Als Kaser Alasaad sein Diplom erhält, applaudiert ihm Justizministerin Simonetta Sommaruga. Der Imam, dunkler Anzug, helles Hemd, tritt nach vorne, nimmt das Couvert, schüttelt Hände. Angehörige, Freunde und Professoren haben sich in der Aula der Universität Bern versammelt. Warme Luft dringt durch die offenen Fenster an diesem Abend Ende Mai 2018, Alasaad ist jetzt diplomierter Seelsorger. Er ist einer von elf Absolventen, die den neuen Studiengang CAS Religious Care im Migrationskontext erfolgreich abgeschlossen haben.

Den Kontakt von Kaser Alasaad habe ich vor einem Jahr erhalten, im Frühling 2017. Isabelle Noth, Professorin für Seelsorge und Religionspädagogik an der Uni Bern, führte damals Aufnahmegespräche für ihren Studiengang durch. Sie fragte die Kandidaten, ob sie bereit seien, sich von mir begleiten zu lassen. Zwei von ihnen sagen zu.

Ich entscheide mich für den Imam in Volketswil, der größten Moschee im Kanton Zürich. Er ist 45 Jahre alt und stammt aus Syrien. Ich möchte wissen, wie das funktioniert, wie aus ihm ein Schweizer Seelsorger wird. Ich rufe Alasaad an, wir verabreden uns an einem Freitag im Juli, nach dem Gebet.

Das erste Treffen

Die weiße Moschee in Volketswil ragt aus dem Grau des Industriequartiers. Glasmosaike und Muster zieren die Fassade und die hohen Fenster. Ein großer, schlanker Mann im Umhang erwartet mich in seinem Büro im Erdgeschoss. Er hat einen roten Bart und Sommersprossen im Gesicht. Alasaad tritt mir entgegen und begrüßt mich. Er schüttelt meine Hand und sagt, ich solle ihn beim Vornamen nennen: "Ich heiße Kaser, wie Wasser." Am Tisch sitzen drei Frauen mit Kopftuch. Sie seien in Schwierigkeiten, sagt Kaser, deshalb werde er nun für sie beten.

Während der Imam betet, zeigt mir eine Frau die Moschee. Sie stellt sich als Safyya vor. Sie spricht Schweizerdeutsch und flötet, eigentlich heiße sie Irene. Sie zeigt mir das Restaurant, die Toiletten und Waschräume, den Gebetsraum, die Schulzimmer, die Bibliothek. Dort schenkt sie mir einen Koran, eine deutsche Übersetzung.

Nach der Führung gehe ich zurück zu Kaser ins Büro. Die drei Frauen sind mittlerweile verschwunden. Kaser sitzt am Tisch und sagt: "Ich bin ein demokratischer Imam." Er sage den Muslimen, die zu ihm kommen: "Ihr müsst euch an die Gesetze hier in der Schweiz halten." Seit Februar 2017 arbeite er in der Moschee in Volketswil, zuerst in einem 30-, seit Anfang Juli in einem 50-Prozent-Pensum.

Kaser spricht langsam, aber gut Deutsch. Manchmal fehlt ihm ein Wort, oder er fragt nach, weil er etwas nicht versteht. Er erzählt, dass er mit vier Brüdern und zwei Schwestern in Deir al-Sur, einer Stadt im Osten Syriens, aufgewachsen sei. Sein Vater war Schreibmaschinenlehrer, seine Mutter Hausfrau. Er habe ein Agraringenieur-Studium gemacht, später Arabisch und islamische Theologie studiert. Danach habe er als Arabischlehrer und Imam gearbeitet.

Kaser erzählt, er sei Teil der syrischen Opposition und deshalb auch einmal im Gefängnis gewesen. Nachdem der IS in seine Stadt einmarschiert sei, hätten ihn die Männer zur Zusammenarbeit aufgefordert. "Ich habe das abgelehnt, aber ich wusste, es ist gefährlich." Im September 2013 hätten er und seine Frau deshalb beschlossen zu fliehen. Mit dem Auto in die Türkei, von dort flogen sie mit ihren drei Kindern in die Schweiz, weil sein Bruder seit ein paar Jahren hier lebt. Die Familie wohnte zuerst in mehreren Asylzentren, heute leben sie in einer Wohnung in Zürich Leimbach.

Der erste Studientag

Kasers Seelsorgestudium beginnt an einem Montagvormittag im August 2017, Raum 004, Hochschulzentrum von Roll in Bern. Es ist kurz vor neun, zwei Teilnehmer warten schon.

Die Uni Bern bietet diesen Studiengang zum ersten Mal an. Die Weiterbildung dauert ein Jahr. Sie ist offen für Teilnehmer aller Konfessionen, in erster Linie sind aber Muslime angesprochen. Denn die Nachfrage nach muslimischen Seelsorgern ist groß. 360.000 Muslime leben heute in der Schweiz. Wenn sie als Flüchtlinge in einem Asylzentrum ankommen, als Insassen im Gefängnis sitzen oder als Patienten ins Spital müssen, werden die meisten von ihnen von christlichen Seelsorgern betreut. Weil die Behörden bis heute nicht wissen, welche Moscheen oder welche islamischen Organisationen sie anfragen sollen – und welchen sie trauen können.

Isabelle Noth möchte das ändern. Mit einem Studiengang, der zum Ziel hat, die Teilnehmer mit den schweizerischen Gegebenheiten vertraut zu machen. Mit dem Asylverfahren und dem Migrationsrecht, mit der Gesprächskultur, vor allem aber mit dem hiesigen, christlichen Verständnis von Seelsorge. Noth möchte aus Imamen, die vorbeten, Seelsorger machen, die zuhören.