Der Veranstalter des Volvo Ocean Race kooperiert mit dem Geomar-Helmholtz- Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, um die Mikroplastikforschung voranzubringen. Toste Tanhua vom Geomar in Kiel leitet das Projekt

DIE ZEIT: Herr Tanhua, die Segler einiger Teams versorgen Sie neuerdings mit Proben aus dem Ozean. Hatten Sie nicht mehr genug Mitarbeiter?

Toste Tanhua: (lacht) Doch, aber die Segler sind im Moment besonders wertvoll. Ihren Job könnte keiner von uns machen.

ZEIT: Was haben die Segler denn zu tun?

Tanhua: Eigentlich segeln sie in schnellen Booten um die Welt. Das ist fordernd, trotzdem nehmen sie noch Proben für uns.

ZEIT: Das können Sie nicht selber tun?

Tanhua: Ihre Strecke geht durch Teile der Welt, die schwer zu erreichen sind, an denen man kaum forschen kann. Wir haben eine Probe aus einem Teil des Ozeans bekommen, der so weit weg liegt von jeglicher Landmasse, dass das nächste Zeichen menschlicher Zivilisation die Internationale Raumstation ist.

Toste Tanhua ist Chemiker am Geomar in Kiel © Geomar

ZEIT: Wer hatte denn die Idee zur Kooperation?

Tanhua: Die Organisatoren des Volvo Ocean Race haben schon für die vergangene Ausgabe des Rennens angefragt, ob wir Interesse hätten. Interesse hatten wir, allerdings zu wenig Zeit zur Umsetzung. Jetzt hat es aber geklappt.

ZEIT: Wollen die Organisatoren damit das Image aufpolieren?

Tanhua: Natürlich ist es auch eine Frage des Images. Eine Forschung zu Plastik im Ozean ist gut für die Außenwirkung. Folgen Menschen dem Projekt, folgen sie automatisch auch dem Rennen. Und wenn eine Marke wie Volvo mit Naturschutz verbunden wird, ist das gut für den Umsatz. Trotzdem ist es schön, dass mit so etwas Sinnvollem geworben wird.

ZEIT: Ein großes Thema ist das Gewicht. Die Segler essen Tütenmahlzeiten und teilen sich Schlafsäcke, um Gewicht zu sparen. Wie kommt es, dass sie Ihnen erlaubt haben, Ihre Geräte einzubauen?

Tanhua: Eine Regel besagt, dass die Teams mit gleich schweren Booten antreten. Weil man es aber nicht schafft, die Boote alle gleich schwer zu bauen, bekommen die leichteren von ihnen Bleigewichte installiert. Bei zwei Teams haben wir statt Gewichten unsere Geräte eingebaut.

ZEIT: Wie aufwendig ist es, Proben zu nehmen?

Tanhua: Es gibt eine Klappe, die ohnehin einmal am Tag geöffnet wird, um Wasser einzulassen. Damit wird der Motor gekühlt, und es wird zu Frischwasser aufbereitet. Die Teams, mit denen wir zusammenarbeiten, müssen bei diesem Prozess nur einen Knopf mehr drücken. Außerdem müssen sie die Mikroplastikfilter täglich wechseln.

ZEIT: Das klingt nach viel Aufwand, wenn man sich bei Sturm im Südpazifik befindet und gerade etwa die Nacht durchgemacht hat. Wie haben die Segler auf die Kooperation reagiert?

Tanhua: Die waren mäßig begeistert. Gerade Liz Wardley, die für die Instandhaltung des Schiffs Turn the Tide on Plastic zuständig ist, hat gestöhnt. Die sind ja Sportler, die wollen vor allem gewinnen. Interessant wurde es, als es technische Probleme mit unseren Geräten gab. Wir wollten die Segler beruhigen, das Rennen hat schließlich Priorität. Sie haben trotzdem alles darangesetzt, das Gerät zu reparieren, Liz und den Seglern war das total wichtig. Da wusste ich: Jetzt haben wir das Team infiziert mit unserer Messkampagne.

ZEIT: Was haben Sie denn herausfinden können?

Tanhua: Wir haben in jeder der Proben Mikroplastik gefunden. Das ist schockierend, weil die Orte teilweise unvorstellbar weit weg vom Menschen sind. Größere Konzentrationen haben wir an Orten festgestellt, an denen eine Meeresströmung vorbeifließt. Vor Afrika zum Beispiel glauben wir Plastik gefunden zu haben, das eigentlich aus Indonesien kommt.

ZEIT: Und was lernen Sie aus den Daten?

Tanhua: Nur von einem Prozent des in die Meere geleiteten Plastiks wissen wir, wo es landet – wir haben viel zu wenig Messgeräte. Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir schnell mehr Daten brauchen. Inzwischen haben schon andere Veranstalter angefragt. Wir wissen jetzt, dass Segler sich als Forscher eignen, und werden versuchen, das Konzept weiter auszubauen.