Michelangelo: Das Jüngste Gericht

Michelangelos "Das Jüngste Gericht" in der Sixtinischen Kapelle © Pierpaolo Cito/AFP/Getty Images

Kaum ein Zeitalter war so berauscht von der menschlichen Nacktheit wie die Renaissance. Vor allem Michelangelo huldigte, päpstlich subventioniert, dem Körperkult. Waren in seiner Pietà von 1499 Jesus und Maria noch züchtig verhüllt, feierte gut 30 Jahre später Michelangelo in seinem "Jüngsten Gericht" an der Stirnwand der Sixtinischen Kapelle auf 200 Quadratmetern das sündhafte Fleisch. Der konservative Klerus war pikiert. 1563 verbot das Konzil von Trient jede unsittliche Darstellung in der christlichen Kunst. Ein Jahr später wurde Daniele da Volterra beauftragt, Michelangelos Blößen mit dem Pinsel zu bedecken. Seitdem kennt ihn die Kunstgeschichte als "Braghettone", den Hosenmaler.

Lucas Cranach d. Ä.: Adam und Eva im Paradies

Wer den Protestantismus für sittenstreng hält, hat Lucas Cranach d. Ä. vergessen. Obwohl Trauzeuge Luthers, produzierte Cranach Nackte in Serie – mal als Venus mythologisch entschärft, mal mit Schlange und Apfel religiös getarnt. Androgyn und deformiert wirken seine Nackten. Gerade deshalb nahmen die Künstler der Moderne sie zum Vorbild. Ob so viel Nacktheit in der Kirche im 16. Jahrhundert Anstoß erregte, ist nicht bekannt. Für einen Skandal im 21. Jahrhundert taugte sie sehr wohl: 2008 verbannten die Londoner Verkehrsbetriebe ein Plakat mit Cranachs Venus. Das Plakat, so die Begründung, verstoße gegen die Statuten, nach denen weder Männer, Frauen oder Kinder sexuell dargestellt werden dürften. Am Ende überlegten es sich die Verkehrsbetriebe doch anders. Cranachs Nackte waren rehabilitiert.

Francisco de Goya: Nackte Maja

Im Spanien der Gegenreformation war in und außerhalb der Kirche an die Verherrlichung des Fleisches lange nicht zu denken. Künstler wie El Greco und Zurbarán bannten die religiöse Inbrunst züchtig ins Bild. Dennoch brachte ausgerechnet das katholische Spanien die erste Schamhaar-Darstellung der Kunstgeschichte hervor. Goya gestaltete seine Maja Ende des 18. Jahrhunderts wie Praxiteles die Aphrodite mit und ohne Textil. Für Letzteres musste er sich vor der Inquisition verantworten. Epilog zum Skandal: Noch 1930 empörten sich Spaniens Katholiken, dass Majas Schambehaarung eine Goya-Gedenkbriefmarke ziert. Vergeblich.

Fernando Botero: Poupée

Die Skulptur "Poupee (La Muneca)" von Fernando Botero © Timothy A. Clary/AFP/Getty Images

Der Kolumbianer Fernando Botero mag seine Nackten gerne üppig. Wie Reinkarnationen der vor 25.000 Jahren von einem namenlosen Künstler geschaffenen Venus von Willendorf standen einige dieser Skulpturen 2008 in Venedig auf öffentlichen Plätzen und vor Kirchen. Viele Priester waren entsetzt und forderten die Entfernung der drallen Fruchtbarkeitsgöttinnen aus dem öffentlichen Raum. Besonders vor Kirchentüren sei so viel nacktes Heidentum deplatziert, so die Kritiker. Boteros Skulpturen symbolisierten lediglich Völlerei und Wollust. Der Protest hatte Erfolg: Die beanstandeten Figuren wurden entfernt, der Skandal war da, der Künstler pikiert. Botero: "Ja, kommandieren in Venedig jetzt die Pfarrer?"