Historiker ziehen in der Regel ein abgeschlossenes Ganzes bei ihren Betrachtungen vor, Journalisten wagen sich hingegen bisweilen auch an die Beschreibung von Unfertigem, wenn noch nicht absehbar ist, wohin der große Strom der Geschichte einst fließen wird. Einer dieser unmittelbaren Geschichtserzähler, die dennoch mehr als Momentaufnahmen liefern, war Otto Erich Deutsch. Kurz vor seiner Emigration im Jahr 1938 verfasste er einen in Vergessenheit geratenen, nie auf Deutsch erschienenen Bericht über den Untergang der Ersten Republik, den es nun aus Anlass der Erinnerungsrevue im Gedenkjahr 2018 wiederzuentdecken gilt.

Deutsch beschränkt sich auf die Ereignisse der ersten Monate des Jahres 1938, gewissermaßen eine Anatomie der Selbstaufgabe Österreichs, die durch Klarsicht der Analyse und Hellsicht der Prognose besticht. Der Titel des auf Englisch unter seinem britischen Namen Oswald Dutch publizierten Buches nimmt die Aussage vorweg: Thus Died Austria!

Es ist eine Endzeitbeschreibung. Dutch nimmt den fünf Jahre dauernden Kampf Österreichs um seine Unabhängigkeit und dessen ernüchterndes Ende in den Blick. Gewalt triumphierte am Ende über Kultur und Zivilisation: "Ein Kleinstaat kann nur durch ein System kollektiver Sicherheit geschützt werden, und als klar war, dass die kollektive Sicherheit gescheitert war, war auch Österreichs Schicksal besiegelt." Dutch ist illusionslos. Ihm war schon damals klar, dass Hitler Anfang 1938 für sein Großdeutschland bereits die nächsten Territorialziele ins Visier genommen hatte.

Oswald O. Dutch, 1894 in Wien als Otto Erich Deutsch zur Welt gekommen – und nicht mit dem gleichnamigen Musikologen und Schubert-Forscher zu verwechseln –, emigrierte im Frühjahr 1938 über die Schweiz nach Großbritannien. Im Exil verfasste er mehrere, damals viel beachtete Sachbücher zum politischen Zeitgeschehen, darunter ein Sammelporträt über Hitlers zwölf Apostel. Das Buch über das Ende Österreichs steht am Beginn dieser zeitgeschichtlichen Arbeiten und ist wohl sein persönlichstes.

Wer heute, nach 80 Jahren, zu diesem vergessene Buch greift, staunt zunächst über den unverstellten Blick. Verflogen war damals schon die zeitgenössische Illusion von einem "deutschen Wege" Österreichs, den zunächst Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und nach dessen Ermordung auch sein Nachfolger Kurt Schuschnigg beschreiten wollten. Dutch schildert Schuschniggs aussichtslosen Todeskampf kalt und ernüchtert als eine Sequenz öffentlicher Ansprachen, erfolgloser diplomatischer Demarchen und Niederlagen des Bundeskanzlers, die in die Katastrophe von Berchtesgaden mündeten. Schuschniggs Blatt war schlecht, und er war zudem kein ausgebuffter Spieler, als er am 9. März 1938 als letzten Akt des Dramas eine Volksbefragung "für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich" bei einer Versammlung der Vaterländischen Front ausrief, eine Volksbefragung, für die weder die Wahllisten gedruckt noch weitergehende Vorbereitungen getroffen waren. Hitler geißelte den Coup heuchlerisch und zugleich propagandistisch gewandt als manipulativ und nutze ihn als Steilvorlage für den Anschluss.

Gewiss, es fehlten Dutch in seiner Analyse die Informationen über Hitlers außenpolitisches Kalkül und die tieferen Einsichten in die Inszenierung der Nadelstiche, mit denen der deutsche Reichskanzler Schuschnigg bei deren Februar-Treffen am Berghof die Besonnenheit raubte. Doch über die Folgen des für Österreich und Schuschnigg gleichermaßen demütigenden Abkommens von Berchtesgaden gab sich Dutch keinen Illusionen hin. Er beschreibt die nach Berchtesgaden erzwungene Regierungsumbildung, bei welcher der Nationalsozialist Arthur Seyß-Inquart zum Sicherheitsminister aufstieg, sie war nur noch eine finale Etappe bei der Selbstauslöschung Österreichs.

Vieles kann man heute in den Geschichtsbüchern über die Ereignisse des Jahres 1938 nachlesen, doch beklemmend bleibt der Ton von Oswald Dutch, weil er den Geist der Zeit wiedergibt, als der Vorhang fiel. Die Drangsalierung und Verfolgung der Wiener Juden, die er ohne Blatt vor dem Mund ein Pogrom nennt, die Umstände des tragischen Endes des Kulturhistorikers Egon Friedell: All das ersteht dem Leser erneut vor Augen. Dutch besitzt ein genaues Gespür für die Nuancen, er bemerkt überrascht, wie wenig die "Anschluss"-Wirklichkeit des Jahres 1938 nach dem Geschmack der illegalen Nationalsozialisten in Österreich gewesen ist. Die Gewaltaktionen hatten – auch aus der Sicht vieler österreichischer Nazi-Anhänger – die Idee eines "Anschlusses" diskreditiert. Als eigentliches Ziel war die völlige Unabhängigkeit der österreichischen Nationalsozialisten von der reichsdeutschen Führung angestrebt worden.

Hätte Österreich im März 1938 Widerstand leisten können, als seine Unabhängigkeit einkassiert wurde? Dutch ist zu sehr Analyst, und er stand wohl noch zu sehr unter dem Eindruck der Ereignisse, als dass er auf diese Frage in seiner Schrift eine eindeutige Antwort hätte geben können. Interessant ist auch, dass der Habsburger Thronprätendent Otto, der sich von seinem Exil aus im Februar 1938 als Kanzlerkandidat ins Spiel zu bringen versuchte, in Dutchs Werk keine nennenswerte Rolle spielt.

Hat Oswald Dutch das Trauma von Österreichs Ende, das auch sein persönliches Trauma war, je verschmerzen können? Im Nachkriegsösterreich hat er als Wirtschaftsjournalist, unter anderem für den ORF, seine Spur gezogen. Zur Zeitgeschichte hat er sich nicht mehr zusammenhängend geäußert. 1983 starb er in London, fast 90 Jahre alt. Für seine Generation steht 1938 als große Lebenszäsur.

Dieses Jahr bleibt als ein Memento in der Geschichte Österreichs stehen. Es ist zugleich der Moment, in dem das nationalsozialistische Regime für das Ausland klar seine weitreichenden Ambitionen erkennen ließ. Nach innen hatte es in Deutschland schon im Jahr 1934, beim sogenannten Röhm-Putsch, einem Putsch, der keiner war, eher eine Abrechnung unter Gangstern, die Maske fallengelassen. Carl Zuckmayer, der Kärntner Guido Zernatto oder der britische Journalist G. E. R. Gedye haben eindringliche und bleibende Berichte über die Ereignisse jenes Schlüsseljahres der Geschichte Österreichs hinterlassen. Auch Oswald Dutchs unaufgeregte Analyse verdient es, aus dem verstaubten Bücherregal hervorgeholt zu werden. Sie gibt eine Ahnung von dem, dwas Carl Zuckmayer einst so unvergleichbar beschrieben hat: "Das Getöse des Weltuntergangs durchhallte die Luft."