Leipzig, ein sehr warmer Freitagabend, Thomas Stuber sieht frisch und fröhlich aus – obwohl er, wie er sagt, am Abend vorher lange auf den Beinen war: "In den Gängen" startete im Kino, und das wurde gefeiert. Sein neuer Film nach einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, mit Sandra Hüller, Peter Kurth und Franz Rogowski in den Hauptrollen, ist zarte Liebesgeschichte und Sozialdrama Ost zugleich, außerdem eine Erzählung über den Kapitalismus: Ein Mann und eine Frau, Beschäftigte in einem Großmarkt, verlieben sich ineinander.

DIE ZEIT: Herr Stuber, was haben Sie sich zuletzt gekauft?

Thomas Stuber: Eine Bratwurst, heute Mittag. Das enttäuscht Sie jetzt, oder? Ich bin niemand, der ständig neue Dinge kaufen muss, ich kaufe nicht gerne.

ZEIT: Ihr neuer Film In den Gängen spielt in einem Großmarkt irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Der Großmarkt ist ein Ort, an dem Gastronomen und Supermarktbesitzer ihre Ware kaufen; an dem fast alles angeboten wird, was es gibt. Ist Einkaufen nichts, das Sie glücklich macht?

Stuber: Nein, gar nicht. Für mich ist Einkaufen etwas Pragmatisches: In meiner kleinen Familie bin ich dafür zuständig, dass genügend Wasser im Haus ist und der Windelvorrat reicht. Und ich kümmere mich um Ernährungsfragen. Das verbinde ich mit Einkaufen. Ich bin da vollkommen unromantisch.

ZEIT: Verstehen Sie Leute, die davon träumen, sich einen großen Renault Megane zu kaufen oder gar einen Porsche?

Stuber: Ja, natürlich. So ist der Mensch. Das ist ein tolles Auto, wow, das will ich mir mindestens mal angucken – und wie wäre das erst, wenn ich es fahren würde! Das ist wohl einer der Gründe dafür, dass es mit dem Sozialismus nicht funktioniert hat. Der Mensch will immer besser sein und es besser haben als seine Nebenfrau oder sein Nebenmann. Ich mag es, wenn Dinge lange halten, und ich liebe es, Dinge zu reparieren. Ich habe eine Kaffeemaschine, die ist bestimmt 20 Jahre alt. Und ich find’s genial, dass die noch funktioniert. Ich mag es nicht, dass die Sachen inzwischen so schnell kaputtgehen.

ZEIT: Sind Sie auch so einer, der sagt: Früher in der DDR hatten wir zwar nicht alles, aber die Sachen haben lange gehalten? Ist das der Unterschied zwischen der kapitalistischen und der sozialistischen Wirtschaft?

Stuber: Ich weiß gar nicht, ob die Dinge in der DDR länger gehalten haben als im Westen. Ich glaube, ein Volvo hielt früher auch ewig. Nein: Der Kapitalismus selbst hat sich verändert. Dass die Geräte viel schneller kaputtgehen, als sie es eigentlich müssten, sorgt bei mir für ein Grundmisstrauen gegenüber der kapitalistischen Wirtschaft. Den sozialistischen Mangel verkläre ich trotzdem nicht. Der war schlimm.

ZEIT: Ist die Mauer gefallen, weil die Ostdeutschen endlich richtig einkaufen wollten?

Stuber: Wahrscheinlich ist das die bittere Wahrheit: dass es uns eigentlich um solche niederen Instinkte ging. Aber ich kann das auch verstehen. Natürlich klingt es toll, wenn man heute sagt: Die Leute wollten zuvorderst um Freiheit und Demokratie kämpfen! Aber wenn sie erst mal nur Autos und Bananen wollten, ist das auch in Ordnung. Der Mensch ist, wie er ist.

ZEIT: Sie sind 1981 geboren; waren sieben Jahre alt, als die Mauer fiel. Erinnern Sie sich, wie das war, als Sie erstmals in einem West-Supermarkt standen?

Stuber: Die ersten Fahrten, die ich bewusst gemacht habe, waren nach West-Berlin und Stuttgart. In Esslingen haben wir große Kaufhallen gesehen. Das war eine ganz andere Welt als die, die ich kannte. Alles glitzerte und funkelte, das Angebot war überbordend. Wenn Sie in Leipzig aufgewachsen waren, das Leipzig von 1989 kannten, kamen Sie überhaupt nicht klar mit dieser Welt.

ZEIT: Wie war für Sie Leipzig, damals?

Stuber: Längst nicht so zugebaut wie heute. Da war mehr Fläche, mehr Patina an allen Wänden. Wir wohnten in Gohlis, in einer Altbauwohnung, die wir uns mit einem weiteren Mieter teilten, weil man sich die Altbauwohnungen eben teilte. Man kann sich den ganzen Rauch und Ruß nicht mehr vorstellen. Wenn wir jetzt noch mal die Luft von 1989 einatmen müssten, für einen einzigen Tag – es wäre sofort Revolte. Dann ist da noch etwas, an das ich mich sehr deutlich erinnere.

ZEIT: Was?

Stuber: Die starke soziale Durchmischung in unserem Viertel. Das finden Sie heute nicht mehr. Bei uns im Haus lebten ein Fleischer, ein Schichtarbeiter, ein Lehrer, Doktoren. Heute haben alle ihr eigenes Quartier. Ich liebe den maroden Charme, den damals alles hatte.