Die Kirche fand, dass Krahns eigene Bildauswahl zu viel nackte Haut präsentiere. © Abb.: Julia Krahn, 33MM Isabel, 2014 © Julia Krahn, the artist

Das Spektakel war lange vorbereitet. Eigentlich sollten seit Ende Mai in der Hamburger Kirche St. Ansgar sieben Bilder der Künstlerin Julia Krahn hängen: 7,50 Meter hohe Fotos im Halbkreis um den Altar. Doch daraus wurde nichts. Die Kirche hat die Ausstellung im letzten Moment abgesetzt.

Ihr Pfarrer sagt: Er habe alles stoppen müssen, um seine Gemeinde zu schützen.

Die Künstlerin sagt: Sie sei schockiert über die Absage. Sie fühle sich wie eine Hochschwangere, die man kurz vor der Entbindung wieder aus dem Kreißsaal geschoben habe.

St. Ansgar, der "Kleine Michel", liegt leicht zurückgesetzt an der Ludwig-Erhard-Straße zwischen Innenstadt und St. Pauli. Im Krieg zerstört und später neu gebaut, ist die Kirche für katholische Verhältnisse kahl. Zwischen den hohen Säulen des Altarraums wären die Bilder von Julia Krahn gut zur Geltung gekommen, Motive aus ihrer Reihe 33 MM (Maria Magdalena). Zu sehen sind 33 Frauen aus dem Bekanntenkreis der Künstlerin, inszeniert in Posen der christlichen Bilderwelt. Was sofort auffällt: Viele der Frauen sind halb nackt, manche haben ein nacktes Kleinkind an ihrer Seite. Eine Frau stillt ihr Baby.

© Mayra Troncoso

Die geplante Schau in St. Ansgar sollte im Rahmen eines größeren Kunstprojekts namens Hinsehen. Reinhören. Die Kunst ist in den Kirchen zu sehen sein: Fünf Hamburger Gotteshäuser beider Konfessionen sind beteiligt. Man zeigt Gegenwartskunst von Ai Weiwei bis Rebecca Horn. Experimente wie diese gibt es seit einigen Jahren, etwa in Berlin. Kirche und heutige Kunst, die einander oft fremd sind, sollen sich näherkommen. Avantgarde trifft auf sakrale Räume, auch auf alte christliche Kunst, und umgekehrt. Der Reiz dieser Kollaboration ist: Sie kann den Blick auf beide Seiten verändern. Doch in diesem Fall zeigt die versuchte Vermittlung zwischen Kunst und Kirche vor allem, wie fern man sich ist.

Im Juli 2017 erhielt Krahn den Auftrag, ihre Madonnen im Kleinen Michel auszustellen. Im Internet und auf Bannern in Hamburg wurde dafür bereits geworben, doch Mitte Mai 2018 stoppte die katholische Seite das Projekt.

Warum?

Ein Anruf bei Julia Krahn in Mailand, wo sie seit 2001 lebt. Sie hatte sich an die ZEIT gewandt. "Ich will aus meinem Fall keinen Skandal machen", sagt sie. "Mir liegt an einer Debatte. Ich verstehe die Absage nicht. Warum darf man meine Bilder in einer Kirche nicht zeigen?"

Die 39-Jährige stammt aus Aachen. Ein Medizinstudium brach Krahn ab, um Künstlerin zu werden. Sie ist katholisch getauft, aber seit ihrer Jugend nicht mehr in der Kirche aktiv. Doch die Bilderpracht und offiziellen Rituale des Glaubens sind ihr wichtig. Anfangs inszenierte sie vor allem den eigenen nackten Körper, inspiriert von christlicher Ikonografie. Ihr berühmtestes Bild heißt Mutter. Es zeigt sie selbst mit entblößter Brust. Die hochseriöse katholische Zeitschrift Herder Korrespondenz druckte es auf ihrem Titel. Ein Bild der Künstlerin landete sogar auf dem Cover einer Vatikan-Publikation. Sie habe schon 15-mal "im kirchlichen Kontext" ihre Bilder ausgestellt, sagt Krahn. An was ist sie in Hamburg gescheitert?

Die Antwort lautet: zu viel Nacktheit.

Was ist so schlimm an ein paar nackten Brüsten?

Einer von mehreren Entwürfen Julia Krahns für den Altarraum in St. Ansgar. Alle wurden abgelehnt. © Ursprünglich geplante Ausstellungsansicht im Kleinen Michel, 33MM, © Julia Krahn

Ende Mai, zwei Männer im Pfarrbüro von St. Ansgar: Stephan Loos, Direktor der Katholischen Akademie Hamburg, die Mitveranstalter der Hinsehen-Ausstellung ist. Und Gemeindepfarrer Philipp Görtz. Der 46-jährige Jesuit, lässig in Jeans und graues T-Shirt gekleidet, wirkt genervt, wenn er über Julia Krahn redet. Als die beiden sich im März im Kleinen Michel trafen, gab es Spannungen: Die Künstlerin wollte das Kreuz aus der Mitte des Altarraums entfernen, sie fand, es störe ihre Installation. Der Pater protestierte. Man einigte sich, das Kreuz tiefer zu hängen. "Mit Bauchgrummeln", sagt Görtz.

Am meisten überrascht, woran die Zusammenarbeit nicht gescheitert ist. Nicht an der absurden Idee, ein Kreuz aus dem Zentrum einer Kirche zu verbannen. Nicht daran, dass eine Kirchenmitarbeiterin so frei war, aus Bildern der Künstlerin mal eben eine eigene Komposition zu basteln – mit lauter angezogenen Frauen.

Die Kirche fand inzwischen, dass Krahns eigene Bildauswahl zu viel nackte Haut präsentiere. "In dieser Plakativität kann ich das nicht zeigen", sagt Pater Görtz. "Das muss doch auch funktionieren, wenn ich Erstkommunion oder ein Requiem hier habe."

Sein Kollege Stephan Loos sagt: "Uns war nicht klar, dass Nacktheit eine solche Bedeutung für die Künstlerin hat." Merkwürdig, eine einfache Google-Suche nach Julia Krahn hätte das klargestellt.

Man könnte nun fragen: Was ist so schlimm an ein paar nackten Brüsten oder einem Baby, wie Gott es schuf? Sind das nicht Bilder, die seit Cranach, Rubens oder Caravaggio zuhauf in der Kirchenkunst auftauchen? Ja, aber in Zeiten der #MeToo-Debatte und vieler Missbrauchsskandale würden solche Motive eher verhüllt oder gar abgehängt, hielten die Kirchenvertreter der Künstlerin entgegen. Und jetzt sollen wir uns Bilder mit Nackten in den Altarraum holen? Bilder, die zwei Stockwerke hoch sind!

Julia Krahn sagt, sie sei fassungslos über die Ablehnung ihrer Kunst. "Wir werden geflutet von Gewaltdarstellungen. Zugleich sollen wir unsere Kinder oder eine stillende Mutter verdecken. Diese Schönheit, nach der unsere Gesellschaft hungert! Ob man im Bild eines nackten Kindes Schönheit oder Sünde sieht, liegt allein im Auge des Betrachters." Später schickt sie per Mail Zitate von Franziskus. Der Papst hat Mütter dazu ermuntert, im Gottesdienst Kindern die Brust zu geben.

St. Ansgar hat eine deutsche, eine philippinische und eine französischsprachige, größtenteils afrikanische Gemeinde. Auf deren "kulturelle Besonderheiten" müsse man Rücksicht nehmen, sagt Stephan Loos. Manche hat der mögliche Anblick nackter Kleinkinder nervös gemacht, weil es vor Jahren in St. Ansgar Missbrauchsvorwürfe gegen einen Pfarrer gab. Pater Görtz wiederum ist noch relativ neu in der Gemeinde. Er hat das Kunstprojekt von seinem Vorgänger übernommen.

Einer kennt das umstrittene Projekt von Anfang an: Alexander Ochs, 64, hat Julia Krahn für den Kleinen Michel vorgeschlagen und die gesamte Hinsehen-Schau kuratiert.

Der Galerist, ein engagierter Protestant, sitzt in Berlin-Charlottenburg. Altbau, frische Blumen, Wände voller Kunst und Kataloge. Seit 2007 hat er 32 Ausstellungen in Kirchen gebracht. "So etwas wie im und um den Kleinen Michel habe ich noch nicht erlebt", sagt er.

Er hat versucht zu vermitteln, als es schwierig wurde, auch als die Künstlerin begann, auf den Fotos die nackten Körperstellen zu verpixeln. Der Kirche gefiel das, doch Krahn wollte diese neuen Bilder mit dem Zusatz "zensiert" versehen. Die Künstlerin verstand die Hinzufügung als konzeptionelle Erweiterung, die Kirche verstand es als Frontalangriff – und sagte die Schau ab. Endgültig.

"Ich bedaure das", sagt Kurator Alexander Ochs. "Wir hätten am Ende noch eine gute Ausstellung in St. Ansgar produzieren können."

Bei den Kirchenleuten sieht er eine Unterlassungssünde: Sie hätten ihre Gemeinde kaum in das Kunstprojekt eingeweiht, zu wenig mit den Gläubigen darüber gesprochen. "Als im Berliner Dom das Bild einer nackten Frau gezeigt wurde, ist darüber sogar gepredigt worden!", sagt Ochs.

Am Ende wirkt der Plan, zeitgenössische Kunst im Kleinen Michel auszustellen, wie ein großes Missverständnis. Weil Gast und Gastgeber einander nicht verstanden haben. Weil eine Kirche nun mal keine Galerie ist und eine Künstlerin keine Dekorateurin. In St. Ansgar herrschte viel Angst davor, dass die Kunst Reibung, Risiko und Unvorhersehbares in ihre Kirche bringen würde. Also genau das, wofür Kunst da ist.

Die Ausstellung in fünf Hamburger Kirchen läuft noch bis zum 22. Juli 2018. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos: www.hinsehen-reinhoeren.de