Wenn Denis Hartmann-Blath wissen will, wie der Experte seines Vertrauens seine Aktien managt, dann braucht er keinen Berater oder Banker anzurufen. Der 41-jährige Hamburger zieht sein Smartphone aus der Tasche und öffnet eine App namens Vaamo. Neben einer ansteigenden Kurve steht es: Aus 2.700 Euro, die er seit Ende 2016 nach und nach angelegt hat, sind 2.900 Euro geworden. Sieben Prozent Plus zeigt die App an. "Bisher stand da noch nie ein Minus", sagt Hartmann-Blath und lächelt. Eine andere Kurve zeigt, dass der Wert seines Depots im Jahr 2036 bei 46.500 Euro stehen könnte, wenn er so weiterspart und Vaamo sein Geld weiter erfolgreich am Kapitalmarkt anlegt.

Natürlich weiß Hartmann-Blath, dass Wertpapierkurse auch einbrechen können. Er hat es ja selbst erlebt: Kurz nach seinem Berufseinstieg als Personalentwickler im Jahr 2004 bekam Hartmann-Blath einen fünfstelligen Geldbetrag geschenkt. Ein Anlageberater riet ihm, den Großteil in einem offenen Immobilienfonds anzulegen. Doch just als Hartmann-Blath und seine Frau ein Haus kaufen wollten, schloss der Fonds – und er kam nicht an seine Einlage heran. Also musste er einen höheren Immobilienkredit aufnehmen. Und als ihn der Fonds nach Jahren auszahlte, war die Hälfte seines Einsatzes verloren. "Daraus habe ich gelernt", sagt Hartmann-Blath. Wenn Vaamo ein Berater aus Fleisch und Blut wäre, hätte Hartmann-Blath ihm sein Geld nicht anvertraut. Doch Vaamo ist kein Mensch. Er ist ein Robo-Advisor.

Robo-Advisors sind, auch wenn der Begriff es nahelegt, keine Roboter mit Greifarmen oder Sensoren. Sondern Computerprogramme, die Menschen beim Geldanlegen helfen. Dabei werten sie eine Vielzahl von Daten aus: In einem meist ziemlich einfachen Online-Fragebogen erfassen sie, welches Risiko ein Anleger eingehen kann und will, empfehlen ihm eine Anlagestrategie, nehmen sein Geld und handeln dann ganz automatisch mit den passenden Wertpapieren; zumeist mit Indexfonds, die ohne hohe Managementgebühren auskommen. Der Anleger kann per App oder Online-Zugang das Depot überblicken, Einzahlungen vornehmen, Sparpläne festlegen oder sich sein Geld jederzeit auszahlen lassen. Die Robos erleichtern es Unkundigen auf diese Weise, an der Börse Geld anzulegen; und sie versprechen dabei nicht nur transparenter, sondern auch günstiger zu sein als menschliche Vermögensberater.

In der Finanzwelt sind die digitalen Verwalter die neuen Stars. Die Beratung Oliver Wyman prophezeit ihnen "ungebremstes Wachstum" und prognostiziert, dass die Anleger in Deutschland den Robos im Jahr 2021 rund 35 Milliarden Euro anvertrauen werden – mehr als 30-mal so viel wie noch 2017. Anfangs waren es vor allem Finanzkundige, die ihr Kapital den digitalen Geldvermehrern zusteckten. Nun kommen auch jene auf den Geschmack, die Aktien bisher gemieden oder – wie Hartmann-Blath – am Kapitalmarkt schlechte Erfahrungen gesammelt haben.

Wie interessiert die neue Technik aufgenommen wird, beobachtet man zum Beispiel bei der Quirin Privatbank, die 2013 mit Quirion den ersten Robo in Deutschland anbot. Inzwischen habe jeder fünfte Quirion-Kunde keine Kapitalmarkterfahrung, sagt Bankchef Karl Matthäus Schmidt, der Anteil steige kontinuierlich. Wenn er demonstrieren will, wie vielfältig die Kundschaft schon ist, dann zeigt er ein paar jener Fotos, die der Robo zu Beginn von jedem neuen Kunden per Webcam aufnimmt, um dessen Identität zu verifizieren. Dabei wird das Gesicht mit dem Bild im Ausweis verglichen, den man in die Kamera hält. Das geschieht heute automatisch, aber die Mitarbeiter von Quirion können dem Robo jederzeit über die Schulter schauen. Jeder Robo hat menschliche Aufpasser.

Interessierte Anleger in Deutschland können inzwischen aus mehr als 20 Robo-Advisors wählen. Zu den Anbietern dieser Technik gehören junge Unternehmen wie Vaamo, Scalable Capital oder Ginmon, die selbst keine Banklizenz haben und deswegen mit Banken kooperieren. Diese Kooperation ist wichtig, denn bei den Banken sind die Depots der Kunden als Sondervermögen auch dann geschützt, wenn der Robo-Anbieter selbst pleitegehen sollte.

Aber auch etablierte Banken entdecken die Robos. 2017 startete die Commerzbank-Tochter comdirect ein Angebot namens cominvest, und auch die Deutsche Bank brachte mit Robin ihren digitalen Anlagehelfer an den Markt. "Mit den Robos ist es wie mit den Tagesgeldkonten", sagt André Bajorat: "Anfangs wusste kaum jemand, was das ist, aber inzwischen hat jeder eines."

Bajorat ist Unternehmer, man trifft ihn in einem hellen Loft in Hamburg-Altona. Hier sitzt sein junges Unternehmen namens Figo, das sich darauf spezialisiert hat, die Technologien von Banken und Finanz-Start-ups zu vernetzen. Der Bedarf dafür ist riesig.

Wenn es um Geldanlage geht, outet sich Bajorat als Profi: Er besitzt Aktien, handelt mit Bitcoin. Und seit gut einem Jahr lässt er mit einem Teil seiner Ersparnisse auch zwei Robos gegeneinander antreten – mal schauen, wer mit dem Geld besser umgehen kann.