Es sind knappe 110 Kilometer zwischen Rehau und Bamberg, die der 93-jährige Schriftsteller Eugen Gomringer immer noch mit dem Auto zurücklegt, um zu seiner Tochter Nora zu gelangen. Die Dichterin leitet dort das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia. Ganz schön beschwerlich findet Gomringer die Reise jedesmal. Denn auch literarisch und religiös liegen zwischen Vater und Tochter Welten.

Frage: Herr Gomringer, Ihr Gedicht "Avenidas" wird seit letztem Herbst in allen deutschsprachigen Medien hitzig diskutiert – 65 Jahre nachdem Sie es geschrieben haben.

Eugen Gomringer: Ich bin darüber völlig verwundert. Zuerst habe ich es gar nicht mitbekommen. Erst nach und nach erfuhr ich davon aus der Presse. "Avenidas" war ja auch jahrelang ein Schulgedicht. Viele Kinder haben die Struktur des Gedichtes benutzt, um eigene Gedichte zu schreiben.

Frage: Die Debatte hat Sie vom Schulbuchdichter zum Altherrenlyriker gemacht.

Eugen Gomringer: Das Etikett des Altherrenlyrikers löst bei mir Kopfschütteln aus. Bis im vergangenen Jahr wurde das Gedicht nie so verstanden. So besuchte ich einmal eine Primarschule und las mit den Schülern das Gedicht. Sie mochten mich, und sie mochten "Avenidas". Nach der Klasse bin ich zum Parkplatz gelaufen. Die Kinder rannten mir nach, und ein Mädchen fragte mich: Haben Sie eine Frau? Das zeigt doch, wie harmlos der Inhalt ist.

Frage: Nora, Ihr Vater ist überrascht. Sie aber sind deutlich verärgert. Was hat Sie bewogen, sich in dieser Debatte zu äußern?

Nora Gomringer: Ganz einfach: Da haben kunstferne Menschen über ein Gedicht und einen Dichter gerichtet. Mich nervt, dass die Diskussion völlig am Thema vorbeizielt.

Frage: Wie meinen Sie das?

Nora Gomringer: Wir reden jetzt seit Monaten darüber, ob "Avenidas" ein sexistisches Gedicht ist oder nicht. Da wird ein Kulturkampf herbeigeführt: Feministinnen gegen Frauenhasser, Establishment gegen freie Kunst, Junge gegen Alte. Im Gedicht geht es fast zufällig um Frauen, Alleen und Blumen. Würde da "Menschen" statt "Frauen" stehen, würde sich niemand über das Gedicht ärgern.

Frage: Tatsache ist aber: Das Gedicht handelt von Frauen und einem Bewunderer.

Nora Gomringer: Ich bin selber Feministin. Deshalb ärgere ich mich über alle antifeministischen Kreise, die mich als eine der ihren vereinnahmen wollen. Die mich sozusagen als gute Tochter und braves Mädel loben und sagen, richtig so, zeig’s diesen verdammten Emanzen. Und das ist noch das Zärtlichste, was da gesagt wird. Ich verteidige meine feministischen Schwestern sogar, auch wenn ich finde, dass sie germanistisch völlig auf dem Holzweg sind. Alle bleiben unbelehrbar und ziehen das Gedicht ins Lächerliche.

Frage: Können Sie der Kritik also wirklich gar nichts abgewinnen?

Nora Gomringer: Ich habe mich auch schon gefragt: Sitze ich hier in diesem saturierten Bayern und sehe die ganze Dramatik nicht? Habe ich einfach einen großen blinden Fleck? Doch für mich geht es bei diesem Gedicht nicht so sehr um den Inhalt. Es ist Konkrete Poesie. Die Struktur steht im Vordergrund. Dass das nie zur Sprache kommt, zeigt doch nur, wie wenig Wissen vorhanden ist. Der Lyrik hat dieser Streit nichts gebracht.

Eugen Gomringer: In "Avenidas" geht es doch darum, eine Wirkung mit ganz wenigen Worten zu erzielen.

Frage: Welche Wirkung soll "Avenidas" haben?

Eugen Gomringer: Es ist ein Manifest der Schönheit.

Nora Gomringer: Dass sich hier ein Gaffer über Frauen erheben soll, ist einfach absurd. Der Admirador ist durch dieses "y" mit allen anderen Elementen verbunden. Er ist Teil davon.

Frage: Nora, Sie haben "Avenidas" als theologisches Gedicht bezeichnet. Das liegt nicht auf der Hand.

Nora Gomringer: Bewunderung ist für mich eine Kategorie, die dem Staunen nahekommt. Sie ist vielleicht sogar die Steigerung davon. Das Gedicht bringt die Schönheit der Schöpfung zum Ausdruck.

Frage: Herr Gomringer, ist Bewunderung eine religiöse Kategorie?

Eugen Gomringer: Diese Deutung ist mir fremd. Bewundern kann ich zum Beispiel die Arbeit meiner Tochter, ihre Disziplin und dass sie so weit gekommen ist. Ich bewundere auch Schönheit und Ordnung. Aber das hat für mich nichts mit Religion zu tun.

Frage: Also doch kein Schöpfungsgedicht?

Eugen Gomringer: Ich interessiere mich für die Natur, ihre Schönheit und elementare Ordnung. Über die Natur bin ich nie hinausgekommen.

Nora Gomringer: Man darf auch nicht vergessen, wann du dieses Gedicht geschrieben hast. 1952, wenige Jahre nach dem Krieg. Es waren heilsame Zeilen in dieser Zeit. Da ist diese ungebrochene Art des Schauens. Ein Blick, der vielleicht nur von dir, einem Schweizer, kommen konnte. Die Menschen mussten das Schöne wieder wahrnehmen lernen.