Ein Krankenhaus kann Seismograf der allgemeinen Arbeitsbelastung in einer Gesellschaft sein. Im Moment zum Beispiel nimmt offenbar der Druck auf die Arbeitnehmer zu. Das wenigstens bemerkt Charly Gaul in seiner Migräne- und Kopfschmerzklinik in Königstein. Fehle zum Beispiel eine Frau jeden Monat zwei Tage, weil sie ihre Menstruation habe und deswegen Migräne, werde dies, anders als vor 20 Jahren, heute nicht mehr akzeptiert. "Wir haben ganz viele Patienten", erzählt Gaul, "bei denen der Arbeitgeber bei häufigen Kopfschmerzen sagt: Schonen Sie sich vier Wochen, aber hinterher muss es laufen."

Migräne kann Menschen nicht nur beruflich in Bedrängnis bringen. Sie kann extremes Leid verursachen. Jede noch so kleine Bewegung lässt den Kopf schier zerplatzen, Übelkeit oder sogar Erbrechen kommen hinzu, und Licht wird zur Qual. Bis zu drei Prozent der Bevölkerung haben an mehr als 15 Tagen im Monat Kopfschmerzen, oftmals ist es sogar Migräne, und sie schlucken ständig Tabletten. Ihre letzte Zuflucht sind die sogenannten Triptane – eine Substanzklasse, die dem Botenstoff Serotonin ähnelt. Als der erste Vertreter dieser Arzneien 1993 auf den Markt kam, galten sie als Retter. Doch es gibt viele Menschen, denen die Triptane selbst in Kombination mit anderen Medikamenten nicht mehr helfen.

Diesen Patienten verschafft möglicherweise bald etwas Neues Linderung: der Antikörper Erenumab. Vor zwei Wochen ist er unter dem Namen Aimovig in den USA zugelassen worden, im Herbst soll das in Europa geschehen. Zwei ähnliche Produkte sollen bald folgen. Bisher waren diese sogenannten monoklonalen Antikörper vor allem aus der Krebstherapie bekannt, wo sie bestimmte Strukturen auf Tumorzellen blockieren. Jetzt findet diese Immuntherapie zum ersten Mal gegen Migräne Anwendung.

Seit Langem ist bekannt, dass das sogenannte Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) bei Migränepatienten erhöht sein kann. Der Stoff ist an Entzündungsvorgängen beteiligt, erweitert die Blutgefäße und kann über den Kopfnerv Trigeminus Migräne auslösen (siehe Kasten). Der Antikörper Erenumab blockiert nun vorübergehend die Andockstelle für CGRP.

Das klingt nach einer Art Impfung, aber dieses Wort hört Gaul, der Generalsekretär der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft ist, nicht gern: "Es weckt bei den Patienten die Erwartung, dass sie eine Spritze wie bei Tetanus kriegen und hinterher gegen Kopfschmerzen geschützt sind. Das stimmt aber nicht." Die Patienten müssen sich vielmehr den Antikörper dauerhaft einmal im Monat injizieren.

Erenumab – ein Produkt der Pharmafirmen Amgen und Novartis – ist die erste Immuntherapie gegen den Kopfschmerz. Das Arzneimittel zielt jedoch nicht auf den akuten Migräneanfall, sondern wirkt als Prophylaxe für Patienten, die chronisch unter Migräneattacken leiden. Probanden mit mehr als acht Anfällen im Monat hatten in einer Studie durchschnittlich sechs Tage weniger Migräne. "Wir sehen einzelne Patienten, die extrem gut darauf ansprechen", sagt Uwe Reuter, der an der Berliner Charité Erenumab in einer Studie getestet hat. Allerdings hatten auch Patienten, die nur Placebos erhalten hatten, etwa vier Tage weniger Kopfschmerzen. Netto gehen also zwei migränefreie Tage auf das Konto des Antikörpers. Manche Experten nennen das neue Behandlungsprinzip deshalb zwar einen Fortschritt, aber kein Allheilmittel.

"Zusammengefasst wirkt der Antikörper nicht besser als die herkömmliche medikamentöse Prophylaxe", sagt Gaul, "aber er hat deutlich weniger Nebenwirkungen." Bisher brachen innerhalb von drei Monaten 30 Prozent eine prophylaktische Migränetherapie mit Antidepressiva oder Betablockern ab, mit Erenumab waren es nur rund zwei Prozent.

Diese Daten erfassen aber nur die vergleichsweise kurze Zeit der Erenumab-Anwendung in Studien. Schwierigkeiten mit Schmerzmedikamenten zeigen sich erfahrungsgemäß oft erst lange nach Markteinführung. Ob der Antikörper bei jahrelanger Nutzung risikolos ist, lässt sich aufgrund der kurzen Testzeiträume von bis zu einem halben Jahr deshalb bisher nicht sagen. Theoretisch könnte die vielfältige Wirkung des CGRP im Körper auf Blutgefäße problematisch sein. Die blutgefäßweitende Wirkung des CGRP schützt mutmaßlich bei Herzgefäßerkrankungen. Wird es durch das Medikament blockiert, könnte dies Herzinfarkte oder Schlaganfälle verschlimmern.