"Kultur" ist ein verdächtiges Wort. Es kommt ja in "Leitkultur" vor, und wer heute in der Integrationsdebatte nicht als Kulturchauvinist dastehen will, meidet es. "Identität" ist ein noch heikleres Wort, denn wer es nicht gleich kritisch identitätspolitisch, sondern positiv benutzt, gilt beinahe schon als identitär. Man könnte das den traurigen Nebeneffekt des Multikulturalismus nennen: dass ausgerechnet jetzt, da der Einklang vieler Kulturen zum Ideal wird, die einzelne Kultur vorsichtshalber verneint wird.

Nach dem Motto: Das Deutsche oder Türkische oder Russische gebe es nicht. Inwiefern das richtig und doch Unsinn ist, darüber kann man endlos streiten. Von solchem Streit befreit uns nun glücklicherweise eine neue Studie zur Integration. Der Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung hat die brisante Frage gestellt, wie das "Zusammenleben in kultureller Vielfalt" gelingen soll. Und er gibt den Deutschen vier idealtypische Optionen zur Auswahl. Erstens: Wünschen Sie sich eine kulturelle Anpassung der Zugewanderten an die deutsche Mehrheitsgesellschaft? Zweitens: Bevorzugen Sie ein Zusammenwachsen der verschiedenen Kulturen zu einer gemeinsamen Kultur? Drittens: Wollen Sie die Eigenständigkeit der Kulturen bewahren, also nebeneinander leben? Viertens: Soll sich die Mehrheitsbevölkerung den Eingewanderten anpassen?

Ergebnis: Eine Mehrheit sieht die Anpassung der Einwanderer als beste Option – wobei dies auch für die Einwanderer selber gilt (die derzeit 23 Prozent der Bevölkerung ausmachen). Aber Achtung: Die unter 40-Jährigen präferieren ein Zusammenwachsen der Kulturen. Zugespitzt: Die Leitkulturgesellschaft entwickelt sich zur Multikultigesellschaft. Die Zukunft ist bunt. Dabei fällt auf, dass die Zugewanderten in keiner Altersgruppe mehrheitlich für die zweite Option der Vermischung votieren, sondern stets für eine Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft und sichtbar auch für ein Nebeneinander der Kulturen. Nun könnte man einwenden, die vier Optionen, die der Monitor vorgibt, lassen sich in der Realität kaum trennen. Ein Zuwanderer zum Beispiel, der sich den deutschen Gepflogenheiten anpassen will, muss seine eigene Kultur ja nicht aufgeben. Ein Deutscher ohne Migrationshintergrund wiederum wird sich, bloß weil er hierzulande verwurzelt ist, nicht gegen neue kulturelle Einflüsse abschotten, es sei denn, er wäre wirklich identitär. Doch der Monitor will mehr als nur beschreiben, was ist. Er zeigt, was die Deutschen sich wünschen, und zwar alle – mit und ohne Migrationshintergrund, mit und ohne Religionszugehörigkeit, Katholiken und Protestanten, Schiiten und Sunniten, die Zuwanderer unterschiedlicher Generationen. Und natürlich gibt es auch die Kategorien Ost und West.

Integration - Wie können Deutsche und Flüchtlinge einander kennenlernen? Fernsehmoderator Constantin Schreiber trifft Menschen zwischen Schrebergärten und Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Bergedorf. Warum kennen sie einander kaum? Eine Videoreportage © Foto: Matthias Determann

Es geht um die Präferenzen aller im Vergleich, es ist ein Blick in den gegenwärtigen Seelenzustand dieser Gesellschaft – und in ihre Zukunft auch. Die Ergebnisse bieten wunderbaren Stoff zum Streiten. Etwa: Dass der Osten mehr als der Westen für die "Leitkultur"-Option votiert, war erwartbar. Aber liegt es nur an der Distanz zu den Zuwanderern oder vielleicht auch an der Anpassungsmüdigkeit derer, die einen Systemwechsel hinter sich haben? Und die Zuwanderer: Lassen sie sich von der Multikulti-Option deshalb nicht vollständig euphorisieren, weil sie Traditionalisten sind, oder bekräftigt ihr Votum die Treue zum Land ihrer Wahl und zur Demokratie? Wer sich hierzulande wem anpassen will, das zeigt der Monitor in vielen Facetten. Vor allem aber macht er wieder Lust auf Debatte: über Verbindendes, Trennendes und das schöne, glitzrige Thema Kultur.

Das sagen Ossis und Wessis, Junge und Alte, Christen und Muslime

In Deutschland haben heute 23 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Welche Kultur soll für alle prägend sein? Die Befragten konnten aus den vier unten genannten Optionen wählen. Beispiel: Im Westen votierten 50 Prozent für eine Anpassung an die Mehrheitskultur (grau), 37 Prozent für ein Zusammenwachsen der verschiedenen Kulturen (blau). Befragt wurden in Deutschland circa 1.500 Menschen.

Quelle: Bertelsmann Stiftung (rundungsbedingte Differenz) © ZEIT-Grafik

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