Wenn man über Jeff Wall spricht, dann geht es erst einmal darum, was seine Fotografien eigentlich sind. Inszenierte Schnappschüsse? Illustrationen zu Büchern, die es nicht gibt? Ein Spiel mit kunsthistorischen Vorbildern? Gezielte, hochartifizielle Irreführungen? Oder einfach fotografische Gemälde voller Zitate, Nebenbedeutungen, optischer Fallen, Lesarten und schlicht: Schönheit?

Vielleicht liegt es daran, dass Jeff Wall nicht nur Fotograf, sondern auch Kunsthistoriker ist. Seine Arbeit, so scheint es, ist immer zugleich Kunst und Theorie der Kunst; Fotografie und die Frage nach ihren Grenzen. Forschende Kunst gewissermaßen.

Trotzdem wird man auch darüber reden, was zum Teufel dieser Künstler eigentlich zeigt. Gerade gibt es in Mannheim, wo die Kunsthalle einen riesigen Anbau erhalten hat, eine wunderbare Gelegenheit, die Bilder des Jeff Wall genauer zu studieren. Da sieht man, nur zum Beispiel: einen Mann, der mit einem unsichtbaren Gewehr auf Passanten zielt, drei Ansichten aus einem alten Mietshaus mit sehr schönen, sehr alten Teppichbelägen, eine Frau, die sich in einer Umkleidekabine ein vielmustriges Gewand über den Kopf zieht, einen Mann, der in einem Zimmer voller Lampen sitzt, einen Mann, der unter dem Tisch einer nicht gerade luxuriösen Küche schläft (genauer gesagt: nicht schläft, schließlich haben wir es mit Insomnia zu tun, wie der Titel verrät).

Immer wieder: halb geöffnete Türen, die höchstens erahnen lassen, was dahinter verborgen ist, Treppen mit ungewissem Ende. Wie absichtslos lesbare Zeichen, die beim Anschauen und bei der Bewegung vor den Bildern immer mehr zu leben beginnen und die, wenn man ihnen folgt, das Geschehen noch einmal in eine Geschichte verwandeln, eine Geschichte unter vielen möglichen allerdings. So lässt sich das Bild After "Invisible Man", das wir auf dieser Seite zeigen, zwar als Illustration zu dem Roman von Ralph Waldo Ellison lesen, zur Geschichte eines Mannes, der sich aufgrund seiner afroamerikanischen Identität für unsichtbar hält. Entsprechend kehrt uns der Protagonist den Rücken zu – und arbeitet doch, so lässt sich vermuten, im weitesten Sinne an der Verbesserung des Lichts, also daran, dass die Dinge (und er selbst) sichtbar werden.

In After "Invisible Man" kann man nicht nur das Verhältnis studieren, das Jeff Wall zu seinen Vorlagen entwickelt (eine Art unverschämte Zärtlichkeit), sondern auch den utopischen Gehalt vieler seiner Arbeiten. Alle Veränderung beginnt mit dem Erkennen. Alles Erkennen beginnt mit dem Sehen.

Jeff Wall widerspricht auch insofern dem Medium der Fotografie, als er sie nicht in Serien, Werkgruppen, Zuordnungen, nicht einmal in das hineinstellt, was man vielleicht eine historische Suchbewegung, den Leitfaden einer Recherche nennen könnte. Jedes Bild, und die Leuchtkästen sind zunächst das ideale Präsentationsmedium dafür, steht für sich. Und zu einer solchen Arbeitsweise gehört es wohl auch, nur sehr wenige Werke zu erzeugen. Welcher Fotograf könnte wohl von sich sagen, er habe zeit seines Lebens nicht mehr als 200 Arbeiten veröffentlicht?

Dass Jeff Wall Mitte der neunziger Jahre auch zur Schwarz-Weiß-Fotografie gefunden hat, also bewusst auf Elemente der "Überwältigung" verzichtet, die seine großen, bekannten Arbeiten ausmacht, hat nur einerseits mit Demut zu tun. Andererseits treibt er damit natürlich die Befreiung der Fotografie von ihren ursprünglichen Aufgaben, wie sie Technik, Ökonomie und ästhetischer Konsens ihr auferlegt haben, noch um eine Umdrehung weiter. Denn das Schwarz-Weiß stand in der Geschichte des Mediums vorrangig für die beiden Tendenzen "Dokumentation" und "Abstraktion". Nichts davon bei Jeff Wall.

Indem also Wall, der Künstler, der Theoretiker, gegen so ziemlich alle "Regeln" des Fotografierens verstößt, nahezu alle "großen" und eine Unzahl kleiner Theorien zur Fotografie über den Haufen wirft, tut er das Seine, um die Diktatur des Mediums über den Inhalt zu brechen. Wir wissen zu viel darüber, was ein Film "soll", was eine Fotografie "soll", was eine Installation "soll"; Jeff Walls Bilder machen, was sie wollen, und nicht, was sie sollen.

Und was sie wollen, ist, das Unheimliche und das Schöne, das Komische und das Melancholische, den ganzen Kram des Unsagbaren im Alltäglichen zu entdecken und aus dem Alltäglichen zu formen. So entsteht, schon wieder Utopie, ein enormer Reichtum.

Wie schön sind "Gebrauchsgegenstände", wenn man sie nicht nach Vorschrift gebraucht, wie schön sind kaputte Räume, wenn man sie als Subjekt-Bühnen begreift, wie bedeutsam wird "Triviales", wenn es in Vielzahl und Vielfalt gesehen wird. Wie suggestiv ist jeder Blick auf einen Eingang, eine Tür, eine Straße.

Natürlich lauert auch überall Gefahr, immer wieder stößt man auf Spuren des Verbrechens (ganz direkt beim Bild der Spurensicherung in dem Bild Search of premises, ein Titel, der uns noch einmal auf eine Möglichkeit aufmerksam macht: die Räumlichkeit erforschen). Oder man meint zu spüren, wie sich ein Unheil anbahnt, wie überall Ungemach lauern könnte. Es ist der Geist von Edgar Allan Poe, der Jeff Walls Räume durchwandert. Unter anderem.

Jeff Wall benutzt die Kunst der Fotografie gegen die Technik des Mediums, aber auch gegen seine Ökonomie. Aus der Verwendung eines "Massenmediums" mit (jedenfalls scheinbar) alltäglichen Zutaten und Protagonisten entsteht neue Einzigartigkeit. Dabei entgeht er der Versuchung eines künstlerischen one-trick pony. Er setzt die absurde Übertragung, also die Verwendung eines Mediums für Dinge, für die scheinbar andere Medien zuständig sind, keineswegs als billigen Effekt. Seine Motive sind so voller Grandezza, Geheimnis und Humor, dass man beim Betrachten jedes Bildes spürt, wie viel – im Kopf, im Raum, mit der Technik – passiert sein muss, um es zu erschaffen. Wie bei den großen Meistern der Malerei gibt es auch bei Jeff Wall Bilder, zu denen man immer wieder zurückkehren kann, die einem nie langweilig werden, die nie zu Ende erklärt werden können.

Was "dahinter" steckt, der Bezug auf Bilder, Filme, Romane, Ereignisse, steht in Spannung mit dem, was vorne geschieht. Man könnte es wohl eine Verzauberung des Alltäglichen nennen, bei der sich das Schöne immer mit etwas Unheimlichem unterhält.

Die Ausstellung läuft bis zum 9. September; weitere Informationen unter kuma.art/de