Die Dunkelheit ist schon hereingebrochen, als der Hexenmeister der italienischen Politik am vergangenen Samstag endlich auf die Bühne tritt. Es ist das erste Wochenende der soeben vereidigten Regierung aus Rechts- und Linkspopulisten, aus Lega und Fünf Sternen. "Ruhe!", ruft Beppe Grillo, "könnt ihr für ein paar Sekunden ruhig sein?! Ruhe! Ruhe!!" Unter den Tausenden, die sich an der Bocca della Verità im Herzen Roms versammelt haben, breitet sich Stille aus. Welchen Scherz hat sich der Gründer des Movimento 5 Stelle (M5S) wohl diesmal ausgedacht?

Grillo zieht eine kleine Glocke hervor, klingelt, lauscht, klingelt: "Hört ihr das?", haucht er ins Mikrofon. Wieder klingelt er. "Hört ihr das?" Ein Raunen geht durch die Menge. "Diese Glocke sagt euch: Ein neues Zeitalter ist angebrochen!" Er klingelt nun ununterbrochen. Applaus brandet auf. Dann hält Grillo eine seiner berüchtigten Reden, in der er alles durcheinanderwirft, was ihm gerade so durch den Kopf geht, bar jeder Struktur, bar jeder Logik, aber getragen vom heiligen Zorn auf das bestehende System.

Jahrelang hatte Grillo immer wieder solche Wutreden auf den Plätzen Italiens gehalten. Vor den Toren der Macht goss er seinen beißenden Spott über die Regierenden aus, während sich seine Anhänger zum Sturm auf den Palast bereit machten. Nun ist Grillos Bewegung im Herzen des Systems angekommen. M5S hat mit der Lega von Matteo Salvini eine Koalitionsregierung gebildet. Sie ist vereidigt und an der Macht. Ein neues Zeitalter.

Was aber wird aus den Wütenden, wenn sie regieren? Kann man die Wut aus den Wahlkämpfen in Regierungspolitik übersetzen?

Wenige Stunden nach Grillos Auftritt in Rom fliegt der Lega-Chef Matteo Salvini als frisch vereidigter Innenminister nach Sizilien. Er kündigt seinen Besuch mit markigen Worten an: "Sizilien ist unsere Frontlinie. Sizilien wird nicht mehr das Flüchtlingslager Europas sein!" Dann stößt er unter dem Jubel Hunderter Sizilianer, die gekommen sind, um den Politstar aus dem fernen italienischen Norden zu sehen, wilde Drohungen in alle Richtungen aus.

Brüssel, Tunesien, freiwillige Helfer, Migranten – an alle teilt er Ohrfeigen aus. "Nun ist es vorbei mit der Schlemmerei!", ruft Salvini an die Migranten gerichtet. "Jetzt müsst ihr nach Hause!" Als Wahlkämpfer hatte er mit solchen Sprüchen großen Erfolg. Nun muss er handeln.

Es dauert nur wenige Stunden, bis sich herausstellt, dass die Sache mit der Migration etwas komplizierter ist, als Salvini suggeriert hat. Er hatte Massenabschiebungen versprochen. Doch wohin sollen die Migranten abgeschoben werden, wenn man bei den einen die Herkunft nicht kennt und bei den anderen die Herkunftsländer sie nicht wieder aufnehmen wollen?

Salvini will Abschiebezentren einrichten, doch schon regt sich Widerstand aus den Städten und Gemeinden, in denen solche Zentren entstehen sollen. Ausgerechnet aus dem Norden Italiens, Salvinis Hochburg, kommt der lauteste Protest. Niemand will dort ein Abschiebezentrum auf seinem Territorium haben. Salvini hatte angekündigt, keine Schiffe mit Migranten und Flüchtlingen mehr in italienischen Häfen aufzunehmen. Nun wird er aus dem eigenen Ministerium daran erinnert, dass internationales Recht Italien dazu verpflichte, seine Häfen für Hilfsbedürftige offen zu halten. Viele vollmundige Versprechungen Salvinis lösen sich binnen kurzer Zeit in nichts auf.