Indonesien besteht aus so vielen Inseln, dass nicht einmal die eigene Regierung weiß, wie viele es sind. Im vergangenen Jahr startete sie eine Inventur, um sie zu zählen. Etwa 17.000 sollen es sein. 265 Millionen Menschen leben hier, zusammen mit Zehntausenden Tier- und Pflanzenarten. Es gibt Katzen, die so selten sind, dass nur eine Handvoll Fotos von ihnen existieren; Hornvögel, die von Wilderern gejagt werden, weil sie aus ihren Schnäbeln Schnitzerei anfertigen wollen; und Echsen, die ausgewachsene Büffel töten.

Die größte Karriere in Indonesien hat jedoch ein Baum gemacht. Einst kam er aus Afrika, um in Südostasien Gärten zu schmücken. Er wächst bis zu 30 Meter hoch, seine Krone besteht aus wohlproportionierten Palmwedeln, dazwischen wachsen Fruchtstände, die aus bis zu 4.000 orangeroten, pflaumengroßen Steinfrüchten bestehen. Elaeis guineensis ist schön anzusehen, die Ölpalme. Irgendwann entdeckten Bauern, dass sie mehr kann, als zu gefallen. Sie pressten die Früchte aus und gewannen daraus Öl.

Ein Flug über Sumatra zeigt die Auswüchse des Ölpalmen-Booms

Dem Öl verdankt die Pflanze eine Karriere, die man am besten aus einem Flugzeugfenster betrachtet. Man schaut hinunter auf Sumatra, eine der größten Inseln der Welt. Eine Dreiviertel-Flugstunde lang sieht man nichts als endlose, rechteckige Felder, jedes durchzogen von einem feinen Netz aus Pisten. Dazwischen liegen Häuser und Hütten, wie mit loser Hand gestreut, entlang der Straßen. Ein grünes, geometrisches Meer aus Palmen. Reihe um Reihe, Feld um Feld, bis zum Horizont.

Es hängt sehr von der Perspektive ab, wie man diese Dauerkultur einschätzt. Man kann darin ein grün gewachsenes Versprechen auf Fortschritt sehen, die effizienteste Art, Boden zu nutzen, eine Garantie auf Devisen und Hoffnung. Hoffnung im Kampf gegen Armut, für Bildung, Gesundheitsversorgung, Infrastruktur.

Man kann das Ganze aber auch ganz anders betrachten: als eine ökologische Wüste, als ein Verbrechen an der Natur oder als quadratkilometergroße Narbe ohne Hoffnung auf Heilung.

Für jede Sichtweise gibt es gute Argumente, die offenbar so einleuchtend sind, dass es viele Befürworter auf beiden Seiten gibt – aber kaum jemanden in der Mitte. Über die Argumente wird gerade auch in Brüssel gesprochen: Die EU-Institutionen Rat, Kommission und Parlament diskutieren die Zukunft des Palmöls. Es geht um die neue Erneuerbare-Energien-Richtlinie, die ab 2021 gelten wird. In der derzeit gültigen Fassung steht das Ziel, dass Mitgliedstaaten mindestens zehn Prozent ihres Kraftstoffs aus erneuerbaren Quellen beziehen müssen. Benzin etwa wird fünf bis zehn Prozent Bioethanol beigemischt, Biodiesel wird aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen: aus Raps- und Sojaöl – oder eben Palmöl.

2009 hatte die EU beschlossen, dass die Mitgliedstaaten Ernst machen sollten mit dem Klimaschutz. Die Idee erschien auf den ersten Blick einleuchtend. Anstatt weiter die fossilen Brennstoffe im Tank zu verheizen, erklärte man Äcker zu Ölfeldern, der Kraftstoff aus Pflanzen sollte die Kohlenstoffbilanz verbessern. Das war gut für die europäischen Landwirte: Die goldenen Blüten des Raps versprachen Einnahmen. Die verpflichtende Vorgabe aus Brüssel sicherte ihnen Zugang zum Markt – eine zusätzliche Unterstützung zu den großzügigen Flächenzulagen von mehreren Hundert Euro pro Hektar, die jeder Landwirt aus dem EU-Haushalt bekommt (siehe Text nächste Seite zur EU-Agrarpolitik).

Auch in Südostasien hörte man von den europäischen Plänen. Erfüllte die Lieferkette des Produkts die europäischen Anforderungen, durfte man liefern. Man liefert bis heute. Insgesamt gelangen etwa 15 Prozent der Gesamtproduktion nach Europa. Wie eine aktuelle Studie der NGO Transportation and Environment ergab, wurden im vergangenen Jahr 51 Prozent davon zu Biodiesel verarbeitet. Sie landen also im Tank und verbrennen. Ist das jetzt richtig oder falsch?

Das Europaparlament hat sich im Januar 2018 deutlich entschieden: falsch. In einem Vorschlag für die neue EEG-Richtlinie sprach es sich dafür aus, von 2021 an Palmöl nicht mehr zu den erneuerbaren Grundlagen für Biokraftstoff zu zählen. Palmöl würde damit zwar nicht verboten, wie oft behauptet wird, die EU würde das Pflanzenöl aber nicht mehr wegen seiner vermeintlichen Nachhaltigkeit unterstützen. Das löste in Indonesien und Malaysia heftige Proteste aus. Die beiden Länder dominieren den Weltmarkt, zusammen liefern sie etwa 85 Prozent der globalen Produktion. Indonesien verfügt über 15 Millionen Hektar Anbaugebiet, das ist mehr als die Landesfläche von Österreich und der Schweiz zusammengenommen. Malaysia hat immer noch über sechs Millionen Hektar Anbaufläche, was knapp der Größe von Bayern entspricht.