Wenn Sie genauer wissen wollen, wie es in diesen Tagen Italien geht, dann sollten Sie nach Rom reisen und dort eine Stadtwanderung machen. Achten Sie aber bitte nicht auf die alten Pinien, Paläste, Kirchenfassaden oder Tempelsäulen auf dem Forum Romanum. Nein – blicken Sie einfach nach unten und passen Sie auf, wo Sie hintreten. Die Schlaglöcher in den Straßen wirken so, als sei man irgendwo im Nahen Osten gleich nach einer kriegerischen Auseinandersetzung, aber nicht in der Hauptstadt eines Landes, dessen Exportsektor im vergangenen Jahr das zweitgrößte Wachstum unter den führenden Industrienationen auswies, gemessen am Handelsvolumen. So sagt es der Internationale Währungsfonds.

Vielleicht denken Sie, dass hinter diesen Schlaglöchern eine bankrotte Stadtregierung steckt, die kein Geld dafür hat, ihre 8000 Kilometer asphaltierter Straßen zu unterhalten. Das wäre aber falsch. Roms Kommunalverwaltung hat in den vergangenen Jahren tatsächlich finanzielle Schwierigkeiten erlebt, diese aber inzwischen überwunden, und zwar mithilfe eines der höchsten lokalen Einkommensteuersätze in der EU. Der Stadtsäckel der Bürgermeisterin Virginia Raggi, die 2016 in einem Erdrutschsieg für die Fünf-Sterne-Bewegung gewählt wurde, ist prall gefüllt, die bleibenden Finanzprobleme sind überschaubar. Überschaubar sind leider aber auch die Fähigkeiten der Fünf-Sterne-Bürgermeisterin, ein paar einfache Schritte zu unternehmen, um Baufirmen loszuschicken und die römischen Straßen zu reparieren.

Es gibt mehr Geld, zugleich aber weniger Kompetenz, um dieses Geld im öffentlichen Interesse einzusetzen. Das ist eine Metapher für das ganze Land. Italiens erste populistische und nationalistische Regierung aus der Fünf-Sterne-Bewegung und der weit rechts angesiedelten Lega hat zu ihrem Glück eine Wirtschaft übernommen, die sich allmählich erholt. Doch ob das neue politische Establishment es auch zulässt, dass diese Erholung weitergeht, ist alles andere als sicher. Internationale Investoren und italienische Sparer stellen sich darüber neuerdings viele Fragen, die Finanzmärkte sind nervös.

Ohne Zweifel lief es ökonomisch zuletzt besser in Italien. Seit die Erholung Anfang 2014 begann, hat die italienische Wirtschaft unter dem Strich etwa eine Million neuer Jobs geschaffen, und die Zahl der Beschäftigten hat mit 23,7 Millionen den höchsten Stand seit 40 Jahren erreicht, so meldet es das nationale Statistikamt Istat.

Das Beschäftigungsniveau ist zwar immer noch niedrig, wenn man es mit anderen großen Wirtschaftsnationen vergleicht. Aber der Fortschritt kommt zu einem großen Teil durch mehr Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt zustande, wo historisch gesehen Italiens Schwachpunkt lag. Der Fortschritt am Arbeitsmarkt spiegelt großteils Erfolge in jenen Sektoren der Industrie wider, die am intensivsten im internationalen Wettbewerb stehen. Im vergangenen Jahr erreichten die Exporte einen Wert von 448 Milliarden Euro und damit ein Plus von sieben Prozent. Italien schlug Frankreich bei den Exporten, die die EU verlassen, berechnet nach dem Gesamtwert dieser Ausfuhren. Und es schlug sogar Deutschland bei der Wachstumsrate dieser Exporte, so berichtet es das Europäische Statistikamt Eurostat. In den ersten Monaten des laufenden Jahres hat sich dieser Trend bestätigt.

Die italienische Wirtschaft zeigt auch Zeichen größerer Finanzstabilität. Das Nettoauslandsvermögen umfasst alle Vermögenswerte Italiens im Ausland abzüglich der dortigen Schulden. Vor der großen Rezession steckte Italien da noch tief im Minus – heute ist die Position annähernd ausgeglichen. Das heißt, Italien hat eine fast ausgeglichene Vermögensbilanz mit dem Ausland.

Mehr noch: Der Überschuss in der Leistungsbilanz beträgt derzeit 47 Milliarden Euro im Jahr oder 2,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wenn alles so weiterläuft, könnte Italien bis zum Ende des Jahrzehnts zu einem Nettogläubiger für den Rest der Welt werden – dem Ausland also mehr leihen als schulden. Dagegen hat Frankreich Nettoschulden von 20 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts und Spanien sogar 80 Prozent. Sicherlich erreichen Italiens Staatsschulden weiterhin historische Höchststände. Doch die Gesamtschulden in der Wirtschaft einschließlich Schulden von Unternehmen und Bürgern liegen mit 246 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt deutlich unter denen in Spanien (261 Prozent), Frankreich (287 Prozent) und den Niederlanden (284 Prozent).

Der Bankensektor kommt auch wieder auf die Beine, nachdem er jahrelang unter dem Gewicht fauler Kredite strauchelte, die in zwei aufeinanderfolgenden Konjunkturkrisen entstanden waren. Die Kreditausfälle sind im Jahr 2017 um etwa 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen – auch weil italienische Banken viele fragwürdige Kredite an eine wachsende Zahl internationaler Spezialfonds verkaufen, die in Mailand ihre Türen öffnen.

Italien schließt auf

Jährliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf in Prozent

© ZEIT-Grafik

Italiens vorige Regierung setzte etwa 20 Milliarden Euro staatliche Hilfen ein, um einige der besonders durchgeschüttelten Geldhäuser zu retten, besonders Monte dei Paschi di Siena, und um zwei mittelgroße Banken aus dem Veneto zu liquidieren. 20 Milliarden Steuergeld – das waren nur ungefähr 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Verglichen mit den Reaktionen anderer EU-Länder auf die Finanzkrise war das wenig. Nach Daten des Internationalen Währungsfonds erhöhten staatliche Hilfen für Banken die Schuldenquote um 40 Prozentpunkte in Irland, 19 Prozentpunkte in Griechenland, 7 Prozentpunkte in Spanien, 12 Prozentpunkte in Deutschland und auf Zypern und fast 15 Prozentpunkte in den Niederlanden. Was sich in Italien wie eine erdbebenartige Bankenkrise anfühlte, wirkt sofort ganz klein, wenn man sich anschaut, wie viel Kapital die anderen für ihre Rettungsmaßnahmen ausgeben mussten.