DIE ZEIT: Herr Professor Birkholz, wie kann es sein, dass Niels Högel, der größte Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte, jahrelang in Krankenhäusern sein Unwesen treiben konnte?

Michael Birkholz: Für die Fachöffentlichkeit war der Fall Niels Högel überhaupt keine Überraschung. Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas passiert. Unser Leichenschausystem ist marode, es lädt Mörder geradezu ein.

ZEIT: Heißt das, in Deutschland werden regelmäßig Menschen ermordet, ohne dass es jemand mitbekommt?

Birkholz: Aber ja! Experten gehen davon aus, dass jedes zweite Tötungsdelikt nicht erkannt wird.

ZEIT: Wie hoch, schätzen Sie, ist die Dunkelziffer der in Krankenhäusern und Heimen Getöteten?

Birkholz: Man kann davon ausgehen, dass auch in Krankenhäusern und insbesondere in Heimen jeder zweite Mord unentdeckt bleibt; dort stirbt etwa die Hälfte aller Menschen. Hinzu kommt, dass es weitaus schwieriger ist, einen Mord im Heim oder Krankenhaus aufzuklären.

ZEIT: Warum ist ein Mord dort schwerer aufzudecken als anderswo?

Birkholz: Weil das Personal über medizinisches Wissen verfügt, ihre Opfer – also die Patienten – bereits schwer krank sind und überall tödliche Medikamente zur Verfügung stehen. Es ist eine privilegierte Tätergruppe.

ZEIT: Sie erproben im Krankenhaus Delmenhorst ein Modell, das verhindern soll, dass sich Serienmorde wie die des "Todespflegers" Niels Högel wiederholen können.

Birkholz: Das Klinikum Delmenhorst musste unbedingt reagieren: Die Menschen haben massenweise das Krankenhaus gemieden, teilweise kamen bis zu 70 Prozent weniger Patienten.

ZEIT: Wie lassen sich Taten wie die von Niels Högel in Zukunft verhindern?

Birkholz: Morde werden sich nie gänzlich verhindern lassen. Aber unser Ziel muss sein, diese Taten zu erschweren und Täter so schnell wie möglich zu überführen. Niels Högel hat sich sehr sicher gefühlt – und konnte es auch. Morde in einem Krankenhaus sind nur durch ein Bündel von Maßnahmen effektiv zu bekämpfen. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Leichenschau. Unser Leichenschausystem gehört zu den ineffektivsten in Europa.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Birkholz: Alles steht und fällt mit dem "ersten Angriff", wie wir Rechtsmediziner sagen, also dem ersten ärztlichen Tätigwerden an der Leiche. Der erste Arzt, der zu einem Toten gerufen wird, stellt immer die Weiche: Ist der Mensch auf natürlichem oder unnatürlichem Wege gestorben? Dieser erste Arzt entscheidet alles: Kreuzt er auf dem Totenschein "natürlicher Tod" an, wird die Leiche begraben und fällt durch das Raster der Rechtsmedizin und der Polizei. Das ist die große, große Schwachstelle unseres Leichenschausystems. Denn die Tötungsdelikte, die übersehen werden, sind selten jene, bei denen die Axt noch im Kopf steckt. Es sind die diskreten, die unscheinbaren Morde, deren Zeichen nur der Fachmann erkennt.

ZEIT: Wie sieht denn ein solcher erster Angriff idealerweise aus?

Birkholz: Finde ich den Toten außerhalb des Krankenhauses vor, muss ich ihn sehr genau untersuchen, ebenso den Fundort: Stehen Schnapsflaschen unter dem Bett? Sind unerwartete Tabletten im Schrank? Liegt auf dem Tisch etwa eine Einberufung ins Gefängnis? Ich muss die Umgebung befragen: Was war der Tote für ein Mensch? Hat er gerade eine Million geerbt? War er chronisch krank? Aus all diesen Puzzlesteinen muss ich als Leichenschauer entscheiden: Geht hier alles mit rechten Dingen zu? Oder rufe ich den Staat?

ZEIT: Und wenn der Tote im Krankenhaus liegt?

Birkholz: Dann ist die Lage eine völlig andere. Alle Krankenhausleichen weisen Zeichen medizinischer Maßnahmen auf. Eine Leichenschau im klassischen Sinne bringt nichts. Den Fundort anzuschauen bringt auch nichts, die Krankenhauszimmer sind alle gleich. Ob etwas schiefgelaufen ist, merke ich nur, wenn ich mir noch einmal die wesentlichen Stationen des Krankheitsverlaufs vor Augen führe: Mit welcher Diagnose wurde der Patient eingeliefert? Welche Medikamente wurden verabreicht? Gab es Komplikationen? War der Todesfall zu erwarten oder nicht?