In welcher Stadt gibt es mehr Kriminalität? © Peter M. Hoffmann für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Herr Nagel, warum steht Hamburg bei der Kriminalitätsstatistik so viel schlechter da als München?

Udo Nagel: Manches kann man mit der Organisation und der Ausstattung der Polizei erklären, aber auch die Kultur in den Städten ist eine andere. Die Themen Sicherheit und Ordnung spielen bei uns in Bayern seit je eine große Rolle.

ZEIT: Die Zahlen sind frappierend. In München kommen auf 100.000 Einwohner rund 5.600 Straftaten, in Hamburg sind es gut 12.400. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Nagel: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Hier spielen viele Aspekte eine Rolle wie das historisch gewachsene Gefälle zwischen Norden und Süden, unterschiedliches Anzeigeverhalten der Bevölkerung, unterschiedliche soziale Kontrolle und eine andere Sicherheitskultur in Bayern. Vergessen darf man auch nicht, dass die polizeilich zu betreuende geografische Fläche in Hamburg etwa doppelt so groß ist wie in München.

ZEIT: Im Jahr 2002 sind Sie nach vielen Jahren als Kriminaldirektor in München als Polizeipräsident nach Hamburg gewechselt. Wieso gingen Sie aus Deutschlands sicherster Großstadt in eine der unsichersten?

Nagel: Deutschlands zweitgrößte Stadtpolizei mit 10.000 Mitarbeitern zu führen hat mich gereizt.

ZEIT: Haben Sie geglaubt, als bayerischer Polizist komme man überall klar – auch in Hamburg, wo die Wut über die gestiegene Kriminalität damals "Richter Gnadenlos" Ronald Schill in die Regierung gebracht hatte?

Nagel: Na ja, an einem Mangel an Selbstbewusstsein habe ich nie gelitten.

Udo Nagel © Frank Rollitz/Agentur Schneider-Press

ZEIT: Aber wussten Sie, worauf Sie sich einließen?

Nagel: Am Tag meiner Ernennung bekam ich kurz noch Bammel: Auf dem Weg vom Flughafen zur Innenbehörde hat der Fahrer allerlei erwähnt, was schiefläuft, Probleme über Probleme. Okay, dachte ich: Hier ist ja was los, und jetzt kommst du her und kennst dich überhaupt nicht aus. Hamburg kannte ich nur von einer verregneten Hafenrundfahrt. Als Polizeichef musst du aber ein Gefühl für deine Stadt bekommen. Deshalb hat mir in meiner Anfangszeit immer nach Dienstende ein Mitarbeiter die Stadt gezeigt. Wir sind abends im Auto umhergefahren.

ZEIT: Was ist Ihnen dabei als Erstes aufgefallen?

Nagel: In Hamburg galt es als ein No-Go, ein Handy im Auto zu lassen, weil das Fahrzeug dann aufgeknackt wurde. Das Problem kannte ich aus München nicht. Die beherrschenden Themen in Hamburg waren Drogenkriminalität und Jugendgewalt. Ich habe dort auch eine andere Polizeikultur vorgefunden. Ich erinnere mich gut an meine erste Besprechung mit den 20 leitenden Polizeidirektoren. Als ich das Wort ergreifen wollte, wurde mir klar gemacht, dass hier eine abwechselnde Moderation stattfinde und ich heute nicht dran sei.

ZEIT: Sie als der Chef mussten schweigen?

Nagel: Ja, das Prinzip hatte eine Unternehmensberatung eingeführt. Ich erfuhr auch, dass man alle Entscheidungen per Konsens trifft: "Wir diskutieren so lange, bis alle einer Meinung sind." Das war sehr ungewöhnlich für eine hierarchische Organisation. Ich fragte: Was ist, wenn ich anderer Meinung bin? "Dann haben Sie ein Vetorecht", hieß es. Aha, sagte ich, das verstehe ich so, dass man das Vetorecht sparsam anwenden sollte, weil es sonst schnell verpufft. Da haben alle genickt.

ZEIT: Wie ging es weiter?

Nagel: Eine typische Leitungsbesprechung dauerte meist von 14 bis 22 Uhr, endete aber ohne Entscheidung. Ich habe mir das ein Vierteljahr lang angeschaut, dann habe ich das Verfahren geändert. Wir haben insgesamt die Strukturen zentralisiert, wie ich es aus München kannte. Die gesamte Verbrechensbekämpfung durch Schutzpolizei und Kriminalpolizei wird dort zentral gesteuert.

ZEIT: War diese Umstellung schwierig?

Nagel: Ja, in Hamburg hat man traditionell dezentral gearbeitet. Jeder Leiter eines Polizeikommissariats betrieb seine eigene Art der Verbrechensbekämpfung. Jeder dieser Regionalfürsten konnte letztlich tun und lassen, was er wollte. Diese Struktur war schwer aufzubrechen, weil ich den Leuten Kompetenzen wegnehmen musste.