Ein Mann wird an Weihnachten vergewaltigt. Es ist der junge Schriftsteller Édouard Louis, zart und blond. Ein Unbekannter spricht ihn nachts um vier in Paris auf der Straße an, er heißt Reda, ein Zuwanderer aus Nordafrika, ein Kabyle, sie gehen miteinander in Édouards Wohnung, im Übermut, vielleicht fahrlässig, erzählen einander das Leben, haben unendlich guten Sex, bis der Genuss in Gewalt umschlägt. Reda raubt Édouards Handy, bedroht ihn mit einem Revolver, würgt ihn, vergewaltigt ihn. Zurück bleibt ein Geschundener, der sich manisch zu reinigen sucht und um Sprache ringt, ob gegenüber der Pariser Polizei, im Krankenhaus oder bald gegenüber seiner Schwester, in der fernen nordfranzösischen Provinz.

Die Vergewaltigung ist nun auf der Bühne zu sehen, und mitten im Publikum sitzt leibhaftig der zarte blonde Mann, 25 Jahre alt, der sie erlitten hat und jetzt am Premierenabend ihr Zuschauer ist, bis er zuletzt unter tosendem Applaus auf die Bühne kommt. Als gelte es, die Wahrhaftigkeit des traumatisierten Körpers durch das Theater, die einzige Kunstform aus lebendigen Menschen, zu beglaubigen, hat Édouard Louis das Geschehen, das er zunächst in seinem Roman Im Herzen der Gewalt in Worte gebracht hatte, nun zusammen mit Thomas Ostermeiers Ensemble an der Berliner Schaubühne inszeniert. Als Kammerspiel: Sie haben die Bühne wie den Zuschauerraum ganz eng gestellt, es passen nicht viele rein, ein Zimmer, das zugleich die Wohnung, das Krankenhaus, die Polizeistation, die Straße, die Wohnung der Schwester ist, immer derselbe Kühlschrank, zwei Stühle, ein Pult, ein Bett. Wie eine zum Raum gewordene verschwitzte Kleinbürgerlichkeit kommt einem diese Enge übergriffig entgegen und gemeindet die Zuschauenden in ihre Schrecklichkeit ein.

Die nackte Kreatur, die wie ein Glutkern der Verletzlichkeit wirken könnte, tritt hier in ein vielschichtiges Spiel aus Vermittlungen und Brechungen ein: Die Videokunst von Sébastien Dupouey übersetzt das Körpergeschehen auf eine riesige Hintergrundfläche, während sich die Akteure selbst filmen oder ihre Geschichten in Handyfilmen spiegeln. Auch die Musik von Nils Ostendorf, die als ein stetiger Percussion-Grundton des Unheimlichen bisweilen sogar die Stimmen übertönt, löst die Illusion auf, die erfahrene Wahrheit sei einfach sagbar. Immer wieder wechseln die Schauspieler die Rollen und treten aus der Handlung heraus, um an einem Mikrofon zu Erzählern zu werden. Unvermittelt ist nichts.

Nur die blutige Vergewaltigung selbst wird durch einen kindlich verwunderten Laurenz Laufenberg als Édouard und durch den überwältigend gekränkten Renato Schuch in der Rolle des Reda als pures Körpergeschehen vorgeführt. Nur in ihr soll sich unvermittelt dieser Skandal des Menschlichen zeigen: dass ein Mann zum Opfer der Gewalt durch einen anderen werden kann, den er aus politischen Gründen im rassistischen Frankreich aber nicht anzeigen will. "Das Gefängnis ist schlimmer als das, was Reda mir angetan hat." Der Körper erleidet ein Unrecht, das nicht vermieden und nicht geahndet werden kann: Man kann ihn nur vorzeigen und zur Aufführung bringen, ähnlich wie im realpolitischen Raum die Fliehenden an den Grenzen ihre Wunden als Asylgrund vorzeigen, in der Hoffnung, dass die Wunde stärker als Worte ist, und als Forderung an eine andere, noch unkonturierte Zukunft. Auf der Bühne schleppt der vergewaltigte Édouard immerfort die Bücher seiner Freunde mit sich herum und trägt in schöner Schlichtheit aus der Philosophie Hannah Arendts vor, als sei diese nicht gegenwärtig substanziell strittig: "Es steht uns frei, die Welt zu verändern und in ihr etwas Neues anzufangen."

Man muss das Wechselgeschehen aus Büchern, Männerkörpern, linker Intellektuellengeschichte und französischem Arbeitermilieu vor Augen haben, um an diesem Berliner Sommerabend zu begreifen, was auf dem Spiel steht. Denn Édouard wird nach dem traumatischen Verbrechen zu einem Heimkehrer in die Familie – wie zuvor sein Freund, der homosexuelle Soziologe Didier Eribon, in sein einst kommunistisches Herkunftsmilieu zurückgereist ist, das nun im Rechtspopulismus versinkt. Davon handelt sein autobiografischer Bericht Rückkehr nach Reims, der zu einer Art Kultbuch der ratlosen Linken wurde. An der Schaubühne hat Ostermeier zuletzt Eribons Buch am lebendigen Leibe ausbuchstabiert, indem er den Soziologen zu dessen Mutter begleitete, mit der Kamera, und den Film wie eine Trophäe des Echten dann in Berlin auf die Bühne brachte. Nun, im Überbietungsmodus, also Louis, noch etwas traumatisierter, noch etwas leibhaftiger: der Künstler, wenngleich unfreiwillig, als eine Art anderer Christus, als Botschaft aus Fleisch und Blut; und aus Worten, die politisch sein wollen. Auch Édouard Louis ist ja seit seinem gewaltgetränkten autobiografischen Kindheitsroman Das Ende von Eddy zu einer Kultfigur der Linken geworden, und diesen Status hat er durch den Vergewaltigungsroman Im Herzen der Gewalt bekräftigt. Die Frage ist nur: Wie genau lautet die Botschaft?

Im Roman hatte Louis ein utopisches Ende entworfen: Der Freund Didier, fast 40 Jahre älter als er, setzt sich an das Bett des Verwundeten und verspricht ihm, dort zu wachen, bis Édouard in den Schlaf findet. Die Freundschaft, in der man schweigen darf und die Schutz in der Angst bietet: Eine Botschaft wäre das immerhin. Die Berliner Inszenierung will es anders: Sie endet mit Édouards Victoryzeichen. Die Wunde ist alles. An Worten kein Mangel. Wer oder was siegt, war nicht zu erfahren.