Gitarrist Karl Ratzer begann als Rüpel-Rocker und wandelte sich schließlich zum subtilen Jazz-Musiker. © Horst Lennart

Konzerte von Karl Ratzer sind mittlerweile eine ziemlich statische Angelegenheit: Der Musiker, deutlich schlanker als noch vor einigen Jahren, aber immer noch ein beachtlicher Gitarrenkoloss, thront regungslos wie ein Buddha auf einem Sessel. Der mächtige, kahl rasierte Kopf leuchtet im Scheinwerferlicht, eine Sonnenbrille verleiht seinem Antlitz etwas Bedrohliches. Das Einzige, was sich in den nächsten eineinhalb Stunden bewegt, sind die Finger mit schwarz lackierten Nägeln. Und die können immer noch ganze Symphonien aus dem sechssaitigen Instrument herauszaubern. Ratzer beherrscht das rasante Single-Note-Skalenspiel im Stile John McLaughlins genauso wie eine ausgefeilte Akkordtechnik, die harmonische Erlebnisräume von höchster impressionistischer Raffinesse erschließt. Ein Naturtalent, ein Musikwunder, Österreichs unangefochtener Gitarrengott – auch heute noch.

Vor Kurzem hat die Plattenfirma Monkey Music unter dem Titel The early Years ein Album herausgebracht, das einen Überblick über die frühen Triumphe des Virtuosen verschafft: Von der Proto-Punk-Band The Slaves, mit welcher der Teenager die gesamte Wiener Konkurrenz an die Wand spielte, bis zur progressiven Supergroup Gipsy Love, bei der auch Peter Wolf mitmischte, der später in den USA in der Band von Frank Zappa die Keyboards bediente. "Ich kann das alte Zeug nicht mehr hören", sagt Karl Ratzer heute und reißt seine Stimme zu einem meckernden Lachen hoch. In den siebziger Jahren wandelte er sich zum Jazzgitarristen und spielte mit Stars wie dem Trompeter und archetypischen Heroinopfer Chet Baker oder dem Saxofonisten Lee Konitz. "Aber ich bin froh, dass diese Dinge jetzt wieder erhältlich sind. Bei Auftritten wird mir die Platte aus der Hand gerissen."

Der Musiker ist aber nicht nur ein Ausnahmegitarrist, sondern auch ein Master of Desaster, der sein Leben mit Drogen und anderen Exzessen mehrfach an den Rand des Abgrunds navigiert hatte und nie ganz einlösen konnte, was sein Talent an Karriereperspektiven verhieß. "Im Jahr 2010 war der Karli so gut wie tot," sagt seine Frau Anna, mit der er fast immer zusammen ist, die ihn coacht und manchmal als Übersetzerin seiner in einem eigenen Orbit kreisenden Gedanken fungiert. "Er war sehr dick, krank, abgefuckt. Kurz vor dem Herzinfarkt. Da hab ich gesagt: So kann ein König keinen Abgang machen. Du musst im Purpurmantel gehen, du musst stolz gehen."

Doch "Charly" Ratzer ist nicht gegangen, sondern zurückgekommen: Er hat sich von allen toxischen Substanzen befreit, sieht gesünder aus und tritt mit unterschiedlichen Formationen wieder regelmäßig auf – häufig mit dem international operierenden Vorarlberger Bassisten Peter Herbert, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, dem Gitarristen wieder jenen Platz im Scheinwerferlicht zu verschaffen, der ihm zusteht. Das neueste Projekt ist eine Art von luftigem, transparentem Kammer-Jazz mit einem weiblichen Cello-Quartett, das einige der zahlreichen unveröffentlichten Kompositionen von Karl Ratzer interpretiert – demnächst auch auf Platte.

Doch davor gab es fast 60 Jahre bunte, turbulente Musikgeschichte, in denen der 1950 in Wien geborene Ratzer, der schon im Alter von zwölf Jahren als Autodidakt auf der Gitarre seine erste Band gründete, mit seinem Instrument immer im Zentrum des Geschehens stand. Die erste wichtige Formation in einem grauen Sixties-Wien, in dem viele alte Nazis längst wieder wichtige Positionen bekleideten, hieß The Slaves und wollte das Gegenprogramm zum konservativen Proporzstaat sein. Den Slaves, einer Kopfgeburt des Sängers Paul Fisher, ging es vor allem darum, mit schulterlangen Haaren und ausgeflippter Kleidung aufzufallen und die Spießer vor den Kopf zu stoßen. Ihre Musik orientierte sich am Rüpel-Rock der frühen Rolling Stones, ihr Image an jenen delinquenten Jugend-Gangs, die man aus Filmen wie Denn sie wissen nicht, was sie tun kannte. Mastermind Fisher erdachte das Konzept einer "Beatband, die aus der Hölle kam". Und das zu einer Zeit, als allenthalben noch Beatles-Epigonen mit Pilzköpfen im Anzug um die Gunst von Schwiegermüttern buhlten. "Der Pauli war ein guter Typ, gebildet, sehr belesen", erinnert sich Karl Ratzer heute. "Aber er wollte auf Brutalo machen, auf Zuhälter." Einmal hätten sie in Bayern gespielt, und da seien ein paar betrunkene Jugendliche auf sie losgegangen. "Da hat der Pauli einen Revolver aus der Lederjack’n gezogen und gesagt: Wos is los?".

Die Proto-Punk-Show der Slaves machte Furore: Sie spielten mehrere Saisons im San Remo, dem heutigen Camera Club nahe der Mariahilfer Straße, einem ehemaligen Animierlokal, das zu einer Live-Location umgebaut wurde, in der die Drogenszene florierte. Dort sah sie ein Schweizer Boxpromoter, der das große Geld witterte und die bösen Buben die Eidgenossenschaft auf der anderen Seite des Rheins lockte. "Wir haben da im Verlauf von zwei Jahren 84 Konzerte gespielt", erzählt Ratzer. "So viele Dörfer gibt es in diesem Zwergenstaat eigentlich gar nicht." Danach war die Band am Ende: Zu wenig Erfolg, zu wenig Geld, keine Power mehr im Akku. Zurück in Wien, nahm Ratzer weitere Projekte in Angriff: Die Charles Ryders Corporation war wieder so ein wilder Haufen, der es nur zu ein paar Singles brachte. Anschließend verfolgte die Gruppe C-Department dann ein melodiöseres Romantik-Rock-Konzept mit Bläsersatz, hatte aber auch keinen durchschlagenden Erfolg. Weiter auf der Reise in die Wiener Pop-Archäologie: 1971 kam es schließlich zur Gründung von Gipsy Love, in der zwei Cousins des Gitarristen aus seiner weitverzweigten Roma-Verwandtschaft mitspielten: Jano Stojka, ein begabter Schlagzeuger, der früh an einer Überdosis starb, und Harry Stojka, der einzige Gitarrist in Österreich, der es in punkto Fingerfertigkeit mit Karl Ratzer aufnehmen kann. "Ich komme aus einem Milieu, in dem sich zwei verfeindete Clans befehdeten wie die Capulets und die Montagues in Romeo und Julia", erklärt der Gitarrist. Gipsy Love sei der Versuch gewesen, eine Art Familienzusammenführung in die Wege zu leiten. Man habe im 1. Wiener Bezirk eine Schallplatte aufgenommen. Im selben Gebäude, in dem später die Diskothek P1 das Tanzvolk in Schwingungen versetzte: "Da unten im Keller haben wir g’schlafen, da haben’s uns Würschteln mit Saft serviert, da konnten wir Acid fressen und rauchen. Und nebenbei haben wir unsere LP aufgenommen. Das war unser Leben."

Gipsy Love hatte das Potenzial in der progressiven Rockszene, die in Österreich ohnehin chronisch schwachbrüstig war, Furore zu machen und dem gerade entstehenden Austropop Paroli zu bieten. Doch wieder wurde nichts daraus: Es kam sowohl zu musikalischen wie zu privaten Meinungsverschiedenheiten, und das Bandprojekt flog in die Luft, noch ehe es von der Öffentlichkeit so richtig zur Kenntnis genommen worden war.

Karl Ratzer katapultierte sich mit einer radikalen Entscheidung aus der Misere heraus: Er folgte einer Einladung und zog im Jahr 1973 nach New York City, um in der Welthauptstadt des Jazz den Durchbruch zu schaffen. Tatsächlich fand er schnell Anschluss an das progressive Jazz-Milieu der USA. In den folgenden Jahren entstanden zahlreiche Alben, manche davon zeitgebunden im Stil der kommerziellen Fusion-Musik, aber immer veredelt durch eine Gitarrentechnik, die Virtuosität mit Charakter und Empfindungstiefe verbindet. Die schlechte Nachricht: "In Amerika waren die Drogen halt überall, damals in den siebziger Jahren", erinnert sich Ratzer. Eine Drogen-Connection war es auch, die ihm den Weg zu seinem wohl größten Engagement bereitete: "Ich war in der Third Avenue auf dem Weg zu einer Pizzeria, wo man Heroin kaufen konnte. Das war im Oktober oder November, und da ist ein Typ gestanden mit Sandalen und weißen Socken – Chet Baker. Er hat auch auf einen Dealer gewartet." Der amerikanische Star begleitete den österreichischen Gitarristen anschließend zu einem Konzert nach New Jersey und engagierte ihn vom Fleck weg für eine Europatournee im Jahr 1980. Glanz und Elend lagen eng beieinander: "Ich bin dann in Wien geblieben, denn ich wollte runter von den Drogen. Und ich wusste, dass es hier die größten Therapieerfolge gibt."

Seither lebt er mit seiner Frau Anna, die er 1982 als Stationsschwester im AKH kennenlernte, wieder in einer kleinen Wohnung im 20. Wiener Bezirk in der Nähe des Augartens, die seit Jahrzehnten der Familie gehört. Ein Domizil, "ziemlich funky", wie die Gattin sagt, vollgestopft mit Memorabilien: Fotos der Mutter und des Vaters Karl Stojka, Plakate von Revueveranstaltungen, Plattencover und Bilder des Gitarristen in seinen zahlreichen musikalischen Inkarnationen. "Viele von meinen frühen Wegbegleitern sind schon tot – Gott hab sie selig", sagt Karl Ratzer, dreht eine Gebetskette in den Händen und lässt seinen Blick irgendwo im Nirgendwo verschwinden. Er habe mit Österreich eigentlich nichts mehr zu tun haben wollen, er habe das Land ausgesperrt aus seinem Leben. "Doch jetzt freue ich mich wieder. Ich lebe hier einfach mein amerikanisches Leben weiter. Mit meiner Frau, mit meinem Gott, mit meinen Kumpanen – und mit meiner Musik."