelungenen Ausbau des Frankfurter Museumsufers, ist schon alles gesagt. Zwanzig Jahre lang hat Hilmar Hoffmann die Geschicke der Frankfurter Kulturpolitik gelenkt, und der Sozialdemokrat blieb auch Kulturdezernent, als 1977 der CDU-Politiker Walter Wallmann zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Von 1992 bis 2001 war Hoffmann Präsident des Goethe-Instituts. Begonnen hatte er seine Karriere als Regieassistent an den Bühnen der Stadt Essen; in Oberhausen leitete er eine Volkshochschule und gründete das bald schon berühmte Kurzfilmfestival.

Hoffmann galt uns damals als ein radikal reformerischer Politiker, denn sein Slogan "Kultur für alle!" verhieß einen weiteren Demokratisierungsschub der Gesellschaft. Inzwischen ist diese Begeisterung verrauscht und sogar in ein Unbehagen an Begriff und Sache umgeschlagen. Zuletzt aus der Feder der Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer, die am 4. Juni in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung missvergnügt zu Protokoll gab: "'Spiele' – das meint heute manchmal Sport, vor allem aber 'Kultur'. Diese ist zum Gleichmacher schlechthin geworden."

"Kultur für alle": Tatsächlich besuchten 2016 fast 112 Millionen Menschen die deutschen Museen, während im selben Zeitraum lediglich 12 Millionen Menschen Bundesligaspielen beiwohnten. Allein in der Stadt Frankfurt am Main besuchten im vergangenen Jahr etwas mehr als neun Millionen Menschen die Kultureinrichtungen der Stadt. Genau davon hatte Hilmar Hoffmann immer geträumt.

Gleichwohl darf man fragen, ob sich die Kultur heute durch ihre Inflation entwertet. Ist der aktuelle Kapitalismus ein Kulturkapitalismus – und hat Hilmar Hoffmanns Slogan "Kultur für alle!" dieser Entwicklung wider Willen vorgearbeitet?

Geht es nach dem Soziologen Andreas Reckwitz, dann beruht der Kapitalismus auf herausragenden Dingen oder Verhaltensweisen, mit denen Menschen ihr Leben geradezu kuratieren, um sich von einem vermeintlichen Geschmack der Masse abzusetzen. Mit diesem "Kapitalismus der Singularitäten" scheint – jedenfalls im Westen – der unwiderrufliche Niedergang der Arbeiterklasse verbunden zu sein. So steht in vielen dieser Gesellschaften eine zwar noch vergleichsweise kleine, aber doch stetig zunehmende Zahl von "Kosmopoliten" einer wachsenden Anzahl von "Prekären" und Vernachlässigten gegenüber, die dem Protest gegen die Entwertung ihrer Lebensform durch Zuspruch für Rechtspopulisten Ausdruck verleihen. Sofern Reckwitz’ Annahme zutrifft, dass die Inszenierung von Singularität durch "Kultur" eine immer stärkere Rolle spielt gegenüber dem Befolgen kollektiver Normen, werden Selbstbilder immer bedeutender.