Nach jüngsten Umfragen steht die SPD bei rund 17 Prozent, Grüne und Linke kommen jeweils auf etwa 10 Prozent. Was im vorigen Bundestag zumindest rechnerisch noch möglich war, ist in weite Ferne gerückt: eine Mehrheit für linke Politik in Deutschland. Zugleich scheint es schwer vorstellbar, dass nicht die Mehrheit der Bevölkerung eine Politik wählen würde, die für Abrüstung und Frieden, für höhere Löhne, bessere Renten und gerechte Steuern ist. Es gibt also einen eklatanten Widerspruch zwischen der mangelnden Zustimmung zu Parteien, die dem linken Lager zugerechnet werden, und dem Wunsch nach einer solidarischen Gesellschaft.

Wer diesen Widerspruch verstehen will, darf sich nicht nur den Kopf darüber zerbrechen, warum die SPD nicht aus dem Gefängnis ihrer Agenda-Politik herausfindet, sondern muss auch darüber nachdenken, warum die meisten Wähler, die der SPD abhandenkommen, nicht etwa zur Linkspartei wechseln, sondern entweder im Lager der Nichtwähler untertauchen oder der AfD ihre Stimme geben. Dass inzwischen mehr Arbeiter und Arbeitslose AfD wählen als SPD (oder Linkspartei), sollte jedem progressiven Geist schlaflose Nächte bereiten – macht es doch deutlich, wohin das politische business as usual eines Tages führen kann: zu einem deutschen Donald Trump im Kanzleramt. Wem vor einer solchen Perspektive graut, der muss die eingefahrenen Wege verlassen.

Es gibt einige europäische Länder, in denen aus dem Niedergang der traditionellen Parteien erfolgreiche linke Bewegungen entstanden sind, etwa Podemos in Spanien oder La France insoumise in Frankreich. Beide sind heute Wortführer der Opposition in ihren Ländern und setzen die Themen der öffentlichen Debatte. In Großbritannien hat sich die Labour Party mit Jeremy Corbyn zu echter Erneuerung durchgerungen und gute Aussichten, aus der nächsten Wahl als Sieger hervorzugehen. Und überall dort, wo ein neuer linker Aufbruch gelingt, sieht die politische Rechte schnell so alt aus, wie sie es verdient. Sollten das nicht hinreichende Gründe dafür sein, auch in Deutschland eine überparteiliche Sammlungsbewegung zu starten, die zusammenführt, was bisher getrennt agiert? Eine solche Bewegung könnte durch eine Mischung aus unkonventionellem Politikstil und moderner digitaler Infrastruktur, klassischen sozialen Forderungen und ungewohnten Gesichtern, die zum überwiegenden Teil selbst keine Politiker sind, jene vielen wieder erreichen, die sich in den vergangenen Jahren verärgert und entmutigt von den etablierten Parteien abgewandt haben.

Allerdings gibt es eine Gemeinsamkeit aller in Europa erfolgreichen linken Projekte: Sie haben in der Konsequenz mit dem Neoliberalismus gebrochen. Versuchen wir also, eine Antwort auf eine existenzielle Frage linker Politik zu finden: Warum ist die Befreiung aus dem Neoliberalismus so schwer? Sein Geheimnis besteht bekanntlich darin, dass er zwei gegensätzliche Begriffe von Freiheit verbindet. Er fordert die Freiheit für den Markt, damit sich die Akteure dort bestmöglich in Konkurrenz bringen können. Und er setzt die Menschen frei, sich selbst zu optimieren, um sich auf diesem Markt erfolgreich zu verkaufen. Freiheit ist eine schöne Sache, denken viele. Doch was meint Freiheit, wenn sie der Fuchs vorm Hühnerstall fordert?

Die konkreten Folgen dieser doppelten Freiheit dringen in alle Poren des gesellschaftlichen Zusammenhangs vor. Unter den Schlagworten Grenzenlosigkeit und Diversität haben sich die Widersprüche inzwischen zu einem Komplex aus Moral, Interessen und Herrschaftstechnik verquickt. Grenzenlosigkeit ist die Geschäftsgrundlage, mit der multinationale Konzerne demokratische Regeln umgehen, Steuern vermeiden und die heimischen Arbeitsmärkte unter Druck setzen. Und Grenzenlosigkeit ist für ein bestimmtes Milieu in den Wohlstandszonen eine moralische Pflicht und ein konkreter Genuss.

Wer für sich die Frage vermeidet, wie begrenzte Ressourcen gerecht verteilt werden können, wer nie existenziell erleben musste, dass Rivalität um knappe Güter zu Gewalt führt, und wer die Welt aus der Perspektive eines Menschen sieht, dessen soziale, intellektuelle und sprachliche Kompetenzen ihn befähigen, überall auf der Welt leben zu können, der lebt in einer anderen Welt als die meisten anderen. Die Fülle dieser Privilegien sei ihm gegönnt, wenn er denn auf die zentrale Frage eine befriedigende Antwort hätte: Warum sollen alle anderen Menschen seine Sicht auf die Welt teilen? Warum soll das der Arbeiter am Flughafen in Los Angeles tun, der den Koffer des Privilegierten aus dem Flugzeug lädt, die Näherin in Bangladesch, die dessen Designerklamotten anfertigt, oder der Müllwerker in Deutschland, der dessen ordentlich getrennte Mülltonnen leert?

Die Antwort auf diese Frage fällt fast immer enttäuschend aus. Man versuche, ökologisch korrekt zu leben, und sei an einem moralisch intakten Verhalten interessiert. Was übersehen wird, sind die materiellen Bedingungen einer solchen Moral. Man muss sich ein solches Leben leisten können, und man muss geschickt ausblenden, dass nicht alle die gleichen Privilegien genießen.