Staatsministerin Michelle Müntefering, 38 © Susie Knoll

DIE ZEIT: Frau Müntefering, waren Sie als Schülerin oder Studentin länger im Ausland?

Michelle Müntefering: Nein. Ich bin 1980 geboren, da war das für Kinder aus Arbeiterfamilien noch nicht selbstverständlich. Meine Auslandserfahrung war der Wohnwagen am Gardasee. Mit dem Auto über den Brenner, mit einer einzigen Peter-Maffay-Kassette, ich bin heute noch textsicher. Später gab es Sprachferien in England. Aber ich stamme aus dem Ruhrgebiet – so bin ich in einer Gesellschaft aus Zuwanderern groß geworden, mit Polen, Türken, Italienern, Griechen.

ZEIT: Auf dem Weltkongress Deutscher Auslandsschulen wird diese Woche von einem Boom berichtet: Neben 144 Deutschen Schulen im Ausland gibt es 2.000 Partnerschulen, an denen Schüler intensiv Deutsch lernen. Vor zehn Jahren gab es nur 500 dieser "Pasch"-Schulen. Wie kam es dazu?

Müntefering: Das Interesse an Deutschland wächst weltweit. Viele junge Menschen können sich vorstellen, hier zu studieren oder später für ein deutsches Unternehmen zu arbeiten. Deutschland ist demokratisch, sicher und hat eine florierende Wirtschaft. Wir sind inzwischen eine weltoffene Einwanderungsgesellschaft, das war lange anders.

ZEIT: "Cool Germany" titelte der Economist kürzlich. Warum gilt das Land jetzt auch als cool?

Müntefering: (lacht) Vielleicht weil Sandalen wieder in sind? Im Ernst: Die heutige Generation bewegt sich selbstverständlicher im Ausland als jede zuvor und hat eine interkulturelle Identität. Studierende und Schüler sind tolle Botschafter für unser Land. Auch der Umgang mit der eigenen Geschichte, unsere Selbstkritik, hat dazu beigetragen, dass "Cool Germany" möglich wurde. Wer hätte vor 70 Jahren gedacht, dass unser Land diese Entwicklung nehmen würde?

ZEIT: Leidet die Anziehungskraft nicht durch Rechtspopulismus und Ausländerfeindlichkeit?

Müntefering: Rassismus hat es immer gegeben. Der war nie weg. Gerade in Städten mit vielen Studierenden sieht man aber das weltoffene Deutschland. Jede Generation muss für diese Weltoffenheit kämpfen. Ich möchte daher ein Programm "Jugend erinnert" auflegen. Es fördert den Jugendaustausch und die Besuche von Gedenkstätten.

ZEIT: Wollen Sie die Auslandsschulen ausbauen?

Müntefering: Die 144 Deutschen Schulen sind hoch angesehene Bildungsinstitutionen, die wir weiter fördern, keine Frage. Nirgendwo sonst an ausländischen Schulen wird so viel Deutsch unterrichtet. Hier ist die Begegnung mit unserer Kultur besonders intensiv. Die Deutschen Auslandsschulen fördern wir mit rund 200 Millionen Euro jährlich. Zugleich wollen wir aber auch das Netzwerk der 2.000 Pasch-Schulen weiter ausbauen. Eine Pasch-Schule unterstützen wir mit rund 25.000 Euro im Jahr. Ich bin ein großer Fan unseres vielfältigen Netzwerkes im Ausland, weil es junge Menschen auf ihrem Bildungsweg an Deutschland bindet.

ZEIT: Locken Sie auf diesem Wege also Absolventen nach Deutschland – und schwächen Sie damit nicht systematisch deren Heimatländer?

Müntefering: Wir stehen im globalen Wettbewerb um die besten Köpfe der Welt. Bei uns sind derzeit 350.000 Studierende aus dem Ausland. Aber wir müssen auch in Ländern helfen, die unter Druck stehen, um den Brain-Drain zu verhindern. Das machen wir durch Stipendien und Wiederaufbauprogramme, etwa für den Irak, Syrien und Jordanien. Das ist Teil unserer Internationalisierungsstrategie, unserer Auffassung von globaler Verantwortung und unterscheidet uns von einem Land wie China, das ebenfalls massiv Studierende anwirbt.

ZEIT: Was ärgert Sie am Bild der Deutschen im Ausland am meisten?

Müntefering: Ich bin vorsichtig damit, zu sagen: So ist der Deutsche. Wenn ich Freunde im Ausland besuche und meine Wochenenden komplett durchgeplant habe, bekomme ich schon mal zu hören: "Du bist so deutsch!" Aber ist das jetzt typisch deutsch? Oder bin das vielleicht einfach ich?