Horst und Sieglinde Römer können immer noch nicht fassen, dass ihre Ersparnisse futsch sein könnten. Für mehr als 100.000 Euro haben sie der Anlagefirma P&R aus Grünwald in den vergangenen Jahren Container abgekauft, die diese dann zurückmietete, um sie in den Dienst großer Reedereien zu stellen. Quartal für Quartal hatte das dem Rentner-Ehepaar aus dem Lipperland einen vierstelligen Betrag eingebracht, eine wichtige Aufbesserung ihrer gesetzlichen Rente. Im Januar hatte Horst Römer sogar noch einmal Container nachbestellt, 42 Cent sollte jeder pro Tag einspielen, nach fünf Jahren wollte P&R sie zurückkaufen. Doch im März erfuhr das Paar aus dem Fernsehen, dass P&R insolvent ist. Die Mieten bleiben aus – und es ist völlig unklar, welchen Anteil ihres Geldes die Römers wiedersehen werden. "Das tut richtig weh", sagt Römer, der in Wirklichkeit anders heißt, aber seinen wahren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Nicht nur für die Römers, auch für mehr als 50.000 andere Anleger, viele von ihnen Senioren, beginnt das große Zittern. Dies ist der wohl größte Anlageskandal der Republik, es geht um 3,5 Milliarden Euro Einlagen, von denen der Großteil vielleicht längst versenkt ist. Inzwischen hat der Insolvenzverwalter mitgeteilt, dass statt der 1,6 Millionen Container, die P&R den Anlegern verkauft hat, wohl nur etwa 600.000 existieren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Und die Römers wären froh, wenn sie wenigstens die Hälfte ihres Geldes wiedersehen würden – ihr Anwalt hält 20 Prozent für realistisch.

Auf eine schnelle Klärung sollten die Anleger ebenso wenig hoffen wie auf baldige Rückzahlungen. Das lehren andere Anlageskandale. Die Pleite der Göttinger Gruppe vor zehn Jahren etwa traf 270.000 deutsche Sparer, die seitdem über eine Milliarde Euro zurückfordern. Noch immer wird ermittelt.

Die Liste der Rekordpleiten ist lang. Der Windkraftbetreiber Prokon hatte von insgesamt 75.000 Sparern insgesamt 1,4 Milliarden Euro Einlagen eingesammelt. Durch die Insolvenz verzichteten die Anleger auf 40 Prozent ihrer Forderungen. Seit der Pleite der Infinus AG zittern Medienberichten zufolge 41.000 Anleger um rund 800 Millionen Euro. Die S&K-Gruppe prellte Zehntausende um 240 Millionen Euro mit dem Verkauf von Immobilienanteilen. Und als der Containeranbieter Magellangruppe Insolvenz anmeldete, standen 8.000 Anleger in seinen Büchern mit 350 Millionen Euro Einsatz.

Die Fälle eint, dass alle Firmen zum grauen Kapitalmarkt zählten, den die Finanzaufsicht Bafin nicht kontrolliert – anders als Aktien- oder Fondsgesellschaften. Und sie verkaufen Finanzprodukte, die für Anleger viel riskanter und schwerer durchschaubar sind – Direktinvestments an Containern oder Windparks, Nachrangdarlehen, Genussscheine. Weil sie nicht überwacht werden, tricksen die Anbieter oft oder verkalkulieren sich. Ein Totalverlust sei möglich, warnt die Bafin.

Warum aber lassen sich auch heute noch so viele Anleger auf solche Geschäfte ein? Erkennen sie die Gefahr nicht? Im Fall P&R lässt sich das so erklären: Die Containerfirma ist schon seit über 40 Jahren am Markt aktiv. Sie war der "älteste Anbieter" in dem Geschäft und "Marktführer", so schwärmten Vertriebsplattformen. Allein das war für viele Anleger ein Argument, die Beteiligungen zu kaufen. Und P&R zahlte lange anstandslos: "Das Geld kam seit Jahren jedes Quartal", sagt Horst Römer, "also hat es uns gar nicht interessiert, ob es unsere Container wirklich gibt."

Wie die Römers sagen viele geprellte Anleger, sie hätten eine sichere Geldanlage gesucht und die Zinsversprechen für glaubhaft gehalten. Das bestätigt auch das Team Marktwächter Finanzen der Verbraucherzentralen. Es hat bundesweit 350 geschädigte Anleger befragt, die mit Graumarktprodukten finanziellen Schiffbruch erlitten: "Die Leute sind mehrheitlich nicht dumm oder gierig. Sie wollen Geld fürs Alter zurücklegen. Und viele von ihnen wollen das bankenunabhängig tun, weil sie das Vertrauen in die Banken verloren haben", sagt Wolf Brandes, Teamleiter der Marktwächter, "vor allem aber hatten 70 Prozent der Leute eine enge Beziehung zu den Vermittlern solcher Finanzprodukte." Und Aussagen von Beratern, die sie lange kennen, stellen Anleger viel zu selten infrage.

Inzwischen scheint klar, dass P&R zuletzt gar nicht so viel Geld erwirtschaftete, wie es auszahlte. Wenn Unternehmen die Zinsansprüche der Altanleger mit Einzahlungen von Neueinsteigern erfüllen, nennen Finanzexperten das ein Schneeballsystem. P&R könnte am Ende zumindest teilweise eines gewesen sein. "Das Modell war aber vermutlich nicht von Anfang an auf Betrug ausgelegt", sagt Fondsanalyst Stefan Loipfinger, der bereits vor Jahren vor Unstimmigkeiten in den P&R-Zahlen warnte. Er glaubt, dass die Firma erst in Schwierigkeiten geriet, nachdem ihre Umsätze wegen sinkender Mieten auf dem Container-Weltmarkt stark einbrachen. Da hatte sie schon einen riesigen Verwaltungsapparat aufgebaut und Anlegern Zahlungen versprochen. Sie hatte den Moment verpasst, das Geschäft auf ein gesundes Maß zurückzuschrauben.