Manchmal, wenn alle ein bisschen nervös sind, können kleine Worte eine große Wirkung entfalten. "Die Sammlung" zum Beispiel. Monatelang geisterte sie durch Berlin, ohne dass man so recht wusste, was damit gemeint sein soll, bis sich in den vergangenen Wochen Konturen herausschälten. Programmatisch und personell. Der SPD-Altlinke Rudolf Dreßler soll interessiert sein, der Schriftsteller Ingo Schulze, die Grüne Antje Vollmer, der Liedermacher Konstantin Wecker und der Politologe Wolfgang Streeck.

Sonderlich überraschend sind diese Namen nun allesamt nicht. Ein paar Weggefährten Lafontaines, ein paar publizistische Unterstützer. Und der Altersdurchschnitt der Genannten liegt nur knapp unter 70 Jahren. Für eine Bewegung müsste es schon etwas mehr sein – und für das Ziel progressiver Mehrheiten im Parlament bräuchte es zumindest ein paar Unterstützer aus der aktiven Politik.

In der SPD allerdings reicht die Ablehnung bislang vom Generalsekretär bis zum Juso-Chef. Nur in den hinteren Reihen der Fraktion regt sich etwas. Die Parteilinken Cansel Kiziltepe und Marco Bülow erklären auf Anfrage, mit den Sammlern "im Gespräch" zu sein. Und bei den Grünen?

Ein Anruf bei einem vergnügten Jürgen Trittin, der gerade in seiner Küche hantiert.

"Sie wollen also mit mir über die Sammlungsbewegung sprechen, ja?"

"Genau."

"Wegen meines Alters?"

"Wegen Ihrer Gesinnung!"

"Ach, ich bin links und grün, aber nicht naiv!"

Auch sonst findet sich kein prominenter Linksgrüner, der etwas Freundliches zur Sammlungsbewegung sagen möchte. Trittin lästert noch ein bisschen über Lafontaines "Altherrenclub". Überhaupt sei diese Sammlung doch bloß ein Instrument im "brutalen Strömungskampf" der Linkspartei.

Der Mann, der sich mit Strömungskämpfen auskennt, lässt sich in seinem Büro in einen Sessel fallen. In der Auseinandersetzung zwischen Wagenknecht und der Parteivorsitzenden Katja Kipping, die die Partei derzeit entzweit, spielt Dietmar Bartsch eine entscheidende Rolle. Denn das vom Fraktionschef angeführte Reformerlager sichert seiner Co-Vorsitzenden Wagenknecht die Macht. Inhaltlich hat sich Wagenknecht, seitdem das Bündnis besteht, stückchenweise entradikalisiert und auf die Reformer zubewegt. Im Gegenzug halten die sich mit Kritik an Wagenknechts sammlungsbewegtem Treiben zurück.

Und so ist Bartschs Lieblingswort der "Korridor", den man bestimmen müsse. Zwischen Kipping und Wagenknecht, zwischen offenen Grenzen und nationalem Sicherheitsdenken. "Der Sieg des einen oder anderen Lagers würde eine Niederlage für die Partei bedeuten", sagt er mit leiser Stimme und fügt hinzu: "Jeder Machtkampf ist wie ein Gift, das langsam töten kann." Ein anderer Reformer droht: "Wenn Wagenknecht ihren Hass auf alles Linksliberale nicht zügelt, können wir das nicht mehr lange mittragen."

Bei den Unterstützern von Katja Kipping ist die Unversöhnlichkeit derweil auf ein beachtliches Maß angeschwollen. "Dann soll Sahra doch endlich die Machtfrage stellen", schimpft ein Vertrauter. Doch auf dem Parteitag in dieser Woche wird das vermutlich nicht passieren. Der Kampf zwischen den beiden Lagern dürfte über ein paar Spiegelstriche im Leitantrag und den Posten des Bundesgeschäftsführers ausgetragen werden.

Denn in der paradoxen Situation, in der sich die Linken befinden, drängen beide Seiten zwar auf eine Klärung. Aber jede scheut den offenen Konflikt.