Der Musiker Kanye West hat, wie ich der Presse entnahm, kürzlich eine große Sause abgehalten im schönen US-Bundesstaat Wyoming, aus Anlass des Erscheinens seiner allerneuesten Platte Ye. Die geladenen Gäste – Journalisten, Musikgeschäftsleute, Prominenz – wurden für dieses Fest offenbar per Privatjet eingeflogen, nach der Landung in glänzende SUVs verfrachtet und sodann durch eine von Elchen und Steinböcken gesäumte Bergstraße wie in der Autowerbung zu einer "Ranch" gefahren. Dort standen sie, nach einer Speisung der Extraklasse, endlich um ein prasselndes Lagerfeuer, rauchten exzellentes Gras und lauschten dem neuesten Opus des großzügigen Gastgebers.

Hierzu muss festgehalten werden, erstens: fabelhaft, klingt nach einer fabelhaften, supertollen Party. Zweitens: klasse gemacht. Klasse, die an alle Agenturen geschickten Bilder, Rapper am Feuer, Top-Ästhetik. Drittens: diese neue Sachlichkeit! Hatte Kanye West zur Präsentation der vorherigen Platte doch noch den Madison Square Garden gemietet, jene riesige, legendäre Halle im Herzen Manhattans, und dort dann neben seiner Platte zusätzlich eine erschreckend gute Modekollektion plus ein groteskes Videospiel über die Himmelfahrt seiner Mutter vorgeführt und diese ganze Sache live in Kinosäle in der ganzen Welt schalten lassen.

Viertens: egal?

Kommen Sie. Natürlich ist das eigentlich fast alles egal. Beziehungsweise kann ja nicht alles, worüber berichtet und nachgedacht wird, gleich die Dimension von Gaulands Vogelschiss haben, mit dem er vor ein paar Tagen den Nationalsozialismus verharmloste. Zugleich gestehe ich, dass die Veranstaltung von Kanye West in Wyoming mich auf eine ganz seltsame Art an den Vogelschiss erinnert. Oder besser: Die Tatsache, dass es diese ganze Sause überhaupt gab, hat etwas Unheimliches, als könnte man, wenn man genau hinsähe, im Dunkel hinter den Menschen auf den Bildern vom Lagerfeuer schemenhaft die Umrisse von etwas Monströsem ausmachen.

Es geht nicht um Form und Format der Sache, denn keine Ahnung, wie zum Beispiel Lady Gaga ihre neueste Platte präsentiert, mit einem Massenvölkerballspiel, mit rohen Steaks als Wurfgeräten vielleicht, und Michael Jackson hat ja ganze Kinofilme drehen lassen, und man darf sich doch insgesamt freuen für die Musikindustrie, dass solche largesse wieder statthaft scheint.

Das Problematische ist eher, dass die Veranstaltung offenbar so eine Art Gang nach Canossa darstellte oder zumindest eine Charmeoffensive, nachdem der Musiker Kanye West in Interviews behauptet hatte, die schwarzen Sklaven Amerikas, zu deren Nachfahren auch er selbst zählt, hätten ihr Joch auch selbst bestimmt, indem sie es geduldet hätten, und nachdem Kanye darüber hinaus noch seine Sympathien für Donald Trump bekundet hatte. Seine Gäste sprachen auf der Party offenbar über nichts anderes, fanden es schlimm, waren aber dennoch gekommen.

Ich verstehe nicht, warum sie da waren, wenn sie es so schlimm fanden. Vielleicht wegen der Musik, aber über die sprach man wohl nicht. Vielleicht wegen der guten Bewirtung oder des guten Bilds auf Instagram. Vielleicht wegen irgendeiner Gelegenheit, die sich aus der Freundschaft mit Kanye West eines Tages ergeben könnte. Ich las, dass Kanye Wests Frau Kim Kardashian auch auf der Party war, und etwa zur selben Zeit ging ja auch das Foto von ihr neben dem Präsidenten Trump im Oval Office um die Welt, was war, als sähe man zwei Schwarze Löcher nebeneinander in einem Zimmer.

Diese ganze Sache ist verwirrend. Showbusiness und Politik waren einander nie fremd, man benutzte sich gegenseitig, aber es war immer klar, dass da zwei verschiedene Welten aufeinandertreffen. Mittlerweile sitzt ein Realitystar im Weißen Haus, und ein Musiker macht Politik. Schwer zu sagen, ob diese Party wichtig oder unwichtig war, weil unklar erscheint, wo eigentlich die Macht residiert. Deswegen kamen die Gäste wohl.

Wo große Unordnung herrscht, wird irgendwann der Schrei nach Ordnung laut. Vor diesem Schrei aber hüte sich, wer kann. Oft schreit so der Vogel, kurz bevor er scheißt.